Der Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland e.V. (BeKD) hat im Juni 2026 einen Expertenbericht zur Schulgesundheitspflege veröffentlicht. Auf Grundlage der darin dargestellten Erkenntnisse fordert der Verband die bundesweite Einführung gesetzlich verankerter und dauerhaft finanzierter Schulgesundheitsfachkräfte (School Nurses) an allen Schulen in Deutschland.
Der VDBD e.V. unterstützt die Forderung nach School Nurses ausdrücklich. Aus Sicht des Verbandes sind sie ein wichtiger Baustein für eine sichere und gleichberechtigte Teilhabe von Kindern mit chronischen Krankheiten am Schulalltag, dazu gehören oft auch Kinder mit Diabetes Typ 1.
Rund jedes vierte Kind weist einen besonderen gesundheitlichen Versorgungsbedarf auf, der sich auch im Schulalltag bemerkbar macht. Zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern zählen dabei seit Jahren Asthma, Diabetes, Mukoviszidose, Übergewicht und Adipositas, Untergewicht, Entwicklungsstörungen, Anfallsleiden, psychische und maligne Erkrankungen. Gleichzeitig nehmen Gesundheitskompetenz und Impfschutz in der Bevölkerung ab. Vor diesem Hintergrund gewinnen gesundheitliche Unterstützung sowie präventive Maßnahmen im schulischen Umfeld an Bedeutung. School Nurses können gesundheitliche Probleme frühzeitig erkennen, Kinder niedrigschwellig unterstützen und so ihre Gesundheit und Entwicklung fördern.
Historie und Status quo
Tatsächlich hat die Schulgesundheitspflege in Deutschland eine lange Tradition. So wurden bereits 1908 in Berlin Charlottenburg erste Schulschwestern eingesetzt. Gemeinsam mit Schulärztinnen und Schulärzten übernahmen sie präventive und kurative Aufgaben. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Konzept der School Nurse ideologisch missbraucht und etablierte sich im Anschluss vor allem in anderen europäischen Ländern und den USA. In Deutschland blieb das Konzept der Schulgesundheitspflege nur auf einzelne Projekte und Regionen begrenzt. Mittlerweile gibt es in mehreren Bundesländern Modellprojekte, unter anderem in Berlin, Hessen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, die allesamt ein klares Bild zeigen. School Nurses verbessern nachweislich die Versorgung chronisch kranker Kinder, fördern die Gesundheitskompetenz, entlasten Lehrkräfte und stärken die Inklusion. Trotzdem ist Deutschland im internationalen Vergleich weit entfernt von einer flächendeckenden ausreichenden Schulgesundheitsversorgung und einer bundesweit einheitlichen Regelung.
Kernaufgaben
School Nurses übernehmen weit mehr als die Akutversorgung bei Erkrankungen und Verletzungen oder die Betreuung chronisch erkrankter Kinder. Sie fördern die Gesundheitskompetenz der Schülerinnen und Schüler, vermitteln Wissen zu Ernährung, Bewegung, psychischer Gesundheit und Prävention und beraten zugleich Lehrkräfte sowie Eltern und Sorgeberechtigte. Damit tragen sie zu einer verlässlichen Versorgung, mehr Inklusion und Bildungsteilhabe bei und entlasten Familien und pädagogische Fachkräfte. Auch wirtschaftlich zeigt sich ein deutlicher Mehrwert. An Schulen mit School Nurses liegen die Heilbehandlungskosten pro Unfall im Schnitt 14 Prozent niedriger. Und Rettungswageneinsätze in Modellprojekten konnten sogar um bis zu 64 Prozent reduziert werden. Neben diesen kurzfristig messbaren Einsparungen stärken School Nurses langfristig die Prävention und Gesundheitskompetenz, reduzieren Schulabsentismus und krankheitsbedingte Fehlzeiten und tragen zur psychischen und organisatorischen Entlastung von Familien und pädagogischen Fachkräften bei. Davon profitieren nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch das Gesundheitssystem, die Kranken- und Unfallkassen, Arbeitgeber und damit letztlich die gesamte Gesellschaft.
