Cook AJ, DuBose SN, Foster N, Smith EL, Wu M, Margiotta G, Rickels MR, Speight J, de Zoysa N, Amiel SA; London, UK; Diabetes Care 2019; 42: 1854 – 1864

Fragestellung: Trotz großer therapeutischer Fortschritte stellen Hypoglykämiewahrnehmungsstörungen (IAH) und wiederholte schwere Hypoglykämien (RSH) weiterhin für Menschen mit Typ-1-Diabetes (T1D) erhebliche Probleme dar. Die Autorinnen untersuchten die Einstellungen zu Hypo- und Hyperglykämien unter Erwachsenen mit T1D mit und ohne IAH oder RSH.

Methodik: Eine multizentrische US-amerikanische Querschnittsumfrage erfasste Einstellungen zur Wahrnehmung von Hypoglykämien (A2A; ein 19-Item-Fragebogen zu Einstellungen gegenüber Hypoglykämien), den Gold-Score (Einzelpunkt: Hypoglykämiewahrnehmung) und eine Frage zur Zahl schwerer Hypoglykämien im vergangenen Jahr. Die Umfrage wurde per E-Mail an 6 200 erwachsene Teilnehmer der jährlichen Datenerfassung des T1D-Exchange-Klinikregisters gesandt. Die A2A-Daten wurden mittels einer Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation ausgewertet.

Ergebnisse: Unter den 1 978 Antwortenden (Rücklauf 32 %), waren 61,7 % Frauen, das mittlere Alter (Mittelwert ± SD) betrug 39,6 ± 16,3 Jahre und die Diabetesdauer 23,1 ± 13,8 Jahre. Insgesamt berichteten 37 % von einer gestörten Hypoglyk­ämiewahrnehmung, 16 % von wiederholten schweren Hypoglykämien und 9 % von beidem. Die A2A-Items konnten drei Faktoren zugeordnet werden, die sich abhängig von der Erfahrung mit schweren Hypoglykämien Hypoglykämie unterschiedlich verteilten. Teilnehmende mit IAH oder RSH waren angemessen über Hypoglykämien besorgt. Dabei stellten diejenigen mit IAH Sorgen über Hyperglykämien mehr gegenüber Hypoglykämien in den Vordergrund als diejenigen mit einer intakten Hypoglykämiewahrnehmung (p = 0,002). Teilnehmende mit wiederholten schweren Hypoglykämien (RSH) bewerteten asymptomatische Hypoglykämien als normaler als diejenigen ohne schwere Hypoglykämien (p = 0,019), sie tendierten dazu, Sorgen wegen Hyperglykämien in den Vordergrund zu rücken (p = 0,097), dies traf insbesondere auf diejenigen mit IAH und RSH zu.

Schlussfolgerung: Erwachsene mit Typ-1-Diabetes mit IAH und RSH berichten von typischen Kognitionen und Einschätzungen in Verbindung mit Hypoglykämien und Hyperglykämien. Diese könnten die Vermeidung von Hypoglykämien beeinträchtigen und damit der Wiederherstellung der Hypoglykämiewahrnehmung entgegenstehen. Diese Einstellungen könnten modifiziert werden und als Ansatzpunkt dienen, damit besonders vulnerable Personen zukünftig Strategien zur Vermeidung von Hypoglykämien entwickeln.

Kommentar: Aktuelle Daten des T1D-Exchange-Registers allgemein weisen auf eine unzureichende Stoffwechsel­einstellung der Mehrheit der eingeschlossenen Patienten mit Typ-1-Diabetes hin. In dieser selektiven Stichprobe Erwachsener fällt der hohe Anteil der Teilnehmenden mit einer Hypoglykämiewahrnehmungsstörung und/oder schweren Hypoglykämien auf. Trotz dieser Limitation wird hier deutlich, wie sehr einige Patienten durch massive Ängste vor Folgeerkrankungen die Risiken durch schwere Hypoglykämien und Wahrnehmungsstörungen unterschätzen oder sogar leugnen. Diese (oft irrationalen) Ängste sollten auch in der Deutschen Diabetesversorgung erfragt und ggf. korrigiert werden, um Betroffene zu entlasten und sie vor Risiken durch langfristige Hypoglykämien zu schützen.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2020; 20 (1) Seite 56