Über zehn Millionen Schülerinnen und Schüler konnten in den vergangenen Wochen aufgrund der Corona-Pandemie nicht die Schulbank drücken. Nun wird in Deutschland vorsichtig der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Bundesweit gibt es jedoch einzelne Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche mit einem Diabetes davon vorerst ausnehmen. Sie beziehen sich dabei auf den Hinweis des Robert Koch-Instituts (RKI), dass Diabetespatienten zur Risikogruppe zählen. Die Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass laut aktuellem internationalen Forschungsstand Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes nicht häufiger oder schwerer an COVID-19 erkranken als andere Kinder.

In Deutschland sind rund 9.000 Kinder und Jugendliche nachweislich am Coronavirus erkrankt. Die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt, da in diesem Alter die Erkrankung meist mild verläuft. Daher liegen bislang nur wenige Daten zum Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion bei Minderjährigen vor. Aus einer chinesischen Studie sowie mündlichen Berichten italienischer Diabetologinnen und Diabetologen gibt es jedoch keinen Hinweis darauf, dass Kinder und Jugendliche mit einem Diabetes mellitus ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Virusinfektion haben.

Keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes

„Aus kinderdiabetologischer Sicht spricht also nichts dagegen, dass im Zuge der aktuell geplanten Schulöffnungen auch die hierzulande rund 30 000 Kinder und Jugendlichen mit Diabetes die Schule besuchen“, bilanziert DDG Vizepräsident Professor Dr. med. Andreas Neu aus Tübingen den aktuellen medizinischen Wissensstand.

Er verweist auf die Stellungnahme der AG Pädiatrische Diabetologie (AGPD), die hierzu die aktuellsten Informationen zusammengetragen hat. Diese basiert auf einer Datensammlung der International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD) aus der bislang keine bedenklichen Zusammenhänge zwischen COVID-19 und Kindern mit Diabetes abgeleitet werden könnten.

Medizinisch unbegründeter Ausschluss „käme einer Diskriminierung gleich“

Dennoch haben einige Bundesländer wie Thüringen beschlossen, Kinder mit Diabetes zunächst pauschal vom Präsenzunterricht auszuschließen und berufen sich dabei auf die allgemeinen Informationen des RKI, wonach Diabetespatienten zur Risikogruppe zählen. „Bisher kennen wir kein Kind mit Typ-1-Diabetes, das durch COVID-19 zu Schaden gekommen wäre. Unsere Erkenntnisse zum Infektionsverlauf bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes legen nahe, dass sie nicht gefährdeter sind als ihre Altersgenossen und daher ganz normal am Alltagsleben teilhaben können“, betont Privatdozent Dr. med. Thomas Kapellen, Sprecher der AG „Pädiatrische Diabetologie“ der DDG.

Er kritisiert, dass die betroffenen Familien durch bürokratische Entscheidungen in einzelnen Regionen nun unnötig in Bedrängnis geraten, sich weiterhin um die Betreuung zu sorgen. Aus organisatorischer und psychosozialer Sicht sei es bedenklich, diese Kinder ohne objektive medizinische Gründe und nur aufgrund ihres Diabetes vom Unterricht fernzuhalten. „Dies käme einer Diskriminierung gleich“, ergänzt Kinder-Diabetologe Neu.

Was bei einer COVID-19-Erkrankung von Kindern mit Diabetes zu beachten ist

Die empfohlenen Schutzmaßnahmen wie Händehygiene, Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und Abstandsregelungen sollten natürlich eingehalten werden. Liegt eine COVID-19-Erkrankung vor, gelten die gleichen Empfehlungen für das Management des Diabetes wie bei anderen Virusinfekten der Atemwege. „Da im Zuge des Infektes ein erhöhter Insulinbedarf zu erwarten ist, sollten Erkrankte häufiger den Blutzucker messen beziehungsweise die Sensor-Glukosewerte kontrollieren“, empfiehlt Kapellen, Kinder-Diabetologe aus Leipzig.

Bei erhöhten Blutzuckerwerten muss die Insulindosis angepasst werden. Betroffene sollten sich bei langanhaltend schlechten Blutzuckerwerten an ihren behandelnden Arzt wenden.


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

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