Ein neuer Cochrane‑Review zeigt: Wenn Pflegefachpersonen klar definierte ärztliche Aufgaben im Krankenhaus übernehmen, unterscheiden sich klinische Ergebnisse kaum. Die Daten weisen auf sichere Versorgungsmodelle hin. Ihre Übertragbarkeit auf Deutschland bleibt jedoch begrenzt.

Ein aktueller systematischer Cochrane-Review hat untersucht, welche Auswirkungen es hat, wenn im Krankenhaus definierte ärztliche Tätigkeiten an Pflegefachpersonal übertragen werden. Bewertet wurden Effekte auf Patientenergebnisse sowie wirtschaftliche Konsequenzen. Die Bewertung basiert auf 82 randomisierten Studien mit insgesamt 28.041 Teilnehmenden – überwiegend aus europäischen Ländern, mehr als die Hälfte davon aus dem Vereinigten Königreich. Für Deutschland liegen keine entsprechenden Studiendaten vor.

Klinische Ergebnisse: kaum Unterschiede in zentralen Zielgrößen

Die Analyse zeigt, dass sich die Sterblichkeit wahrscheinlich nicht oder nur minimal unterscheidet, wenn geschulte Pflegefachpersonen klar abgegrenzte ärztliche Aufgaben übernehmen. Grundlage sind 19 Studien mit 8239 Patientinnen und Patienten (moderate Vertrauenswürdigkeit). Auch bei Lebensqualität und Selbstwirksamkeit fanden sich laut Review keine relevanten Unterschiede gegenüber rein ärztlich betreuten Patientinnen und Patienten. Hierfür werteten die Autorinnen und Autoren 22 beziehungsweise 11 Studien aus – ebenfalls mit moderater Vertrauenswürdigkeit.

Bei unerwünschten Ereignissen, darunter nicht erkannte postoperative Komplikationen oder Nebenwirkungen infolge von Medikationsanpassungen, zeigte sich in der Zusammenschau von 31 Studien mit insgesamt 14.437 Teilnehmenden möglicherweise kein oder nur ein geringer Unterschied. Die Evidenz gilt allerdings als unsicher.

Kostenentwicklungen uneinheitlich

Ob die Substitution ärztlicher Leistungen durch Pflegefachpersonal zu Einsparungen führt, bleibt offen. Die 36 eingeschlossenen ökonomischen Analysen unterschieden sich deutlich: In 17 Studien sanken die Kosten, während in neun Studien Mehrkosten entstanden – etwa durch längere Konsultationszeiten, ein erhöhtes Überweisungsaufkommen oder anderes Verordnungsverhalten.

Breites Spektrum übertragener Tätigkeiten

Die analysierten Studien decken ein großes Spektrum ab: Pflegefachpersonen übernahmen unter anderem die Nachsorge bei Diabetes- oder Rheumapatientinnen und ‑patienten, führten Medikamentenanpassungen durch, betreuten Wundheilungsprozesse nach chirurgischen Eingriffen oder führten – nach entsprechender Qualifikation – Vorsorgekoloskopien durch.

Review-Seniorautor Timothy Schultz betont, dass der Einsatz von Pflegefachpersonen anstelle von Ärztinnen und Ärzten kein „einfacher Eins-zu-eins-Ersatz“ sei. Er hob hervor, dass für eine erfolgreiche Umsetzung „die richtige Ausbildung, Unterstützung und geeignete Versorgungsmodelle erforderlich“ seien. Gleichzeitig zeigten Erfahrungen, „dass Patient*innen dadurch nicht benachteiligt werden, sondern sogar davon profitieren können“.

Relevanz für die Versorgung in Deutschland

Mit Blick auf den Fachkräftemangel und den steigenden Versorgungsbedarf sehen die Autorinnen und Autoren Potenzial in einer gezielten Kompetenzübertragung. Allerdings warnen sie vor vorschnellen Schlussfolgerungen für das deutsche System. Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland, weist darauf hin, dass sich die Rollenprofile der Pflege im Vereinigten Königreich deutlich von den hiesigen unterscheiden.

Die positiven Resultate seien daher „nicht pauschal und uneingeschränkt auf Deutschland übertragbar“. Eine Umsetzung müsse begleitet und evaluiert werden, um Herausforderungen bei Organisation, Zuständigkeiten und Qualifikationswegen frühzeitig zu identifizieren.

Rechtlicher Rahmen in Deutschland

Bis Ende 2025 war die Übernahme ärztlicher Aufgaben durch Pflegefachpersonen hierzulande nur im Rahmen ärztlicher Delegation und zeitlich begrenzter Modellvorhaben möglich. Seit dem 1. Januar 2026 erlaubt das „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ die eigenverantwortliche Ausführung klar definierter Leistungen durch entsprechend qualifizierte Pflegefachpersonen – sowohl in stationären als auch in ambulanten Settings.

Originalpublikation
Butler M, Kirwan M, Mc Carthy VJC, Cole JA, Schultz TJ. Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 2. Art. No.: CD013616. DOI: 10.1002/14651858.CD013616.pub2.

von Redaktion diabetologie-online
mit Materialien von Cochrane Deutschland