Pinhas-Hamiel O, Tisch E, Levek N, Ben-David RF, Graf-Bar-El C, Yaron M, Boyko V, Lerner-Geva L; Raanana, Israel; Diabetes Metab Res Rev 2017; 33(2). doi: 10.1002/dmrr.2837

Einführung: Das Sexualleben mit sexueller Aktivität, damit verbundenen Problemen, Zufriedenheit, sowie der Aufbau und die Stabilität von Partnerschaften werden erheblich durch die körperliche Gesundheit beeinflusst. Es gibt nur begrenzte Daten zum Sexualleben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes. Die Angst vor Hypoglykämien während des Geschlechtsverkehrs und intimer Kontakte können Personen mit Diabetes beeinträchtigen. Mit der vorliegenden Studie soll das Sexualverhalten von Personen mit Typ-1-Diabetes untersucht werden.

Methodik: 53 Patienten mit Typ-1-Diabetes, 27 (51 %) Männer, im mittleren Alter von 27,9 ± 8,3 Jahren bearbeiteten den Hypoglycemia Fear Survey-II (Fragebogen zur Hypoglykämie-Angst) und einen Fragebogen zu sexuellen Gewohnheiten und Sorgen (Sex Practices and Concerns Questionnaire).

Ergebnisse: 70 % der Teilnehmenden berichteten, dass sie nie oder fast nie Beeinträchtigungen ihres Sexuallebens erfahren, die in Beziehung zu ihrem Diabetes stehen. Keine Person hatte während sexueller Aktivitäten eine schwere Hypoglykämie erlebt, jedoch berichteten 21 (40 %) von gelegentlichen milden Hypoglykämien. Mehr als zwei Drittel treffen vor sexuellen Aktivitäten keine Maßnahmen, um Hypoglykämien vorzubeugen, z. B. Insulindosisreduzierung, zusätzliche Kohlenhydrate oder Blutzuckerbestimmung. Sorge wegen Hypoglykämien während sexueller Aktivitäten wurde von 18 Teilnehmenden (35 %) berichtet. Gegenüber Patienten ohne solche Ängste hatten diejenigen, die über erhöhte Angst berichteten, zuvor häufiger milde Hypoglykämien während sexueller Aktivitäten erlebt (61,1 % vs. 26,5 %, p = 0,01), lebten als Single (94,4 % vs. 64,7 %, p = 0,02) und erreichten höhere Werte in der Subskala „Sorge“ des Hypoglycemia Fear Survey-II (42,8 ± 12,8 vs. 34,9 ± 10,5, p = 0,04).

Schlussfolgerung: Die meisten jungen Menschen mit Typ-1-Diabetes erfahren keine Belastungen ihres Sexuallebens durch den Diabetes. Die meisten ergreifen keine besonderen Maßnahmen vor und auch nach sexuellen Aktivitäten. Jedoch fürchtet ein Drittel Hypoglykämien beim Sex. Davon sind mehrheitlich Singles betroffen und die, die in der Vergangenheit eine Hypoglykämie erlebt haben. Behandler sollten sich dieser Belastung bewusst sein und entsprechende Sorgen ansprechen.

Kommentar: Nachdem in den letzten Jahren die erektile Dysfunktion im Mittelpunkt der Publikationen zum Thema Diabetes und Sexualität stand, widmen sich die Autoren hier der Situation junger Erwachsener und stellen mögliche Herausforderungen durch Hypoglykämien dar. Positiv ist zu bewerten, dass die große Mehrheit der Befragten in ihrem Sexualleben nicht beeinträchtigt ist. Dies sollte in Beratungen und Schulungen vermittelt werden. Durch Aufklärung über hormonelle Reaktionen, z. B. Oxytocinausschüttung, und deren Folgen für den Glukosestoffwechsel kann zusätzlich Sicherheit geschaffen, und damit ein unbeeinträchtigtes Sexualleben ermöglicht werden.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2017; 17 (2) Seite 51-52