Moderne Systeme zur Glukosemessung erleichtern mittlerweile zahlreichen Menschen mit Diabetes das Leben. Doch so viele Vorteile diese Systeme bieten, sie können auch zu Problemen führen: Immer wieder berichten Patienten über Hautreaktionen an den Applikationsstellen der Sensoren – von Hautirritationen bis hin zu allergischen Kontaktekzemen. Der Diabetologe Dr. Tewes weiß, was zu tun ist.

Der Experte:


Dr. med. Dietrich Tews
Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG, LÄK
Diabetes Zentrum Dr. Tews, Herzbachweg 14E, 63571 Gelnhausen
Website: www.tews-diabetes.de

Grundsätzlich kläre ich im ersten Schritt ab, ob eine irritative oder eine allergischen Kontaktdermatitis vorliegt. Da die Symptome zu Beginn ähnlich sind, kann der Zeitpunkt der Hautreaktionen einen wichtigen Hinweis geben: Während Irritationen schon unmittelbar beim ersten Tragen des Systems möglich sind und anschließend intermittierend wiederkehren, treten allergische Kontaktekzeme häufig erst mit einer zeitlichen Verzögerung von einigen Monaten auf – falls nicht bereits eine entsprechende Allergie besteht.

Hautirritationen als häufigste Reaktion

In der Mehrzahl der Fälle unerwünschter Hautreaktionen handelt es sich um Irritationen. Sie entstehen zum Beispiel, wenn ein Pflaster mehr als eine Woche getragen wird und sich Wärme und Feuchtigkeit darunter stauen. Die Folge: Die Hautbarriere wird geschädigt, die Haut rötet sich, wird rissig und juckt.

Ich rate meinen Patienten dann, die Haut z. B. mit einer Wund- und Heilsalbe zu pflegen und das Pflaster vorsichtig zu entfernen, denn auch ein zu starker Pflasterabriss kann die Haut reizen. Eine solche irritative Kontaktdermatitis sollte nach etwa 48 Stunden abklingen.

Leidensdruck durch Kontaktallergien

Bei einigen Patienten kommt es vor, dass sich die Symptome mit der Zeit verstärken und sie eine allergische Kontaktdermatitis in der Hautpartie unter dem Sensor entwickeln. In der Folge reagiert die Haut bei jedem neuen Kontakt mit starken Symptomen, und es bilden sich teilweise schwere ekzematöse Hautreaktionen – häufig mit gelblichem Exsudat und Bläschen. Hier besteht sogar die Gefahr einer bakteriellen Superinfektion.

Abb. 1: Hautirritation Abb. 2: Allergische Reaktion (mittel)

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Der Leidensdruck für Patienten mit Kontaktallergie ist hoch und das Tragen des Systems kann schmerzhaft und belastend werden. Da die allergischen Reaktionen meist erst nach einer längeren Tragedauer und mehreren Sensorwechseln auftreten, ist die Enttäuschung bei Patienten oft besonders groß, weil sie sich bereits an das System gewöhnt haben.

Acrylate unter Verdacht

Bei der Ursachenforschung verdichten sich mittlerweile die Hinweise darauf, dass hauptsächlich das Acrylharz IBOA (Isobornylacrylat) die Kontaktallergien auslöst. Ein weiterer Stoff, der ebenfalls im Verdacht steht, ist Dimethylacrylamid-A (DMAA). Bei beiden Substanzen handelt es sich um Acrylate, also Kunststoffverbindungen, die im Klebstoff und in verschiedenen Gehäusebestandteilen von externen Sensoren enthalten sein können.

Dazu konnte IBOA auch schon in Pflastern, die den Sensor befestigen, nachgewiesen werden. Acrylate sind als Kontaktallergene bekannt, die beispielsweise bei Mitarbeitern von Nagelstudios häufig zu Allergien führen.

