Neovius M, Bruze G, Jacobson P, Sjöholm K, Johansson K, Granath F, Sundström J, Näslund I, Marcus C, Ottosson J, Peltonen M, Carlsson LMS; Stockholm, Schweden; Lancet Diabetes Endocrinol. 2018; 6:197 – 207

Wissenschaftlicher Hintergrund: Die bariatrische Chirurgie reduziert die Mortalität, kann aber nachteilige Effekte auf die psychische Gesundheit haben. Es wurde deshalb das Risiko für Suizid und Selbstbeschädigung nach bariatrischer Chirurgie – verglichen mit der nicht-chirurgischen Adipositas-Therapie – untersucht.

Methoden: Suizid und nicht-letale Selbstbeschädigung wurden vom landesweiten Schwedischen Register erfasst und in zwei Kohorten untersucht. Die nicht-randomisierte, prospektive Swedish Obese Subjects (SOS)-Studie verglich die bariatrische Chirurgie (n = 2010; 1 369 vertikale Gastroplastik, 376 Magenband und 265 Magenbypass) mit einer üblichen Routine-Therapie (n = 2 037; Rekrutierung 1987 – 2001). Die zweite Kohorte bestand aus Personen vom Scandinavian Obesity Surgery Registry (SOReg; n = 20 256 Patienten mit Magenbypass-Operationen) abgestimmt mit Personen, die mit intensivierter Lebensstil-Modifikation behandelt wurden (n = 16 162; Intervention 2006 – 2013), hinsichtlich Ausgangs-BMI, Alter, Geschlecht, Schulbildung, Diabetes, kardiovaskulärer Krankheit, anamnestischen Daten zu Selbstbeschädigung, Drogenmissbrauch, Antidepressiva, anxiolytischen Substanzen und psychiatrischen Therapie-Kontakten.

Befunde: Während 68 528 Personenjahre (Median 18; IQR 14 – 21) in der SOS-Studie waren Suizide oder nicht-letale Selbstbeschädigung höher in der Chirurgie-Gruppe (n = 87) als in der Kontroll-Gruppe (n = 49; adjustierte Hazard Ratio [aHR] 1,78, 95 % CI 1,23–2,57; p=0,0021); von diesen Ereignissen waren neun und drei Suizide (3,06, 0,79 – 11,88; p = 0,11). In den Analysen nach primärer Prozedur wurde ein erhöhtes Suizid- oder nicht-letale Selbstbeschädigung-Risiko für Magenbypass (3,48, 1,65 – 7,31; p = 0,0010), Magenband (2,43, 1,23 – 4,82; p = 0,011), und vertikale Gastroplastik (2,25, 1,37 – 3,71; p = 0,0015) verglichen mit den Kontrollen identifiziert.

Von den neun Suizid-Todesfällen in der SOS-Chirurgie-Gruppe, traten fünf nach Magenbypass (zwei primäre und drei Umwandlungs-Prozeduren) auf. In 149 582 Personen-Jahren (Median 3,9; IQR 2,8 – 5,2), wurden mehr Suizide oder nicht-letale Selbstbeschädigungen in der SOReg Magenbypass-Gruppe (n = 341) als in der intensiven Lebensstil-Modifikation-Gruppe (n = 84; aHR 3,16, 2,46 – 4,06; p < 0,0001) berichtet; von diesen Ereignissen waren 33 bzw. 5 Suizide (5,17, 1,86 – 14,37; p = 0,0017).

In der Studie SOS wurde bei 48 % (39/81) der Chirurgie-Patienten und bei 28 % (13/47) der Kontrollen mit nicht-letalen Selbstbeschädigung-Ereignissen (p = 0,023) ein Substanzmissbrauch während der Nachbeobachtung festgestellt. Korrespondierend wurde ein Medikamenten-Missbrauch in der Folgezeit bei 51 % (162/316) der SOReg-Magenbypass-Gruppe und 29 % (23/80) der Teilnehmer in der intensivierten Lebensstil-Gruppe mit nicht-letalen Selbstbeschädigungs-Ereignissen (p = 0,0003) festgestellt. Das Risiko von Suizid und Selbstbeschädigung war nicht mit einem schlechten Gewichtsverlust-Outcome assoziiert.

Interpretation: Die bariatrische Chirurgie war mit Suizid und nicht-letaler Selbstbeschädigung assoziiert. Die absoluten Risiken waren aber niedrig und rechtfertigen nicht ein allgemeines Abraten von der bariatrischen Chirurgie. Die Befunde zeigen die Notwendigkeit für ein gründliches präoperatives psychiatrisches Assessment auf, zusammen mit dem erforderlichen Informationsangebot über die erhöhten Risiken für Selbstbeschädigung nach den Operationen. Darüber hinaus bedingen die Befunde eine postoperative Überwachung, mit besonderer Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit.

Sponsoren: US National Institutes of Health und Swedish Research Council.

Kommentar: Sicher ein Dämpfer für die allzu optimistischen Verfechter der bariatrischen Chirurgie. Naturgemäß drücken sich die Autoren und Mitautoren der SOS-Studie vorsichtig über die Befunde aus. Bei der Kosten-Nutzen-Analyse der bariatrischen Chirurgie müssen, neben den Kosten für die operativen und reoperativen Prozeduren, auch die lebenslange Überwachung hinsichtlich der Stoffwechsel-Veränderungen, Bedarf an Hormonen und Spurenelementen und jetzt auch die psychiatrischen Termine berücksichtigt werden.



Autor: Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka
Arcisstr. 61
80801 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (2) Seite 57-58