CGM-Systeme gelten als wichtige Grundlage der modernen Diabetestherapie. Eine neue Studie zeigt jedoch deutliche Abweichungen zwischen Geräten derselben Person. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht darin Handlungsbedarf für Standardisierung und künftige digitale DMP‑Strukturen.
Eine im Fachjournal Diabetes Care veröffentlichte Studie hat untersucht, wie stark sich die Messergebnisse moderner kontinuierlicher Glukosemesssysteme (CGM) bei identischen Stoffwechselsituationen unterscheiden können. Erwachsene mit Typ‑1‑Diabetes trugen dazu drei aktuelle Systeme parallel über 14 Tage. Im Fokus stand nicht der Vergleich einzelner Produkte, sondern die Frage, wie stark zentrale Kennzahlen wie Time in Range, Hypo‑ und Hyperglykämie-Zeiten oder der aus CGM-Daten abgeleitete Glucose Management Indicator (GMI) voneinander abweichen.
Unterschiede mit unmittelbarer Relevanz für Therapieentscheidungen
Die Ergebnisse zeigen deutliche Abweichungen zwischen den Systemen – mit möglichen Auswirkungen auf die therapeutische Bewertung. „Unsere Daten zeigen, dass Glukoseverläufe je nach verwendetem CGM-System unterschiedlich gemessen und bewertet werden können“, erklärt Dr. med. Guido Freckmann, Studienautor und Vorstandsmitglied der DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie. Daraus könne folgen, dass Therapieziele je nach System erreicht oder verfehlt erscheinen, was insbesondere im Hinblick auf Unterzuckerungen zu unterschiedlichen Behandlungsentscheidungen führe.
Da CGM-Daten sowohl ärztlich als auch von den Betroffenen selbst genutzt werden, etwa zur Anpassung der Therapie oder im Rahmen automatisierter Insulinabgabesysteme, haben diese Unterschiede unmittelbare Bedeutung für den Versorgungsalltag.
Technische Ursachen statt patientenbezogener Faktoren
Nach Einschätzung der Deutschen Diabetes Gesellschaft liegen die Unterschiede nicht am Verhalten der Anwenderinnen und Anwender, sondern an technischen Faktoren. „Jede Firma nutzt eigene Messverfahren, sowie eigene Algorithmen, um die CGM-Messwerte zu ermitteln“, so Dr. Freckmann. Vielen sei nicht bewusst, dass diese Unterschiede direkt Einfluss auf die angezeigten Werte haben können.
Hinzu komme die unterschiedliche Referenzierung: Während im Alltag vorwiegend kapilläre Blutzuckerwerte gemessen werden, basierten CGM-Systeme je nach Hersteller teils näher an kapillären oder venösen Messgrößen. Da zwischen diesen Kompartimenten systematische Abweichungen bestehen, erschwert dies eine übergreifende Vergleichbarkeit der Messwerte.
DDG fordert systemweite Standards
Vor diesem Hintergrund plädiert die DDG für eine konsequente Standardisierung von CGM-Messung und -Auswertung. „Die zentrale Frage ist nicht, ob wir für jedes CGM-System eigene Zielwerte brauchen“, betont Dr. Freckmann. „Vielmehr müssen wir die Systeme so weiterentwickeln, dass sie vergleichbare Messergebnisse und Kennzahlen liefern.“ Die DDG arbeitet an einem Positionspapier, das Empfehlungen zur besseren Einordnung und Vergleichbarkeit von CGM-Daten formuliert. Ziel ist es, fundierte Entscheidungen in der klinischen Praxis wie auch im Selbstmanagement weiter zu stärken.
Bedeutung für digitale Disease-Management-Programme
Mit Blick auf künftige digitale Disease‑Management‑Programme (dDMP) erhält die Frage nach einheitlichen CGM-Daten zusätzliches Gewicht. Digitale Programme sollen Versorgung, ärztliche Betreuung und Selbstmanagement stärker vernetzen. Voraussetzung dafür sind verlässliche, systemübergreifend verständliche Kennzahlen.
„Digitale DMP können ein wichtiger Baustein für eine moderne, vernetzte Diabetesversorgung sein“, sagt Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG. „Damit diese Programme ihr Potenzial entfalten können, brauchen wir CGM-Daten, die unabhängig vom verwendeten System vergleichbar und nachvollziehbar sind.“ Die aktuellen Studiendaten zeigten deutlich, dass Standardisierung dabei kein Randthema, sondern eine Grundvoraussetzung sei.
CGM-Daten im Versorgungsalltag richtig einordnen
Für die Praxis bedeutet dies: CGM-Systeme bleiben ein wesentlicher Fortschritt, ihre Werte sollten jedoch stets im Kontext des verwendeten Geräts interpretiert werden. Besonders bei Therapieanpassungen oder einem Systemwechsel ist dieser Aspekt entscheidend. Bei optional kalibrierbaren Systemen könne eine Kalibration mit einem verlässlichen Blutzuckermessgerät systematische Abweichungen verringern. „CGM liefert wertvolle Informationen“, betont Dr. Freckmann. „Damit diese ihr volles Potenzial entfalten können, brauchen wir Transparenz, fachliche Einordnung und langfristig einheitlichere Standards.“
von Redaktion diabetologie-online
mit Materialien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
