Ma J, Rosas LG, Lv N, Xiao L, Snowden MB, Venditti EM, Lewis MA, ­Goldhaber-Fiebert JD, Lavori PW; Chicago, USA; JAMA 2019; 321: 869 – 879

Fragestellung: Die Koexistenz von Adipositas und Depression erhöht das Risiko für Morbidität und Behinderungen. Wirksame Behandlungsansätze stehen hier weiterhin noch aus. In dieser Studie wurde überprüft, ob eine integrierte Intervention sowohl die Adipositas wie auch die Depression innerhalb von 12 Monaten signifikant gegenüber der Standardversorgung verbessern kann.

Methodik: In die randomisierte klinische RAINBOW-Studie (Research Aimed at Improving Both Mood and Weight) wurden 409 Erwachsene mit einem Body Mass Index (BMI) von 30 oder höher (≥ 27 bei Asiaten) und einen Summenwert von 10 oder höher im Patient Health Questionnaire (PHQ-9) eingeschlossen. Die Rekrutierung fand vom 30. September 2014 bis zum 12. Januar 2017 in der Primärversorgung eines Gesundheitsanbieters in Nordkalifornien statt. Die Studie wurde mit der letzten Folgeuntersuchung nach 12 Monaten am 17. Januar 2018 abgeschlossen. Alle Teilnehmenden, die zufällig der Intervention (n = 204) oder der Kontrollgruppe mit üblicher Behandlung (n = 205) zugewiesen worden waren, wurden medizinisch von ihrem persönlichen Arzt behandelt und erhielten Informationen zur üblichen Behandlung von Adipositas und Depression in ihrer Klinik. Weiterhin wurde ihnen ein Gerät zur Messung ihrer körperlichen Aktivität (Tracker) zur Verfügung gestellt. Teilnehmenden der Interventionsgruppe wurde außerdem eine 12-monatige Intervention angeboten. Diese integrierte ein verhaltensmedizinisches Diabetespräventionsprogramm zur Gewichtsreduktion und ein Problemlösetraining zur Depression sowie – wenn indiziert – eine antidepressive Pharmakotherapie. Die zwei zentralen Ergebnisparameter waren der BMI und der Summenscore der 20 Items umfassenden Depression Symptom Checklist (SCL-20 (0 = optimal bis 4 = schlecht)) nach 12 Monaten.

Ergebnisse: Von den 409 randomisierten Teilnehmenden (mittleres Alter 51,0 Jahre [SD 12,1 Jahre]; 70 % Frauen; mittlerer BMI 36,7 [SD 6,4]; mittlerer PHQ-9 Summenwert 13,8 [SD 3,1]; und mittlerer SCL-20 Summenwert 1,5 [SD 0,5]), nahmen 344 Personen(84,1 %) an der Abschlussuntersuchung nach 12 Monaten teil. Nach 12 Monaten war der mittlere BMI in der Interventionsgruppe von 36,7 (SD 6,9) auf 35,9 (SD 7,1) gesunken. In der Gruppe mit Standardversorgung blieb der mittlere BMI mit 36,6 (SD 5,8) und 36,6 (SD 6,0) unverändert. Die mittlere Differenz zwischen beiden Gruppen betrug -0,7 (95 % CI; -1,1 bis -0,2; p = 0,01). Der mittlere SCL-20-Wert sank in der Interventionsgruppe nach 12 Monaten von 1,5 (SD 0,5) auf 1,1 (SD 1,0). Im Vergleich dazu waren die entsprechenden Werte in der Kontrollgruppe 1,5 (SD 0,6) und 1,4 (SD 1,3). Die mittlere Differenz zwischen den Gruppen betrug -0,2 (95 % CI; -0,4 bis 0; p = ,01). Es kam zu 47 unerwünschten Ereignissen oder schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen, primär Verletzungen des Bewegungsapparats (27 in der Interventionsgruppe und 20 in der Kontrollgruppe).

Schlussfolgerung: Bei Erwachsenen mit Adipositas und komorbider Depression verbesserte eine integrierte Behandlung der Adipositas, ein Problemlösetraining und bei Bedarf eine antidepressive Medikation das Gewicht und die depressive Symptomatik nach 12 Monaten im Vergleich zur üblichen Behandlung signifikant. Jedoch waren die Effektgrößen eher bescheiden und deren klinische Bedeutung unsicher.

Kommentar: Wie bereits in kleineren Studien belegt, scheint auch hier in diesem großen RTC die integrierte verhaltensmedizinische Intervention, ärztliche Beratung und Psychopharmakotherapie von den multimorbiden Patienten gut angenommen zu werden. Die relativ geringen Effekte zeigen jedoch auch, dass zwei komplexe, über Jahre entwickelte Krankheitsbilder nicht mit relativ einfachen standardisierten Interventionen erfolgreich behandelt werden können. Eine grundsätzliche Modifikation eines über Jahre gewohnten Lebensstils erfordert unter der zusätzlichen Belastung durch emotionale Probleme ein hohes individuelles Engagement, das gerade von diesen Patienten oft nicht realisiert werden kann. Trotz dieser Limitation gibt diese umfangreiche Studie wichtige Hinweise darauf, welche Versorgungskonzepte zukünftig hilfreich sein können.



Autorin: Priv.-Doz. Dr. med. Kornelia Konz
Ärztin für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie Ernährungsmedizin
DKD HELIOS Klinik
Aukammallee 33
65191 Wiesbaden

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (2) Seite 50-51