Ein großer Wurf sollte sie werden, die Nationale Diabetes-Strategie in Deutschland und der am weitesten verbreiteten Volkskrankheit Einhalt gebieten. Doch noch bleibt sie ein Stück Papier, auf das sich die Regierungsparteien nicht einigen können. Jetzt machen Behandler und Patienten Druck.

Deutschland ist eines von acht europäischen Ländern ohne nationalen Diabetes-Plan. Dabei hatte sich die Große Koalition 2017 in ihren Regierungsvertrag die Entwicklung einer Diabetes-Strategie geschrieben. Und nun, zwei Jahre später – immer noch Fehlanzeige. Auf einer Anfang September eigens zu diesem Thema anberaumten Pressekonferenz machte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, ­Sabine Dittmar, Hoffnung, dass man sich in den nächsten Tagen mit der Union über das unterschriftsreife Papier einigen werde.

Doch nun, nach einem weiteren Monat, gibt es immer noch keine Erfolgsmeldung. Eine Nachfrage von DiabetesNews ließ Frau Dittmar unbeantwortet, sodass wohl davon auszugehen ist, dass man sich immer noch nicht auf die Grundlinien der Diabetesprävention und -versorgung verständigen konnte. Welche das sind, dazu mochte die gelernte Ärztin nichts sagen, und so ist auch nicht klar, wo die Knackpunkte liegen, zumal das Streitthema Zuckersteuer von Anfang an außen vor geblieben war.

Derweil geht Behandlern und Patienten das Warten auf die staatlichen Zielstellungen und Maßnahmen für den Kampf gegen die Volkskrankheit auf die Nerven: Es werde Zeit, die Nationale Diabetes-Strategie endlich anzupacken, forderten die Vertreter der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), der Deutschen Diabetes-Hilfe – DiabetesDE und des Verbandes der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e. V. (VDBD).

„Bald ist Halbzeit der Legislatur, in Sachen Diabetes-Strategie ist aber nichts passiert“, so Dr. med. Jens Kröger, Vorstandschef von DiabetesDE.

Versorgungsgerechtigkeit sichern

Im Frühjahr 2019 hatten DDG, DiabetesDE und der VDBD ein Positionspapier vorgelegt, das Politikern auf Bundes- und Landesebene Orientierung bei der Umsetzung der Nationalen Diabetes-Strategie bieten soll. „Wir haben die Kernpunkte eines nationalen Rahmenplans definiert. Diese müssen jetzt dringend durch die Politik umgesetzt werden, damit den zunehmenden Erkrankungszahlen wirksam entgegengesteuert werden kann“, fordert Prof. Dr. med. Monika Kellerer, Präsidentin der DDG.

Dabei machte sie auch auf die Frage nach Versorgungsgerechtigkeit aufmerksam. „Regionale Versorgungsunterschiede werden wegen geringer Zahlen von diabetologischen Fachärzten künftig wohl weiter zunehmen“, erklärte die Diabetologin. „Dann sind Allgemeinmediziner stärker gefragt, die über entsprechende Kenntnisse verfügen müssen.“ Qualifizierung würde jedoch insgesamt erschwert, da es aktuell in Deutschland nur noch acht klinische Lehrstühle für Diabetologie gebe.

Auch an den neu gegründeten Fakultäten in Augsburg und Bielefeld ist bislang kein solcher Lehrstuhl konkret geplant. „Wenn es an qualifiziertem Nachwuchs für die Diabetologie fehlt, wird eine kompetente und integrative diabetologische Versorgung in Krankenhäusern sowie im ambulanten Bereich kaum mehr möglich sein“, warnte sie. Durch suboptimale Behandlung, durch die Aufteilung verschiedener diabetischer Folgeerkrankungen auf mehrere Fachbereiche und nicht zuletzt durch eine längere Krankheitsdauer würden dem Gesundheitssystem hohe Folgekosten entstehen.

Die DDG fordere daher, an jeder medizinischen Fakultät einen klinischen Lehrstuhl für Endokrinologie und Diabetologie sowie eigene Fachabteilungen in allen Akutkrankenhäuser zur Patientenbehandlung oder zumindest entsprechende Fachressourcen.

