Little SA, Speight J, Leelarathna L, Walkinshaw E, Tan HK, Bowes A, ­Lubina-Solomon A, Chadwick TJ, Stocken DD, Brennand C, Marshall SM, Wood R, Kerr D, Flanagan D, Heller SR, Evans ML, Shaw JAM; Newcastle, Vereinigtes Königreich Großbritannien (UK).; Diabetes Care 2018; 41: 1600 – 1607

Einführung: Die schwere Hypoglykämie ist eine gefürchtete Komplikation bei Typ-1-Diabetes; dennoch wurde nur in wenigen Studien untersucht, ob eine Prävention durch ein optimiertes Selbstmanagement (Schulung, therapeutische und technologische Unterstützung) wirksam ist. Die Autoren haben untersucht, ob die verbesserte Wahrnehmung und die Reduktion schwerer Hypoglykämien, die während einer randomisierten klinischen Studie mit einer intensiven Therapie erreicht worden waren, während der folgenden Routineversorgung erhalten blieben.

Methodik: Insgesamt wurden 96 Erwachsene mit Typ-1 -Dia­betes (29 ± 12 Jahre Diabetesdauer) sowie zusätzlich einer gestörten Hypoglykämiewahrnehmung aus fünf spezialisierten Diabeteszentren (UK) in die Studie aufgenommen. Dabei handelte es sich um eine 24-wöchige randomisierte klinische Studie mit einem 2 x 2 faktoriellen Design (HypoCOMPaSS). Die Teilnehmer wurden randomisiert entweder der Gruppe mit einer Insulinpumpe (CSII) oder mit mehrfach täglichen Injektionen (MDI) zugewiesen, außerdem nutzten sie entweder eine kontinuierliche subkutane Glukosemessung (rtCGM) oder Blutglukosemessungen (SMBG). Alle Gruppen erhielten vergleichbare Schulungen und Unterstützungen. Nach 24 Wochen nahmen alle Teilnehmer wieder an der Routineversorgung teil. Die Nachuntersuchungen erstreckten sich über 24 Monate. Dabei hatten die Teilnehmenden die freie Wahl zwischen MDI oder CSII, der Vergleich zwischen RT-CGM vs. SMBG wurde über die zwei Jahre fortgesetzt. Das primäre Ergebnis bezog sich auf die Gruppenunterschiede bezogen auf die Veränderung der Hypoglykämiewahrnehmung zwischen Studienbeginn und der Folgeuntersuchung nach zwei Jahren.

Ergebnisse: Die Verbesserung der Hypoglykämiewahrnehmung blieb erhalten (Gold Score initial 5,1 ± 1,1 vs. 24 Monate 3,7 ± 1,9; p < 0,0001). Die Rate schwerer Hypoglykämien sank von 8,9 ± 12,8 Ereignissen/Personenjahr in den 12 Monaten vor der Studie auf 0,4 ± 0,8 während der folgenden 24 Monate (p < 0,0001). Das HbA1c verbesserte sich ebenfalls (initial 8,2 ± 3,2 % [66 ± 12 mmol/mol] vs. 24 Monate 7,7 ± 3,1 % [61 ± 10 mmol/mol]; p = 0,003). Die verbesserte Therapiezufriedenheit und die reduzierte Hypoglykämieangst blieben bestehen. Nach 24 Monaten ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Interventionsgruppen.

Schlussfolgerung: Eine optimierte Insulintherapie und ein Glukosemonitoring, die durch eine Hypoglykämie-spezifische strukturierte Schulung ergänzt werden, sollten allen Patienten mit Typ-1-Diabetes und gestörter Hypoglykämiewahrnehmung angeboten werden.

Kommentar: Die für das britische Gesundheitssystem ungewöhnlich umfangreiche Schulung, die etwa den Standards deutscher Diabetesschulungen entspricht, führte zu eindrucksvollen und stabilen Verbesserungen der zuvor unzureichend behandelten Patienten in UK. Interessant ist dabei, dass die Art der Insulintherapie zu keinen relevanten Unterschieden in den somatischen und psychischen Ergebnisparametern geführt hat. Letztlich wird dadurch die Bedeutung einer individuell zugeschnittenen, ausführlichen Schulung für Patienten mit Typ-1-Diabetes unterstrichen, die auch explizit die Prävention von schweren Hypoglykämien im Alltag anspricht.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (4) Seite 50