Frías JP, Davies MJ, Rosenstock J, Pérez Manghi FC, Fernández Landó L, Bergman BK, Liu B, Cui X, Brown K; SURPASS-2 Investigators; Los Angeles, CA, USA; N Engl J Med. 2021 Jun 25. doi: 10.1056/NEJMoa2107519. Ahead of print.

Fragestellung: Tirzepatid ist ein dualer Agonist, der an die Rezeptoren von glukose-abhängigem insulinotropen Polypeptid (GIP) und Glukagon-like Peptide-1 (GLP-1) bindet und in der klinischen Entwicklung für die Therapie des Typ-2-­Diabetes ist. Die Wirksamkeit und Sicherheit des einmal wöchentlichen Tirzepatids verglichen mit Semaglutid, einem selektiven GLP-1 Rezeptoragonsiten, ist unbekannt.

Methodik: In einer offenen, 40-wöchigen Phase-3-Studie randomisierten die Autoren 1 879 Patienten im Verhältnis 1:1:1:1 in die Therapiearme mit Tirzepatid 5 mg, 10 mg, 15 mg oder Semaglutid 1 mg. Zu Studienbeginn, lag das mittlere glykierte Hämoglobin (HbA1c) bei 8,28 %, das mittlere Alter war 56,6 Jahre, das mittlere Gewicht 93,7 kg. Der primäre Endpunkt war die Veränderung des HbA1c nach 40 Wochen im Vergleich zu Studienbeginn.

Ergebnisse: Die geschätzte mittlere Veränderung nach 40 Wochen lag für das HbA1c bei −2,01 Prozentpunkten, −2,24 Prozentpunkten und −2,30 Prozentpunkten unter Tirzepatid 5 mg, 10 mg, 15 mg und bei −1,86 Prozentpunkten mit Semaglutid. Die geschätzten Unterschiede zwischen den 5-mg-, 10-mg-, und 15-mg-Tirzepatid-Gruppen und der Semaglutid-Gruppe waren −0,15 Prozentpunkte (95 % Konfidenzintervall [CI] −0,28 bis −0,03; P = 0,02), −0,39 Prozentpunkte (95 % CI −0,51 bis −0,26; P < 0,001) und -0,45 Prozentpunkte (95 % CI −0,57 bis −0,32; P < 0,001). Tirzepatid war bei allen Dosierungen nicht-unterlegen und überlegen gegenüber Semaglutid. Die Körpergewichtsabnahme war mit Tirzepatid stärker als mit Semaglutid (Behandlungsunterschied anhand von „least-squares means“ waren −1,9 kg, −3,6 kg, und −5,5 kg, P < 0,001 für alle Vergleiche). Die am häufigsten vorkommenden unerwünschten Ereignisse mit Tirzepatid und Semaglutid betrafen das Gastrointestinalsystem und waren primär mild bis moderat ausgeprägt (Übelkeit 17 bis 22 % und 18 %; Diarrhoe 13 bis 16 % und 12 %; und Erbrechen, 6 bis 10 % und 8 %. Die Patienten, die Tirzepatid erhielten, entwickelten eine Hypoglykämie (Blutglukose < 54 mg/dl) in 0,6 % (5-mg-Gruppe), 0,2% (10-mg -Gruppe), und 1,7 % (15-mg Gruppe). Hypoglykämien wurden bei 0,4 % in der Semaglutid-Gruppe berichtet. Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen ereigneten sich bei 5 – 7 % der Patienten mit Tirzepatid und bei 3 % der Patienten mit Semaglutid.

Schlussfolgerung: Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes war Tirzepatid nicht-unterlegen und überlegen verglichen mit Semaglutid für die mittlere Veränderung des glykierten Hämoglobins 40 Wochen nach Behandlung im Vergleich zu Studienbeginn. (Funded by Eli Lilly; SURPASS-2 ClinicalTrials.gov number, NCT03987919.).

Kommentar: Die Ergebnisse der Phase-3-Studien zu Tirzepatid (SURPASS-Studienprorgramm) waren nach den Ergebnissen der Phase-2-Studien auf dem ADA 2021 mit Spannung erwartet worden. Die hier im NEJM vorgestellten Daten wurden bei Patienten gewonnen, die mit Metformin vorbehandelt waren und einen HbA1c zwischen 7 % und 10,5 % aufwiesen. Sie hatten bei Studienbeginn einen Typ-2-Diabetes über durchschnittlich 8,6 Jahre. Mit Tirzepatide erreichten Dosis-abhängig 69 % – 80 % der Patienten einen HbA1c unter 6,5 % (mit Semaglutide 64 %), ein HbA1c <5,7 % wurden mit Tirzepatide in 27 – 4 6% der Patienten erreicht (mit Semaglutide 19 %). Diese Ergebnisse dürften zu Diskussionen führen, wie mit „nicht-diabetischen“ Blutglukosewerten unter Diabetestherapie umgegangen werden soll. Im begleitenden Editorial von K.Tuttle wurde hervorgehoben, dass die Reduktion des Körpergewichts, im Mittel −13,1 % (12,4 kg) mit der höchsten Tirzepatid-Dosis nach 40 Wochen noch kein Plateau erreicht hatte. Weitere Phase-3-Studien mit Tirzepatid wurden im Juli im Lancet publiziert.



Autorin:
Prof. Dr. med. Nanette Schloot

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2021; 21 (4) Seite 46