Tran-Duy A, Knight J, Palmer AJ, Petrie D, Lung TWC, Herman WH, ­Eliasson B, AM Svensson, Clarke PM. Melbourne, Australien; Diabetes Care 2020; 43: 1741 – 1749

Fragestellung: Ziel war die Entwicklung eines Simulationsmodells auf Patientenebene zur Vorhersage des lebenslangen Morbidität- und Mortalität-Outcomes von Patienten mit Typ-1-Diabetes und als Instrument zur wirtschaftlichen Bewertung der Typ-1-Diabetes-Behandlung auf der Grundlage von Daten aus einer großen, longitudinal verfolgten Kohorte.

Methodik: Die Daten für die Modellentwicklung wurden aus dem schwedischen nationalen Diabetesregister bezogen. Es wurde parametrische proportionale hazard Modelle abgeleitet, die das absolute Risiko von Diabetes-Komplikationen und Todesfällen, basierend auf einer Vielzahl klinischer Variablen und der Vorgeschichte von Komplikationen, vorhersagen. Lineare Regressionsmodelle wurden verwendet, um die Progression der Risikofaktoren vorherzusagen. Es wurde eine interne Validierung durchgeführt sowie Schätzungen der Lebenserwartung stratifiziert für Alter und Geschlecht vorgenommen und die Auswirkung der wichtigsten Risikofaktoren auf die Lebenserwartung bestimmt.

Ergebnisse: Die Studienpopulation bestand aus 27 841 Patienten mit Typ-1-Diabetes mit einer mittleren Follow-up-Dauer von 7 Jahren. Die interne Validierung zeigte eine gute Übereinstimmung zwischen der vorhergesagten und der beobachteten kumulativen Inzidenz von Todesfällen und zehn Komplikationen. Die simulierte Lebenserwartung war ca. 13 Jahre niedriger als die der geschlechts- und altersentsprechenden Allgemeinbevölkerung, und Patienten mit Typ-1-Diabetes müssen damit rechnen, ca. 40 % ihres verbleibenden Lebens mit einer oder mehreren Komplikationen zu leben. Die Sensitivitätsanalyse zeigte, wie wichtig es ist Nierenfunktionsstörungen, Hypoglykämie und Hyperglykämie zu verhindern sowie den HbA1c zu senken, um
das Risiko von Komplikationen und Todesfällen zu verringern.

Schlussfolgerung: Das Modell war in der Lage das Fortschreiten der Risikofaktoren und Ereignisverläufe zu simulieren, die gut mit den beobachteten Ergebnissen übereinstimmen, und Ereignisse zu projizieren, die über die Lebenszeit des Patienten auftreten. Das Modell kann als Instrument zur Abschätzung der Auswirkungen sich ändernder klinischer Risikofaktoren auf das Morbidität- und Mortalität-Outcome dienen und so auch wirtschaftliche Bewertungen von Interventionen bei Typ-1-Diabetes abgeben.

Kommentar: Die sehr komplexen Analysen dieser Studie sind nicht nur für wirtschaftliche Berechnungen interessant, sondern zeigen auch auf individueller Ebene den Einfluss wichtiger Risikofaktoren: So bewirkt allein der Anstieg des BMI von 25,0 und 28,7 kg/m2 bereits den Verlust knapp eines Lebensjahres, wohingegen z. B. die Absenkung des HbA1c von 8,0 % auf 6,7 % die Lebenserwartung um ein Jahr verlängert. Insbesondere die Nierenfunktion und der HbA1c sind einflussreiche Risikofaktoren. Interessanterweise zeigt sich erneut, dass die Triglyceridspiegel bei Typ-1-Diabetes in Modellberechnungen einen höheren Einfluss auf die Lebenserwartung haben als LDL oder HDL.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (4) Seite 40