Stumme Sensibilisierung

Ist eine allergene Substanz im Pflaster enthalten, gerät diese in direkten Kontakt mit der Haut. Anders liegt der Fall, wenn das Allergen im Sensor enthalten ist: Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Substanz vom Sensor auf das Pflaster diffundiert und so an die Haut gelangt. Nach einigen Wochen oder auch Monaten der stummen Sensibilisierung auf den Kontaktstoff treten dann die Symptome auf. Ist ein Patient einmal auf eine Substanz sensibilisiert, bleibt er dies lebenslang – und zwar lokalisationsunabhängig.

Dabei besteht auch die Gefahr von Kreuzverbindungen: Feuchtigkeit und Schwitzen sowie der Abrieb beim Tragen können sogar dazu führen, dass neue Kunststoffverbindungen entstehen, die zusätzliche Allergien auslösen können. Besteht der Verdacht auf eine Kontaktallergie, sollte man den Patienten an eine dermatologische Praxis überweisen, die allergologisch tätig ist. Diese kann mit einem speziellen Epikutantest für Kunststoffe eine Allergie gegen z.B. Acrylate untersuchen.

Soforthilfe und Zwischenlösungen

Um akute Beschwerden kurzfristig zu lindern, verordne ich in schweren Fällen kortisonhaltige Cremes. Möchte der Patient das System weiter nutzen, gibt es als Zwischenlösung die Möglichkeit, mit verschiedenen Schutzpflastern unter dem Sensor zu improvisieren: Manche meiner Patienten behelfen sich mit acrylatfreien Blasenpflastern auf Silikon- oder Hydrokolloidbasis, in die sie ein Loch stanzen und dann als eine Art Zwischenschicht unter das Gehäuse kleben. Meist treten aber rund um die Insertionsstelle des Sensors trotzdem Hautprobleme auf.

Allergische Reaktion (mittel, mit Eiter) Allergische Reaktion (schwer, entzündet)

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Außerdem ist diese Lösung umständlich und auf Dauer teuer, denn der Patient muss die Pflaster aus eigener Tasche bezahlen. In Online-Foren werden weitere Lösungen empfohlen, von denen ich meinen Patienten jedoch abrate. Dazu zählen unter anderem Hautschutzsprays, die nur für einige Tage die Hautbarriere schützen und sogar Kreuzreaktionen hervorrufen können.

Ein weiterer Trend, der sich aktuell beobachten lässt, ist die Nutzung von Kinesio-Tapes als Hautbarriere oder zum Schutz des Sensors. Auch hiervon rate ich dringend ab, da diese häufig ebenfalls Acrylate enthalten – also genau den Stoff, der die Reaktionen hervorruft.

Hautfreundliche Systeme schaffen Abhilfe

Ich erlebe immer wieder Patienten, die sich zum Durchhalten zwingen, weil sie hoffen, dass ihre Symptome mit der Zeit abklingen. Dies gilt es zu verhindern, denn setzt sich der Patient weiter dem Allergen aus, kann das zu Streureaktionen über den ganzen Körper führen. Langfristig kann es für Patienten mit dauerhaften Hautirritation oder einer Kontaktallergie nur eine Lösung geben: der Wechsel zu einem hautfreundlichen CGM-System.

In meiner Praxis wechseln viele Patienten mit Hautproblemen zu Eversense XL. Das Langzeit-CGM-System kommt ohne allergene Stoffe wie IBOA oder DMAA aus, und der Sensor liegt hier nicht auf der Haut, sondern wird am Oberarm direkt unter der Haut eingesetzt, wo er bis zu sechs Monate bleibt. Das acrylatfreie Pflaster mit einem Kleber auf Silikonbasis, das den Smart Transmitter befestigt, ist besonders hautschonend und wird täglich gewechselt. Dadurch lässt sich die Haut auch besser reinigen und pflegen. So erlebe ich es immer wieder, dass nach einer langen Leidenszeit Patienten mit Eversense XL ein CGM-System finden, das nicht nur zu ihnen, sondern auch zu ihrer Haut passt.


Autor: Dr. med. Dietrich Tews
Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG, LÄK
Diabetes Zentrum Dr. Tews, Herzbachweg 14E, 63571 Gelnhausen
Website: www.tews-diabetes.de
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