An Neuropathien bei Diabetikern ist oft, aber nicht immer der Zucker schuld. Eine Umfrage bei Neurologen hat sich jetzt mit der häufigsten Differentialdiagnose, der CIDP beschäftigt. Die DGN-Leitlinie aus 2012 nennt Therapiemöglichkeiten.

Welche Diagnosen ziehen Neurologen in Betracht, wenn ein Diabetiker mit sensiblen Ausfällen, Paresen oder Parästhesien vorstellig wird? Dieser Frage ist die Grifols Deutschland GmbH in einer repräsentativen Umfrage mit 60 deutschen Neurologen auf den Grund gegangen. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Neurologen hält sich an den diagnostischen Grundsatz, zuerst an das Nächstliegende zu denken. Die mit Abstand meistgenannte Diagnose der Befragten war daher die Diabetische Neuropathie, die zugleich der häufigste Grund für periphere Neuropathien in den Industrienationen ist.

Viele Neuropathie-Fälle haben nicht Diabetes als Ursache

Studien zeigen laut Grifols jedoch, dass bis zu ein Drittel der Neuropathien bei Diabetikern eine andere Ursache hat als die Grunderkrankung Diabetes. Unter diesen anderen Ursachen war die CIDP am häufigsten, fanden Lozeron und Kollegen in einer 2002 im Journal of Neurology publizierten Arbeit. CIDP steht für chronisch-inflammatorisch demyelinisierende Polyneuropathie, eine Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems.

38 Prozent der befragten Neurologen gaben an, die Diagnose CIDP nicht in Betracht zu ziehen, weil die Erkrankung zu selten sei. 35 Prozent haben noch nie eine CIDP festgestellt. 42 Prozent der Befragten halten die CIPD für schlecht therapierbar und unterschätzen damit nach Meinung des spanischen Pharmaunternehmens den Wert der Differentialdiagnose für den Patienten.

CIDP: Symptome treten sehr schnell auf

Die Symptome der CIDP ähneln denen anderer Neuropathien. Das erschwert die Diagnose. Dennoch gibt es Anzeichen, bei denen Neurologen hellhörig werden sollten: "Der Arzt sollte an eine CIDP denken, wenn Symptome einer Polyneuropathie sehr schnell auftreten", erklärt Prof. Dr. med. Franz Blaes, Chefarzt der neurologischen Klinik am Klinikum Oberberg. "Bei vielen Neuropathien treten die Symptome innerhalb von Jahren auf, bei der CIDP geschieht dies innerhalb von Monaten."

Im Gegensatz zur diabetischen Neuropathie könne sie zudem schon im Anfangsstadium eines Diabetes vorkommen. Auch eine vorwiegend proximale Ausprägung der Beschwerden könne ein Hinweis auf eine CIDP sein. "Wenn so eine Symptomkonstellation auftritt und dazu die Muskeleigenreflexe abgeschwächt oder erloschen sind, muss man an eine CIDP denken", appelliert Blaes.

Hohe Dunkelziffer bei CIDP-Prävalenz vermutet

Die Prävalenz der CIDP beläuft sich nach von Lehmann 2014 in Nervenheilkunde veröffentlichten Daten auf einen bis neun Fälle pro 100.000 Menschen, jedoch gehen Neurologen laut Grifols von einer hohen Dunkelziffer aus. Zudem würden Studien, zum Beispiel von Sharma und Kollegen 2002 in Archives of Neurology, nahelegen, dass die Erkrankung unter Diabetikern bis zu elfmal häufiger auftritt als in der ansonsten gesunden Bevölkerung. Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaften für Neurologie empfehlen praktikable klinische und elektrophysiologie Kriterien zur Diagnose einer CIDP.

Vor allem Diabetiker, die auch bei guter Blutzuckereinstellung über progressive sensorische oder motorische Defizite klagen, sollten differentialdiagnostisch untersucht werden, forderten Ayyar und Sharma 2004 in Current Diabetes Reports. Die für eine CIPD charakteristische Demyelisierung lässt sich unter anderem anhand einer verringerten Nervenleitgeschwindigkeit an mindestens zwei Nerven nachweisen, so die Joint Task Force of the EFNS and the PNS 2010 in ihrem Update der Leitlinien.

Irreversible Schäden verhindern

Die CIDP lässt sich gut therapieren, betont das Unternehmen Grifols, das seine deutsche Niederlassung in Frankfurt/Main hat. Vor allem im Frühstadium könne eine potenziell irreversible Behinderung des Patienten noch vermieden werden: "Sind, wie am Anfang, nur die Myelinscheiden betroffen, ist der Zustand reversibel. Wird jedoch lange Zeit nicht therapiert und das Axon angegriffen, sind die Schäden irreversibel", erklärt der Neurologe Blaes, "deswegen ist eine frühzeitige und konsequente Behandlung der CIDP so wichtig."

Laut der entsprechenden S2-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus 2012 sind generell in der Akuttherapie der CIDP Glukokortikosteroide, hoch dosierte intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese während eines Behandlungszeitraums von sechs Wochen wahrscheinlich gleichwertig. 78 Prozent der Patienten zeigten nach einer Therapie mit Immunglobulinen wie Gamunex 10% eine deutliche Besserung.

Für die anschließende längerfristige Therapie ist die Wirkung von IVIG und Kortikosteroiden belegt. Für Kortikosteriode als Therapie besteht jedoch laut der Leitlinie bei CIDP-Patienten mit Diabetes eine relative Kontraindikation, Nebenwirkung einer entsprechenden Therapie ist laut der Leitlinie eine mögliche Diabetesentgleisung.



Autor: Marcus Sefrin
Chefredakteur DiabetesNews
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Erschienen in: DiabetesNews, 2015; 14 (5) Seite 20