Digitale Anwendungen wie DiGA, CGM und AID verbessern die Diabetesversorgung, erreichen aber nicht alle Betroffenen gleichermaßen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) warnt vor sozialer Ungleichheit und fordert auf ihrer Jahrespressekonferenz eine gerechte Digitalisierung.
Digitale Technologien wie Gesundheitsanwendungen, kontinuierliche Glukosemessung und automatisierte, algorithmengestützte Systeme stärken das Selbstmanagement und ermöglichen eine engere Vernetzung zwischen Behandlungsteams und Menschen mit Diabetes. Auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin hob DG-Vizepräsident Dr. med. Tobias Wiesner hervor, dass digitale Lösungen die Therapietreue unterstützen und individuelle Hilfestellungen bieten können.
Diabetes sei eine „Datenmanagementerkrankung“, so Dr. Wiesner. Täglich entstünden zahlreiche Mess‑ und Beobachtungsdaten, deren strukturierte Nutzung durch digitale Systeme erheblichen Mehrwert bieten könne. Eine moderne Infrastruktur könne zudem personalisierte Therapieansätze, wissenschaftliche Auswertungen und gesundheitspolitische Entscheidungen verbessern.
Digitale Kluft und soziale Risiken
Gleichzeitig warnte Dr. Wiesner vor einer zunehmenden sozialen Spaltung. Wenn der Zugang zu digitalen Angeboten von Einkommen, technischer Ausstattung oder vorhandener Kompetenz abhänge, verschärften sich bestehende Ungleichheiten. Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen oder unzureichender digitaler Gesundheitskompetenz hätten oft Schwierigkeiten, komplexe technische Anwendungen zu nutzen. Begrenzte Mehrsprachigkeit und die Verwendung von Fachbegriffen seien zusätzliche Hürden.
Das Risiko algorithmischer Verzerrungen komme hinzu: Systeme, die überwiegend mit Daten privilegierter Gruppen trainiert würden, könnten andere Bevölkerungsgruppen benachteiligen. Ebenso müsse berücksichtigt werden, dass manche Betroffene bewusst eine analoge Versorgung bevorzugen. Dr. Wiesner betonte, diese Gruppe müsse „ein Recht auf analoge Teilhabe, Freiheit von digitalem Zwang und Schutz vor technologischer Diskriminierung“ erhalten.
Als weiteres Problem nannte er eine „Präventionslücke“, da digitale Angebote vor allem technikaffine und bereits gesundheitsbewusste Menschen erreichten.
Versorgung darf nicht von Voraussetzungen abhängen
Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG, ergänzte, digitale Angebote dürften nicht zu wachsender sozialer Ungleichheit führen. Digitale Strukturen müssten so gestaltet sein, dass alle Versicherten profitieren – unabhängig von Bildung, Einkommen oder digitaler Erfahrung. Fehlende Einordnungshilfen, begrenzter Zugang oder mangelnde Fähigkeiten im Umgang mit digitalen Tools verhinderten, dass vulnerable Gruppen von Innovationen profitieren könnten. Prof. Gallwitz wies darauf hin, dass Gesundheitskompetenz entscheidend sei, bislang aber politische Maßnahmen fehlten, um diese in der Breite zu fördern.
Weichenstellung durch ein digitales Disease-Management-Programm
Damit Digitalisierung die Versorgung verbessert und nicht erschwert, seien klare strukturelle Vorgaben erforderlich. Insbesondere das digitale Disease‑Management‑Programm (dDMP) spiele eine zentrale Rolle. Dr. Wiesner betonte, dass das dDMP keine bloße technische Erweiterung des bestehenden DMP sei. Es könne erstmals alle Versorgungsebenen – von der Praxis über die Klinik bis zu weiteren Leistungserbringern – digital verbinden.
Voraussetzung dafür seien eindeutige gesetzliche Rahmenbedingungen, eine konsequente sektorenübergreifende Einbindung, der Abbau paralleler Strukturen und einheitliche Schulungs‑ sowie IT‑Standards. Die DDG beteilige sich aktiv an der Ausgestaltung, um Betroffenen den Zugang zu digitalen Anwendungen zu erleichtern und die Versorgung langfristig zu stabilisieren.
- Niederschwelliger Zugang zur elektronischen Patientenakte (ePA): Wichtige Gesundheitsdaten wie Medikationspläne oder Befunde müssten bei jedem Arztkontakt verfügbar sein – unabhängig davon, ob Betroffene die ePA selbst aktiv nutzen.
- Einführung eines digitalen DMP (dDMP): Telemedizinische Angebote, sichere Kommunikationsdienste und digitale Anwendungen sollten verbindlich integriert und angemessen vergütet werden. Die ePA müsse als zentrale Austauschplattform dienen; Module wie Medikationsplan oder Laborbefunde seien einzubinden.
- Faire Vergütung moderner Diabetestechnologie: Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung oder automatisierte Pumpensysteme verbesserten die Stoffwechseleinstellung, erhöhten aber auch den Arbeitsaufwand in spezialisierten Praxen deutlich. Schulungen, Datenanalysen und technische Betreuung würden seit Jahren finanziell unzureichend abgebildet, so Dr. Wiesner.
von Redaktion diabetologie-online
mit Materialien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
