Frederick Sanger erhielt für gleich zwei Entdeckungen, darunter die Aminosäuresequenz des Insulins, den Nobelpreis und ist weltberühmt. Clark Noble war ebenfalls an zwei bahnbrechenden medizinischen Entdeckungen, darunter der des Insulins, beteiligt – ihn kennt trotzdem kaum einer.

Die bald 100-jährige Geschichte des Insulins ist voll von zum Teil bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen und berühmten Forschern. Neben Banting und Macleod sowie Best und Collip, mit denen die beiden ihren Nobelpreis 1923 teilten, erhielten noch zwei andere Wissenschaftler einen Nobelpreis direkt für Forschungen an Insulin: 1958 ging der Chemie-­Nobelpreis an Frederick Sanger für die Bestimmung der Aminosäuresequenz des Insulins.

Der Brite ist übrigens der einzige Mensch, der den Nobelpreis für Chemie zweimal erhalten hat: Neben der Auszeichnung 1958 erhielt er den Preis auch 1980 für seine Untersuchungen zur Ermittlung der Basensequenz in Nukleinsäuren. 1977 erhielt die US-Amerikanerin Rosalyn Sussman Yalow den Medizin-Nobelpreis für die Entwicklung des Radioimmun­assays (RIA). Ihre Forschung begann mit der Bestimmung des Insulinspiegels bei Menschen mit Diabetes. Yalow war erst die zweite Frau, die den Nobelpreis für Medizin erhielt.

Tragische Helden der Insulin-Historie

Doch die Insulin-Historie kennt auch tragische Helden. Vielleicht der tragischste ist Edward Clark Noble (im Bild oben links neben Charles Best). Er wurde am 29. Dezember 1900 als Kind einer Ärztefamilie in Toronto geboren. Noch relativ bekannt sein dürfte, dass der ­Kanadier nur einen Münzwurf entfernt war vom Weltruhm, den dann später Charles Best ernten sollte:

Als im Mai 1921 Frederick Banting in Toronto mit den Forschungs­arbeiten zur Isolierung eines Pankreas-­Extrakts begann, von denen er bereits Ende 1920 den renommierten Diabetes-Experten Prof. John ­Macleod überzeugt hatte, erhielt er von Macleod einen Studenten als Laborassistenten, hauptsächlich für die damals noch sehr aufwendige chemische Bestimmung des Blut- und Urinzuckers. Best und Noble, beide brillante Studenten von Macleod und gute Freunde, sollten sich diese Aufgabe in den sommerlichen Semesterferien teilen, einer sollte mit dem ersten Monat beginnen und der andere den zweiten Monat übernehmen.

Der besagte Münzwurf entschied, wer den ersten Monat mit Banting zusammenarbeiten sollte. Verwirrenderweise behauptete Best später, der Münzwurf sei nur eine Journalisten-Idee gewesen, Nobles Bruder dagegen erzählte, dass Noble den Münzwurf gewann und sich wegen des Renommees von Macleod für einen Sommerjob bei dem Professor und nicht beim unbekannten Quereinsteiger Banting entschied.

Fakt ist, dass Best als Assistent Bantings anfing – und zu dem Zeitpunkt, als eigentlich der Wechsel geplant war, hatte sich heraus­gestellt, dass insbesondere die chirurgischen Versuche alles andere als trivial waren und ein neuerliches Einarbeiten eines Assistenten kontraproduktiv wäre.

Noble war damit aber ­mitnichten weg vom Fenster der Insulin­forschung in Toronto. Vielmehr blieb er in der Arbeitsgruppe, die direkt Macleod unterstellt war, als dieser ab Dezember endlich ­Bantings Bitten nachkam und die bisherige Two-Men-Show personell aufstockte, war Noble wieder mit an Bord.

Er untersuchte die Insulinwirkung auf Blutzuckerspiegel und den hepatischen Glykogen­gehalt und zeigte als einer der Ersten, dass Hypoglykämien für Krämpfe und Zuckungen bei Hasen, denen Insulin verabreicht worden war, verantwortlich sind und dass diese Symptome durch die Gabe von Glukose behoben werden können. Bei rund zehn der frühen Papers zu Insulin ist Noble als einer der Autoren genannt. Später forschte er parallel zum Duo Banting/Best an alternativen Insulinquellen, vor allem an der von Macleod favorisierten Gewinnung von Insulinextrakten aus Fischen.

Anstoß für Entwicklung eines Vinca-Alkaloids

Weit weniger bekannt ist, dass ­Noble Jahrzehnte nach den historischen Ereignissen um die Entdeckung des Insulins ein zweites Mal ein Treffen mit der Medizin­geschichte hatte – und erneut nur eine Randnotiz blieb. Noble ließ sich als Allgemeinmediziner in einer Praxis in Toronto nieder, behielt aber sein Interesse am Diabetes bei. Das wussten auch seine Patienten, und 1952 schickte eine ­Patientin Noble von einem Aufenthalt auf Jamaika einen Umschlag mit 25 Blättern der periwinkle plant (Vinca ­rosea), die eigentlich aus Madagaskar stammt.

Ein Tee aus diesen Blättern würde auf Jamaika weitverbreitet zur Behandlung des Dia­betes eingesetzt, berichtete die Patientin und verwies Noble an einen jamaikanischen Arzt, der an der kanadischen Universität McGill ausgebildet worden war. Da Clark ­Noble aber nicht mehr in der Forschung tätig war und in seiner Praxis keine Ausrüstung hatte, um die Blätter zu untersuchen, schickte er sie an seinen Bruder Robert Laing Noble, der am Collip Medical Research Laboratory der University of Western Ontario in London in leitender Position tätig war.

Dieser untersuchte die Blätter, ein Extrakt daraus zeigte zwar kaum einen Effekt auf die Blutzuckerspiegel – doch einen bemerkenswerten Effekt auf das Knochenmark und die Anzahl weißer Blutkörperchen. 1954 kam der organische Chemiker Charles Beer zu Robert Nobles Arbeitsgruppe hinzu, zusammen isolierten und charakterisierten sie ein potentes Vinca-­Alkaloid, ­Vinblastin genannt.

Dieses entwickelte sich schnell zu einem wesentlichen Bestandteil der Chemo­therapie bei Krebs und wird als einer der wichtigsten kanadischen Beiträge zur Krebsforschung des 20. Jahrhunderts angesehen. Zu Ehren dieser Entdeckung hat das kanadische National Cancer Institute seine prestige­trächtigste Forschungsauszeichnung Robert L. Noble ­Prize genannt. Clark Noble starb am 18. Mai 1978. Einen Nachruf im Canadian Medical Association Journal erhielt der Mann, der an gleich zwei der wichtigsten medizinischen Entdeckungen in Kanada beteiligt war, nicht.

Serie „100 Jahre Insulin“ – die bislang erschienenen Beiträge:


Autor: Marcus Sefrin
Chefredaktion DiabetesNews
Verlag Kirchheim & Co GmbH
Wilhelm-Theodor-Römheld-Str. 14, 55130 Mainz
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90

Erschienen in: DiabetesNews, 2021; 20 (1) Seite 13