Baechle C, Stahl-Pehe A, Castillo K, Gontscharuk V, Holl RW, Rosenbauer J; Düsseldorf, Deutschland ; Diabetes Med 2020; online ahead of print; DOI: 10.1111/dme.14230

Fragestellung: Die Studie untersucht Zusammenhänge zwischen der Familien- und Haushaltsstruktur und der Inzidenz akuter Diabeteskomplikationen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit früher Diabetesmanifestation.

Methodik: Daten von 1 690 jungen Menschen mit Typ-1-Dia­betes im Alter zwischen 11 und 21 Jahren wurden analysiert, um Zusammenhänge zwischen der Familien- und der Haushaltsstruktur einerseits und der Zahl selbstberichteter schwerer Hypoglykämien oder Klinikeinweisungen wegen schwerer Hypoglykämie oder diabetischer Ketoazidose andererseits darzustellen. Zur Abschätzung der Assoziation wurde eine multiple negative binomiale Regression berechnet.

Ergebnisse: Junge Menschen, die bei einer alleinerziehenden Mutter lebten, wiesen gegenüber jungen Menschen, die mit beiden leiblichen Elternteilen zusammenlebten, eine höhere Rate an stationären Aufnahmen wegen einer Ketoazidose auf (Inzidenzrate 1,71; 95 % KI: 1,00 – 2,82). Das Verhältnis der Inzidenzrate für Klinikaufnahmen wegen einer Ketoazidose war ähnlich (1,67; 95 % KI: 0,91 – 3,07), wenn die Mutter mit einem Partner zusammenlebte, ebenso nahmen die Hypoglykämie-assoziierten Krankenhauseinweisungen zu (3,66; 95 % KI: 1,54 – 8,71). Teilnehmende, die mit einem alleinerziehenden Vater lebten, hatten eine 4,43-fach (95 % KI: 1,30 – 15,05) bzw. 10,42-fach (95 % KI: 1,55 – 70,22) höhere Rate an schweren Hypoglykämien und damit verbundenen stationären Aufnahmen. Wenn der Vater mit einer Partnerin zusammen lebte, war die Inzidenz der Klinikaufnahmen wegen einer Ketoazidose gegenüber der junger Menschen, die mit beiden Eltern zusammenleben, erhöht (3,48; 95 % KI: 0,96 – 12,63).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse dieser explorativen Analysen weisen auf unterschiedliche Häufigkeiten akuter Diabeteskomplikationen in Abhängigkeit von der Familien- oder Haushaltsstruktur hin. Wenn sie in zukünftigen Studien bestätigt werden, können sie dazu beitragen, junge Menschen mit Diabetes früher zu identifizieren, bei denen ein erhöhtes Risiko für akute Diabeteskomplikationen besteht.

Kommentar: Diese aktuelle deutsche Studie zeigt, dass auch unter der inzwischen weit verbreiteten Nutzung moderner Diabetestechnologien eine deutliche soziale Ungleichheit bezogen auf akute, lebensbedrohliche Komplikationen des Typ-1-Diabetes besteht. Es kann spekuliert werden, dass die Ansprüche moderner Technologien an Zuverlässigkeit, Kompetenz und Struktur im Alltag schwieriger von alleinerziehenden Eltern oder Patchwork-Familien erfüllt werden können. Einfache Therapiekonzepte und besonders Maßnahmen zur Prävention und zur sachgerechten Reaktion bei akuten Komplikationen, vor allem Ketoazidosen, sollten maßgeschneidert für diese Familien entwickelt und regelmäßig angeboten werden.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (1) Seite 52