Die Autoimmunerkrankung Typ‑1‑Diabetes verläuft fortschreitend in vier Stadien, betrifft Kinder wie Erwachsene und entsteht meist ohne familiäre Vorgeschichte. Teplizumab setzt hier erstmals früher an und verzögert den Übergang in Stadium 3. Entscheidend dafür ist eine flächendeckende Früherkennung.
Mit dem Wirkstoff Teplizumab (Handelsname Teizeild) steht in Europa erstmals eine immunmodulatorische Therapie zur Verfügung, die das Fortschreiten des Typ‑1‑Diabetes im Stadium 2 verzögert. Die Markteinführung wurde am 11. Februar 2026 verkündet. Expertinnen und Experten betonten während der Präsentation die Bedeutung dieser Zulassung für die Versorgung sowie erste praktische Erfahrungen.
Zulassung und Bedeutung des frühen Eingreifens
Die Europäische Kommission erteilte Teplizumab am 8. Januar 2026 die Zulassung zur Verzögerung des Übergangs von Stadium 2 in das klinische Stadium 3. Das Präparat ist seit dem 16. Februar 2026 für Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab acht Jahren verfügbar, bei denen mindestens zwei spezifische Autoantikörper und eine Dysglykämie vorliegen [1]. Die Therapie ermöglicht ein krankheitsmodifizierendes Eingreifen, das den Verlust der Betazellen verlangsamt [2, 3].
Prof. Dr. Anette‑Gabriele Ziegler sprach von einem historischen Moment: „100 Jahre nach der Entdeckung des Insulins erleben wir einen Wendepunkt: Wir können nun aktiv handeln und erstmals mit Teplizumab ursächlich in den Krankheitsverlauf eingreifen."
Krankheitslast und Langzeitfolgen des Typ‑1‑Diabetes
Typ‑1‑Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, die zur Zerstörung der Betazellen führt [4], wodurch ab Stadium 3 eine tägliche Insulintherapie notwendig wird [5]. Die Erkrankung geht mit erhöhter Mortalität und Morbidität einher [6], häufig begleitet von diabetischer Ketoazidose bei Erstmanifestation sowie langfristigen Komplikationen [7, 8]. Ein Beginn vor dem zehnten Lebensjahr verkürzt die Lebenserwartung im Schnitt um 16 Jahre [9]. Neben den körperlichen Folgen stellt die ständige Sorge um Entgleisungen auch eine erhebliche psychische Belastung dar [10].
Von der reinen Stoffwechselkontrolle zur Modifikation des Krankheitsprozesses
Eine nachhaltige Entlastung ist nur möglich, bevor die Insulinpflicht eintritt. Dr. Felix Reschke betonte, „auch die bestmögliche Insulintherapie schützt nicht vor der Betazellzerstörung“. Die präsymptomatische Phase, in der der Autoimmunprozess bereits aktiv ist, bietet ein therapeutisches Zeitfenster, das mit Teplizumab erstmals genutzt werden kann.
Studienlage zur Wirksamkeit
Die Phase‑II‑Studie TN‑10 zeigte eine mediane Verzögerung des Übergangs zu Stadium 3 um zwei Jahre, in einer Follow‑up‑Analyse sogar um zwei bis drei Jahre [2, 3]. Am Studienende befanden sich in der Teplizumab‑Gruppe fast doppelt so viele Personen weiterhin im Stadium 2 wie unter Placebo (57 vs. 28 Prozent) [2]. Nach rund sieben Jahren Beobachtung blieben etwa 40 Prozent der behandelten Personen symptomfrei, verglichen mit 12,5 Prozent unter Placebo [11].
Teplizumab moduliert den Autoimmunprozess über T‑Zellen und trägt dazu bei, die Betazellrestfunktion länger zu erhalten [3]. Eine höhere Restfunktion ist eng mit stabileren Blutzuckerwerten und einem geringeren Risiko für akute sowie langfristige Komplikationen verbunden [12, 13, 14, 15].
Erste Anwendererfahrungen
Die Sicherheit von Teplizumab wurde über sieben Studien mit mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten im Stadium 2 oder 3 bewertet [1, 16]. Die meisten Nebenwirkungen waren mild bis moderat, traten hauptsächlich während oder kurz nach der Behandlungsphase auf und klangen größtenteils ohne Intervention wieder ab [16, 17]. Dr. Reschke berichtete: „In fast allen Fällen hatten sich die Laborwerte am Ende der Behandlung wieder normalisiert.“ Häufige Begleiterscheinungen umfassen eine vorübergehende Lymphopenie; Infektionen zählen zu den möglichen schwerwiegenden Ereignissen [1].
Für Dr. Reschke ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: „Da uns mit Teplizumab endlich eine Therapiemöglichkeit zur Verfügung steht, ist es unsere Pflicht als Ärzt*innen, die Möglichkeiten der Früherkennung und frühen Intervention mit den Menschen zu teilen, die wir täglich in unseren Praxen und Kliniken sehen.“
Früherkennung als Voraussetzung für eine frühe Intervention
Der Nutzen der neuen Therapie setzt eine Diagnose im Frühstadium voraus [18]. Zentrales Kriterium ist der Nachweis im von zwei oder mehr Typ‑1‑Diabetes‑spezifischen Autoantikörpern im Blut [19]. Prof. Ziegler erklärte, „Früherkennung ist der Weg in die Prävention und die Intervention. Ohne die Früherkennung können wir die Therapie nicht realisieren.“
Programme wie die Fr1da‑Studie ermöglichen derzeit Antikörpertests für Kinder in mehreren Bundesländern [20]. Eine weitere Studie richtet sich an Personen bis 21 Jahre mit Verwandten ersten oder zweiten Grades, die an Typ‑1‑Diabetes erkrankt sind [21]. Die Expertin fordert eine bundesweite Integration in Vorsorgeuntersuchungen sowie eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
Ausblick
Die Kombination aus systematischer Früherkennung und immunmodulatorischer Therapie eröffnet ein neues Versorgungskonzept im Typ‑1‑Diabetes‑Management. Diese Entwicklung markiert einen grundlegenden Wandel hin zu einer Intervention, die den Krankheitsverlauf bereits vor der klinischen Manifestation beeinflusst.
von Redaktion diabetologie-online
mit Materialien von Sanofi
