Die Frage nach einer vernünftigen Kennzeichnung von Lebensmitteln für die Verbraucher ist in aller Munde. Antworten gibt jetzt eine aktuelle Befragung von Verbrauchern.

Welche Nährwertkennzeichnung wollen Deutschlands Bürger wirklich? Den Nutri-Score, also die sog. Lebensmittelampel (wir berichteten in Ausgabe 6/19).

Das hat eine repräsentative Umfrage des forsa-Instituts ergeben, für die über 1.000 Verbraucher online dazu befragt wurden, welche Nährwertkennzeichnung sie sich wünschen bzw. welches der beiden derzeit diskutieren Modelle: den Nutri-Score oder den von Ernährungsministerin Julia Klöckner präferierten Wegweiser Ernährung. Das Ergebnis: 69 Prozent sind für die Ampel und nur 25 Prozent für den Wegweiser.

Grünes A bis rotes E

Der Nutri-Score zeigt auf der Vorderseite der Produktverpackung die Nährwertqualität des jeweiligen Lebensmittels an. Das System basiert auf einer fünfstufigen Farbskala von dunkelgrün bis rot und mit den Buchstaben A (vorteilhafte Nährwertqualität) bis E (weniger vorteilhafte Nährwertqualität). Je günstiger die zusammenfassende Bewertung ausfällt, desto mehr tendiert die Bewertung zur Farbe Grün bzw. zum Buchstaben A.

Nutri-Score oder „Klöckner-Modell“? 69 Prozent der Befragten sprachen sich für die Lebensmittelampel aus, nur ein Viertel für den Wegweiser Ernährung.

Julia Klöckner favorisiert hingegen die Einführung eines eigenen Nährwertkennzeichens: den Wegweiser Ernährung. Dieses Label wurde vom Max Rubner-Institut (MRI) im Auftrag des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) entworfen und im Mai vorgestellt. Bei der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DGG) stieß es schon seinerzeit auf Ablehnung.

Der Wegweiser sieht aus wie ein „Waben“-Modell und arbeitet nicht mit Ampelfarben, sondern errechnet einen Gesamtwert aus einer Sterne-Bewertung: Je höher die Qualität des Produkts, desto mehr Sterne gibt es (Höchstnote 5). Eine weitere Grafik zeigt Inhaltsstoffe wie Zucker, Salz, Fett und ungesättigte Fettsäuren an.

Drei Produkte, zwei Labels

Bei der Befragung wurde den Verbrauchern beispielhaft 3 Produkte gezeigt: Müsli, Putenbrust und Capri-Sonne. Alle Lebensmittel waren für die Umfrage mit den beiden Nährwertmodellen gekennzeichnet worden. „In fast allen Dimensionen bevorzugt die große Mehrheit der Befragten den Nutri-Score“, sagte Barbara Bitzer, Sprecherin Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK und Geschäftsführerin der DDG.

90 Prozent schätzen die Ampel als das auffallendere Logo ein (Wegweiser Ernährung: 2 Prozent). Die Farbgebung des Nutri-Score sehen 88 Prozent als sinnvoller an (Wegweiser Ernährung: nur 3 Prozent). 87 Prozent schätzen eher den Nutri-Score für schnell erfassbar ein (Wegweiser Ernährung: lediglich 5 Prozent). 65 Prozent der Befragten halten den Wegweiser für das kompliziertere Label, für den Nutri-Score sagen dies nur 4 Prozent.

In einem Bereich habe das „Waben“-Modell jedoch besser abgeschnitten, so Bitzer: Es liefere genügend Informationen. „Das ist den Befragten aber auch am wenigsten wichtig.“ Denn nur 35 Prozent halten detaillierte Infos auf der Vorderseite der Verpackung für „sehr wichtig“. Das Kennzeichnungssystem müsse für die Verbraucher viel mehr eindeutig (72 Prozent), leicht verständlich (70 Prozent) und unkompliziert (61 Prozent) sein – „alles Eigenschaften, die dem Nutri-Score zugeordnet werden“, erklärte sie.

Unterschiede nach Bildung und Gewicht

Die Befragung unterschied auch nach Bildungsabschluss und Körpergewicht. Vor allem die Befragten mit Hauptschulabschluss sind der Meinung, dass der Nutri-Score die Auswahl gesunder Lebensmittel eher erleichtert als der Wegweiser (66 Prozent versus 53 Prozent der Personen mit Abitur).

Umfrageteilnehmer mit starkem Übergewicht bewerten den Nutri-Score in diesem Punkt ebenfalls häufiger als hilfreicher (68 Prozent versus 56 Prozent der Personen mit Normalgewicht). Adipöse Menschen sehen das „Klöckner-Modell“ besonders oft als das kompliziertere Logo an (72 Prozent versus 60 Prozent der Befragten mit Body-Mass-Index unter 25).

Noch stärker fällt die Präferenz für den Nutri-Score bei über 60-Jährigen mit Hauptschulabschluss und starkem Übergewicht aus: Hier entschieden sich jeweils 75 Prozent für die Nährwertampel.

Dicke Eltern, dicke Kinder?

Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ergänzte, dass Kinder von Eltern, die einen geringen Bildungsstand haben oder übergewichtig sind, ein deutlich erhöhtes Risiko haben, auch dick zu werden. „Der Nutri-Score erreicht diese Bevölkerungsgruppen offenbar gut und kann deshalb wirksam helfen, Kinder vor Übergewicht zu schützen.“

Und Prof. Dr. Hans Hauner, Vorsitzender der Deutschen Diabetes Stiftung und Beiratsmitglied der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, stellte klar: Die Nährwertampel liefert „eine schnelle, verständliche Orientierung beim Einkauf“.

Appell an Ministerin: Ampel einführen!

„Die Befragung zeigt eindeutig, dass sich die Verbraucher den Nutri-Score wünschen“, resümmierte die DDG-Geschäftsführerin. Eine transparente Nährwertkennzeichnung sei auch der notwendige und erste Schritt, um Übergewicht und Adipositas zu bekämpfen – die größten Risikofaktoren für Diabetes.

An Julia Klöckner richtete sie den Appell: „Die Lösung liegt auf dem Tisch. Führen Sie so schnell wie möglich den wissenschaftsbasierten Nutri-Score ein!“ Die Nährwertampel hätte zuvor in über 35 wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen. Frankreich und Belgien hat sie schon eingeführt, Spanien steht kurz davor.

Kein Platz mehr frei, Pressemappen vergriffen: Die Pressekonferenz im August in Berlin, bei der die Umfrageergebnisse von Experten vorgestellt wurden, stieß bei den Journalisten auf großes Interesse.

Die Umfrage wurde von 9 Organisationen beauftragt, u.a. von der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten DANK, foodwatch e.V., der DDG, der Deutschen Diabetes Stiftung, diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Den kompletten Ergebnisbericht der forsa Politik- und Sozialforschung GmbH gibt es im Netz unter www.dank-allianz.de, www.ddg.info und www.foodwatch.de. Auch die Umfrage selbst ist bei der DANK erhältlich.



Autorin: Angela Monecke
Redaktionsbüro Angela Monecke
Kopenhagener Str. 74
10437 Berlin

Erschienen in: Diabetes-Forum, 2019; 31 (9) Seite 6-7