Vloemans AF, Eilander MMA, Rotteveel J, Bakker-van Waarde WM, Houdijk ECAM, Nuboer R, Winterdijk P, Snoek FJ, De Wit M; Amsterdam, Niederlande; Diabetes Care 2019; 42: 225 – 231

Fragestellung: Das erfolgreiche Selbstmanagement des Typ-1-Diabetes erfordert kognitive Kompetenzen, die heute durch den Begriff exekutive Funktionen (EF) zusammengefasst werden. Im Übergang zur Adoleszenz übernehmen junge Leute die Verantwortung für ihr Diabetesmanagement. Die Studie untersucht: 1) die Beziehung zwischen EF und der Qualität der Stoffwechseleinstellung über die Zeit und 2) ob diese Beziehung moderiert wird durch a) die Therapieverantwortung beim Jugendlichen, bei den Eltern oder gemeinsam und b) dem Alter der Jugendlichen.

Methodik: Im Rahmen der „Diabetes IN DevelOpment“ Studie (DINO), beantworteten Eltern von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes (Alter: 8 bis 15 Jahre bei Studienbeginn; n = 174) über 4 Jahre jährlich einen Fragebogen zum Entwicklungsstand ihres Kindes. Daten zur Qualität der Stoffwechsel­einstellung (HbA1c) wurden den Klinikakten entnommen. Die exekutiven Funktionen der Jugendlichen wurden mit Hilfe des „Behavior Rating Inventory of Executive Functioning (BRIEF)“, einem Fragebogen zu exekutiven Funktionen im Verhalten, aus Elternsicht erfasst. Der Fragebogen „Diabetes Family Responsibility Questionnaire (DFRQ)“ wurde in der Elternversion eingesetzt, um die Verantwortlichkeit für die Diabetestherapie einzuschätzen, (Jugendlicher allein, Jugendlicher und Eltern gemeinsam, Eltern allein). Zur Datenanalyse wurden generalisierte lineare Modelle eingesetzt. Das Geschlecht, das Alter und das Alter der Jugendlichen bei Diabetesdiagnose dienten als Kovariablen.

Ergebnisse: Ein höherer Anteil von EF-Problemen war über die Zeit signifikant mit höheren HbA1c-Werten assoziiert (β = 0,190; p = 0,002). Dagegen waren stärkere Probleme bei exekutiven Funktionen in Kombination mit weniger Verantwortung der Jugendlichen (β = 0,501; p = 0,048) und mehr Therapieverantwortung der Eltern (β = -0,767; p = 0,006) signifikant mit einer besseren Stoffwechsellage über die Zeit verbunden. Nur das Alter beeinflusste die Beziehung zwischen Problemen bei FE, gemeinsamer Therapieverantwortung und glykämischer Kontrolle (β = -0,024; p = 0,019).

Schlussfolgerung: Geringer ausgeprägte exekutive Funktionen sind über die Zeit mit einer schlechteren glykämischen Kontrolle assoziiert, wobei diese Assoziation durch die Verantwortung für das Therapiemanagement moderiert wird. Dieses Ergebnis unterstreicht die Bedeutung exekutiver Funktionen für die Qualität der Stoffwechseleinstellung, wenn Jugendliche die Verantwortung für ihre Therapie übernehmen.

Kommentar: Unter exekutiven Funktionen werden kognitive Kontroll- und Regulationsprozesse zusammengefasst, die Voraussetzung für ein langfristiges und strategisches Denken und Handeln darstellen. Diese sind zentrale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Diabetes­therapie unter Nutzung moderner Technologien. Die Studie zeigt noch einmal deutlich, dass viele Jugendliche mit Diabetes relativ lange auf die Unterstützung ihrer Eltern bei der Behandlung ihrer Stoffwechselstörung angewiesen sind. Nicht das kalendarische Alter, sondern der kognitive Entwicklungstand sollte daher als Kriterium für die Übernahme der Therapieverantwortung gewählt werden.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2019; 19 (1) Seite 41