Des Weiteren müsse berücksichtigt werden, dass große Anteile der Dia­betologie „sprechende Medizin“ sind. „Deshalb müssen ihre Leistungen im DRG-System angemessen abgebildet werden“, forderte Kellerer. „Davon profitiert das gesamte Gesundheitswesen.“

Lücken im Gesetz

Dass die Umsetzung der Nationalen Diabetes-Strategie drängt, zeige auch eine aktuelle Umfrage von Dia­betesDE unter mehr als 1.500 Menschen mit Diabetes Typ 2. „86 Prozent der Befragten fühlen sich nicht angemessen in der Politik vertreten und 89 Prozent halten die Öffentlichkeit für nicht gut informiert zum Thema Diabetes“, stellte DiabetesDE-Vorstand Kröger fest. Seit 2016 sei die Bundeszen­trale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) mit einer Diabetes-Aufklärungs- und Informationskampagne beauftragt, aber bislang sei nicht passiert, kritisierte er.

Zudem sieht er Lücken in der Gesetzgebung: „Zwar definiert das Präventionsgesetz als erstes Gesundheitsziel für Deutschland ,Diabetes früh erkennen, früh behandeln, Risikofaktoren reduzieren‘, aber ausgerechnet Diabetes-Hochrisikopersonen erhalten per Gesetz keinerlei Präventionsmaßnahmen, um den Ausbruch des Diabetes zu verhindern.“ Erster Risikofaktor für Diabetes Typ 2 sei Übergewicht. Außerdem leiden Diabetes-Hochrisikopersonen oft an Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten oder anderen Stoffwechselkrankheiten.

„Das Präventionsgesetz sieht jedoch keine Gesundheitsförderungskurse vor für Personen, die bereits eine chronische Stoffwechselkrankheit haben und für Adipositas gibt es keinerlei gesetzliche therapeutische Regelversorgung seitens der Krankenkassen“, bemängelte Kröger.

Wenn 44 Prozent der Diabetespatienten berichten, sie hätten nach ihrer Erstdiagnose keine Schulung erhalten, zeigt dies, nach Einschätzung von Dr. Gottlobe Fabisch, Geschäftsführerin des VDBD, „dass zur Umsetzung der Nationalen Diabetes-Strategie auch die Aufwertung von Gesundheitsfachberufen wie der Diabetesberaterin gehört“. Die rund 4.700 Diabetesberaterinnen, die in den letzten drei Dekaden die Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen haben, würden schon heute in manchen Regionen Deutschlands nicht den Bedarf an qualifizierten Diabetesfachkräften decken können.

Konkret fordert der VDBD – unterstützt von der DDG – die Überführung der Weiterbildung zur Diabetesberaterin DDG in einen dreijährigen dualen Ausbildungsberuf auf der Basis eines auf Bundesebene geregelten Berufsgesetzes. Damit solle, so Fabisch, ein „Integrated Care-Therapeut“ als – auch finanziell – attraktives Berufsbild geschaffen werden, um der chronischen Erkrankung Diabetes in ihrer Komplexität mit den assoziierten Folge- und Begleiterkrankungen und der Versorgung aller Altersklassen gerecht zu werden.

Nicht mehr Geld für den Kampf gegen Diabetes

Im Etatentwurf für den Haushalt 2020 zeichnet sich unterdessen kein stärkerer Fokus auf Diabetes ab. Das geplante Budget sieht weiterhin drei Millionen Euro vor – die gleiche Summe wie bereits 2019, die jedoch noch nicht aufgebraucht wurde. Dennoch seien ohne zusätzliches Budget Maßnahmen zur Dia­betesprävention und -versorgung sehr beschränkt, sagte Barbara ­Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten.

„Meines Wissens sind diese drei Millionen vor allem für die Nationale Diabetes-Survei­llance des Robert Koch-Instituts und die lang geplante Aufklärungskampagne der BZgA vorgesehen und reichen bereits hierfür kaum aus“, kritisierte Bitzer. Wie die Bundeszentrale mitteilte, soll die Umsetzung konkreter Maßnahmen schrittweise ab Ende 2019 beginnen.

Den Auftakt könnte der Weltdiabetestag am 14. November 2019 bilden. In all diese Ziele, Aufgaben und Initiativen soll die Nationale Diabetes-Strategie Struktur bringen und Hilfe leisten. Aber dazu muss sie erst einmal auf dem Tisch liegen.



Autor: Hartmut Hübner
Redaktion DiabetesNews
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Erschienen in: DiabetesNews, 2019; 18 (6) Seite 4