Die Präzisionsdiabetologie zielt darauf ab, die verschiedenen Diabetes-Subtypen besser zu verstehen, um Menschen mit Diabetes oder einem Risiko für die Erkrankungen zu identifizieren und letztendlich eine individuelle, maßgeschneiderte Prävention und Behandlung zu ermöglichen. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, war u.a. Thema beim CEDA-Kongress 2026 in Düsseldorf.
Die Zentraleuropäische Diabetesgesellschaft (Central European Diabetes Association, CEDA) ist eine internationale Diabetes-Vereinigung innerhalb Europas. Ursprünglich als Forum für den Austausch zwischen den damaligen osteuropäischen und westeuropäischen Ländern gegründet, erstreckt sie sich mittlerweilse auch auf die südlichen Regionen Europas. Der Kongress findet jedes Jahr in einem anderen Mitgliedsland statt. In diesem Jahr wurde die Tagung zum zweiten Mal in Düsseldorf abgehalten.
Die Präzisionsdiabetologie ist eines der Forschungsgebiete des diesjährigen Kongresspräsidenten Professor Dr. Michael Roden vom Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf. Mit seinem Team erforscht Prof. Roden u. a. die Subtypen vornehmlich von Typ-2-, aber auch Typ-1-Diabetes. Diese unterscheiden sich beispielsweise in ihrem kardiometabolischen Risiko. Ihre Identifikation soll in Zukunft eine individuelle, risikostratifizierte Prävention und Behandlung ermöglichen, wie Prof. Roden beim Pressegespräch zum CEDA-Kongress 2026 erläuterte.
MASLD: Hohes Risiko für Manifestation und Progression bei ausgeprägter Insulinresistenz
Von besonderem Interesse ist laut Prof. Roden ein Subtyp, bei dem eine ausgeprägte Insulinresistenz das vorherrschende pathophysiologische Merkmal ist (schwerer Insulinresistenz-betonter Diabetes, SIRD). Betroffene weisen ein besonders hohes Risiko für Folgeerkrankungen auf. Eine davon ist die metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD), deren Bedeutung in den letzten Jahren zugenommen hat. "Es sind insbesondere Menschen mit Diabetes und dem Subtyp des insulinresistenten Diabetes, die bei der Diagnose von Diabetes nicht nur eine höhere Prävalenz von Fett in der Leber aufweisen, sondern bei denen die Erkrankung auch am schnellsten fortschreitet", erklärte Prof. Roden. In einigen Ländern weltweit sei die steatotische Lebererkrankung mittlerweile die Hauptursache für Transplantationen und Leberzirrhose. Neue Arzneimittel, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind, ermöglichen eine verbesserte Versorgung.
Derzeit wird das neue, von Bund- und Ländern geförderte Forschungszentrum für Herz- und Diabetesforschung "CARDDIAB" am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) errichtet. Wie Prof. Roden berichtete sind die Projekte, die dort anlaufen werden, auch im Zusammenhang mit der steatotischen Lebererkrankung interessant, da Menschen mit Typ-2-Diabetes, Insulinresistenz und einer steatotischen Leber das höchste Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen haben.
Digitale Daten kombinieren, um Krankheiten gezielt vorzubeugen
"Was wir nun also brauchen, ist einen Paradigmenwechsel von der Reparaturmedizin hin zur Präzisionsprävention", so Professorin Dr. Julia Szendrödi, Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg und amtierende Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Ziel müsse es sein, den Stoffwechselverlauf des Einzelnen über die Zeit hinweg nachzuverfolgen, also Informationen, die in der Primärversorgung vorliegen, mit denen aus der Facharztpraxis, aus Krankenhausregistern sowie den Erkenntnissen aus der Forschung zusammenzuführen. Zudem müssten diese Daten mit solchen aus Diabetes-Technologien wie Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) oder auch Wearables kombiniert werden. Damit die digitalen Daten genutzt werden könnten, um metabolische Risiken zu verstehen und die Prävention präziser zu gestalten, fehle aktuell jedoch die passende Infrastruktur. Als wichtige Schritte auf dem Weg dorthin nannte Prof. Szendrödi u. a.:
- interoperable Datenstandards
- geregelte, integrierte Behandlungspfade über Sektorengrenzen hinweg
- internationale Datenkooperationen
- eine klare Governance-Struktur
- Kostenerstattung auch für die Prävention und nicht nur die Behandlung von Krankheiten
Mehrere andere Länder in Europa wie Dänemark, Finnland und Schweden haben bereits damit begonnen, die digitale Gesundheitsstruktur zu nutzen. Laut Prof. Szendrödi sollte Deutschland den Anspruch haben, bei der Präzisionsprävention eine führende Rolle in Europa einzunehmen.