Rolle der Diabetesberatung
Diabetes mellitus Typ 1 gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter und bedeutet, Blutzuckerwerte müssen kontrolliert, Insulindosen berechnet, Mahlzeiten berücksichtigt und akute Stoffwechselentgleisungen rechtzeitig erkannt werden. Moderne Technologien wie kontinuierliche Glukosemesssysteme und Insulinpumpen erleichtern zwar den Alltag erheblich, ersetzen jedoch keine fachkundige Begleitung. Gerade jüngere Kinder benötigen Unterstützung bei der Interpretation von Messwerten, bei der Insulintherapie sowie im Umgang mit Unter- oder Überzuckerungen. Die Verantwortung hierfür wird derzeit häufig Lehrkräften oder pädagogischem Personal übertragen. Diese verfügen jedoch in der Regel weder über die notwendige pflegerische Qualifikation noch über ausreichende Handlungssicherheit. Dies führt nicht selten zu Unsicherheiten bei allen Beteiligten – bei Schulen ebenso wie bei Eltern. Nicht selten verlassen Frauen ihren Beruf, um ihr erkranktes Kind auch in der Schule zu betreuen.
Kinder mit Diabetes benötigen insbesondere:
- Unterstützung bei der täglichen Diabetesversorgung während des Unterrichts
- fachgerechtes Handeln bei Hypo- und Hyperglykämien
- Begleitung bei Ausflügen, Sport und Klassenfahrten
- Beratung von Lehrkräften und pädagogischem Personal
- enge Zusammenarbeit mit Eltern sowie den behandelnden Diabeteszentren.
Dadurch können gesundheitliche Risiken reduziert und Unterrichtsausfälle vermieden werden. Die Einführung von School Nurses ersetzt keineswegs die spezialisierte Diabetesberatung, sondern ergänzt diese sinnvoll. Diabetesberaterinnen und Diabetesberater vermitteln betroffenen Kindern mit Diabetes und ihren Familien das notwendige Wissen für ein Leben mit der Erkrankung. Sie schulen den Umgang mit modernen Diabetes-Technologien, unterstützen bei Therapieanpassungen und begleiten Familien langfristig. School Nurses können diese Expertise im schulischen Alltag aufgreifen und umsetzen. Sie bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen Schule, Elternhaus und Diabetesbehandlungsteam.
VDBD pro School Nurses
Der VDBD begrüßt daher ausdrücklich die Forderungen des Expertenpapiers nach einer bundesweiten Einführung von School Nurses.
Dazu gehören insbesondere:
- Flächendeckende Etablierung von School Nurses an allen Schulen in Deutschland
- Rechtliche Verankerung im Schul- und Gesundheitsrecht
- Verlässliche und dauerhafte Finanzierung
- Einheitliche Qualifikationsstandards und Fortbildungsangebote
- Multiprofessionelle Teamarbeit und schulinterne Vernetzung
- Berücksichtigung sozialer Ungleichheit und besonderer Bedarfe
- Standardisierung und Evaluation der Wirkung
- Anbindung an den Öffentlichen Gesundheitsdienst (KJGD)
Aus Sicht des VDBD können School Nurses einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes nachhaltig zu verbessern und gleichzeitig Familien, Schulen und das Gesundheitssystem zu entlasten.
Klarer Mehrwert
Alle Beteiligten sind sich einig, dass der Nutzen von Schulgesundheitsfachkräften bzw. School Nurses hinreichend bewiesen ist und keiner weiteren Belege bedarf. Umso wichtiger ist es, bundesweit verlässliche Strukturen zu schaffen und eine nachhaltige Finanzierung sicherzustellen. Dabei sollte nicht nur die akademische Ausbildung zur School Nurse gefördert werden. Ebenso wichtig ist es, bereits vorhandene Expertise, Erfahrungen und Potenziale zu nutzen und Fachkräfte durch gezielte Weiterbildungen für den Einsatz als School Nurse zu qualifizieren. Denn jedes Kind hat unabhängig von Herkunft, Wohnort oder Schulform Anspruch auf eine gesunde Schulumgebung und professionelle gesundheitliche Unterstützung. School Nursing ist daher kein Luxus, sondern eine wichtige Investition in die Zukunft von Kindern, Familien und unserer Gesellschaft.
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Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 44-45