Moderne Kombinationstherapien und frühzeitige Risikostratifizierung
Ansätze der Präzisionsmedizin finden sich in der Diabetologie bereits wieder. Sowohl Inkretinmimetika als auch SGLT2-Inhibitoren zeigen über die antidiabetische Wirkung hinaus organprotektive Effekte. Professor Dr. Francesco Giorgino, Präsident der Europäischen Diabetesgesellschaft (European Association for the Study of Diabetes, EASD), hob hervor, dass der ergänzende und frühzeitige Einsatz dieser Arzneimittel Menschen mit Typ-2-Diabetes und hohem kardiometabolischen Risiko zugutekommt. "Während SGLT2-Hemmer wahrscheinlich vor allem bei Herzinsuffizienz oder CKD (chronische Nierenerkrankung, Anm. d. Red.) zum Einsatz kommen, lassen sich Übergewicht und natürlich die mit Adipositas verbundenen Folgen viel besser mit GLP-1-basierten Therapien behandeln."
Das kürzlich bei den Scientific Sessions der American Diabetes Association (ADA) vorgestellte Konsensuspapier von ADA und EASD beschreibt genau das: eine Behandlung weg von einem stufenweisen hin zu einem stärker integrierten Ansatz. Die wichtigste Änderung ist laut Prof. Giorgino, dass der frühzeitigen Einsatz von SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-basierten Therapien bereits ab der Diabetesdiagnose bei fast allen Patienten empfohlen wird – auch wenn es in gewisser Weise im Widerspruch zur Präzisionsmedizin stehe, frühzeitig Medikamente mit einem breiten Wirkungsspektrum einzusetzen. Präzisionsmedizin bedeute hierbei, durch frühe Risikostratifizierung Personen zu identifizieren, die von einer solchen Therapie profitieren können sowie solche, die sie weniger gut vertragen.
Abb. 1: EASD-Präsident Prof. Dr. Francesco Giorgino, DDG-Präsidentin Prof. Dr. Julia Szendrödi und CEDA-Kongresspräsident Prof. Dr. Michael Roden (© DDZ / CEDA)
Herausforderungen und Chancen der Präzisionsmedizin
"Ich denke, wir haben heute bereits eine Art Präzisionsmedizin im Vergleich zu früheren Zeiten", so auch Prof. Roden. Dazu gehörten eben diese spezifischen Arzneimittel, die gezielt auf bestimmte Komplikationen wirken und vor allem deren Kombination und die Erkrenntnis, dass nicht alle Menschen gleich darauf ansprechen. Die Präzisionsmedizin steht jedoch noch am Anfang. Prof. Szendrödi erläurterte, dass sich das Verständnis der Diabetessubtypen und deren zugrundeliegender Mechanismen stetig erweitere, doch die Übertragung der Erkenntnisse in die klinische Praxis eine große Herausforderung darstelle. Dafür seien klinische Interventionsstudien innerhalb der Phänotypen nötig. Eine weitere Herausforderung ist laut der DDG-Präsidentin die teilweise unzureichende Umsetzung bestehender Leitlinien zu Screening und Behandlung von Risikopatienten. Gründe dafür seien einerseits zu wenig Zeit für einzelne Patienten im Behandlungsalltag sowie die fehlende Kostendeckung dieser Maßnahmen, andererseits die fehlende Verknüpfung der Patientendaten. Laut Prof. Giogino kommt hinzu, dass der Wissenstand in der Primärversorgung lokal, aber auch global sehr heterogen ist. Hausärzte behandeln viele verschiedene Krankheiten, daher fehlten natürlicherweise bei einigen das Bewusstsein oder auch die Möglichkeiten für Präzisionsmedizin.
Die EASD hat daher ein spezielles Gremium eingerichtet, das "EASD Global Council“. Dieses hat zum Ziel, einen weltweit einheitlicheren Versorgungsstandard für Diabetes zu schaffen sowie globale Register zu etablieren. "Ich denke, das ist wahrscheinlich auch eine der Aufgaben der CEDA: Sie ist ein kleiner Verband, der diese Länder zusammenbringt, in denen Diabetes auf sehr unterschiedliche Weise behandelt wird", ergänzte Prof. Roden.
von Redaktion diabetologie-online
Quelle: CEDA 2026. Pressgespräch: "Maßgeschneiderte Diabetes-Therapie: Wie individuell kann die Prävention und Behandlung von Typ-2-Diabetes tatsächlich sein? Und wo stehen Forschung und Versorgung bei der Präzisionsdiabetologie derzeit?"; 25.06.2026
