Die aktualisierte S2e-Leitlinie "Diabetes und Straßenverkehr" zeigt, wie Menschen mit Diabetes sicher am Straßenverkehr teilnehmen können. Sie berücksichtigt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Technologien und die Bedeutung strukturierter Schulung. Im Interview mit dem VDBD erläutert Diabetesberater Wolfgang Schütt, der an der Leitlinie mitgearbeitet hat, welche Neuerungen es gibt und welche Rolle die Diabetesberatung dabei spielt.

2017 wurde die erste Version der S2e-Leitline "Diabetes und Straßenverkehr" veröffentlicht und Sie waren von Beginn an dabei. Wie kam es dazu?

Der Ausschuss Soziales der DDG war Initiator und damit federführend bei der Entwicklung der Leitlinie. Uns war damals besonders wichtig, die Perspektiven verschiedener Berufsgruppen einzubringen, nicht nur die der Ärztinnen und Ärzte. Die Leitlinie wurde bewusst multiprofessionell erarbeitet, sodass unterschiedliche Blickwinkel zum Tragen kamen. So konnten sich auch die Beratungsberufe in den Empfehlungen wiederfinden, was für das Ergebnis entscheidend war. Wir wollten weg von einer rein defizitorientierten, medizinischen Betrachtung hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, der die Lebensrealität und Teilhabe der Betroffenen stärker in den Blick nimmt. Dabei konnte ich meine Erfahrungen als Krankenpfleger, Diabetesberater DDG und Diplom-Sozialpädagoge einbringen.

Kurzer Lebenslauf
Wolfgang Schütt, geboren 1958 Ausbildung zum Krankenpfleger und Arbeit in Hämatologie/ Onkologie Seit 1988 Arbeit in der Diabetologie zunächst in DSPP in Kiel, mit Weiterbildung zum Diabetesberater DDG im 5. Weiterbildungskurs. 1991 – 95 Studium Sozialwesen an der FH Kiel (Diplom Sozialpädagoge FH) Danach bis 2024 Krankenhaus Eckernförde (zuletzt Schönklinik) in der Diabetologie. Seit 2000 Mitglied im Ausschuss Soziales der DDG als Delegierter des VDBD Seit 2024 im Ruhestand

Ende 2025 soll nun eine überarbeitete Fassung der Leitlinie veröffentlicht werden. Was war der Anlass für die Überarbeitung der Leitlinie?

Leitlinien sind keine Naturgesetze. Sie müssen regelmäßig überprüft und an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst werden. Seit der ersten Version 2017 hat sich technisch und therapeutisch enorm viel verändert. Studien zeigen heute eindeutig, dass moderne Messsysteme und Therapiekonzepte die Verkehrssicherheit von Menschen mit Diabetes deutlich verbessern. Der wichtigste Anlass für die Überarbeitung war daher, diese Entwicklungen aufzugreifen und in der Praxis nutzbar zu machen, sowohl für Betroffene als auch für Behandelnde, Beratende und Schulende.

Gab es zentrale Neuerungen, die besonders hervorzuheben sind?

Die Diabetestherapie hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, insbesondere durch kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) und automatisierte Insulinabgabesysteme (AID). Diese Technologien stabilisieren den Stoffwechsel und senken so das Risiko von Unterzuckerungen am Steuer. Solche Erkenntnisse standen 2017 noch nicht in dem Umfang zur Verfügung. In der neuen Version wird zudem detaillierter auf den Einfluss von Hyperglykämien, modernen Schulungsprogrammen zur Verbesserung von Hypoglykämiewahrnehmung oder Hypoglykämiegefährdung sowie auf Fragen der Fahrsicherheit bei Schwangeren mit Diabetes eingegangen.

Wie können Menschen mit Diabetes sicher am Straßenverkehr teilnehmen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden?

Wichtig ist, das Risiko für Unterzuckerungen vor allem bei längeren Fahrten zu minimieren. Regelmäßige Blutzuckerkontrollen, gute Selbstwahrnehmung und das Wissen, wie man bei Hypoglykämien richtig reagiert, sind entscheidend. Die Diabetesberatung unterstützt dabei, das Verhalten entsprechend anzupassen. Für sicheres Fahren braucht es intakte Sinneswahrnehmung, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Diese können bei Diabetes durch Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen beeinträchtigt sein. Jede Person mit Diabetes sollte daher ihr individuelles Risiko kennen und geeignete Maßnahmen treffen. Die Leitlinie gibt hierzu praxisnahe Empfehlungen, die individuell angepasst werden können. Erfreulich ist, dass bei Typ-2-Diabetes heute deutlich seltener Medikamente mit Unterzuckerungsrisiko eingesetzt werden. Das erhöht die Sicherheit zusätzlich.

Sie haben gesagt, dass moderne Technologien wie kontinuierliche Glukosemessung (CGM) oder Insulinpumpen bei der Fahrtauglichkeit eine große Rolle spielen. Können Sie das noch etwas ausführlicher erläutern?

Moderne Systeme wie kontinuierliche Glukosemessung (CGM) oder automatisierte Insulinabgabesysteme (AID) können das Risiko für Unterzuckerungen deutlich senken und damit die Verkehrssicherheit verbessern. Entscheidend ist jedoch, dass die Technik richtig angewendet wird und die Betroffenen wissen, worauf sie auch im Straßenverkehr achten müssen – das wird in der Schulung vermittelt. Technik ersetzt keine Schulung, sie ergänzt und präzisiert sie. Es gibt eine klare Evidenz dafür, dass CGM- und AID-Systeme Hypoglykämien reduzieren, was sich unmittelbar auf das Risiko am Steuer auswirkt. Allerdings liegen bislang kaum Studien vor, die den direkten Einfluss dieser Technologien auf Unfallhäufigkeiten untersucht haben. Wichtig bleibt daher: Die Systeme müssen funktionieren – und die Anwenderinnen und Anwender müssen sie sicher beherrschen.

Ist es Pflicht, dass Diabetesberaterinnen und Diabetesberater das Thema Verkehrssicherheit in der Schulung ansprechen?

Es gibt die Pflicht der ärztlichen Aufklärung. Insofern ist es dringend zu empfehlen, das Thema anzusprechen. Die Leitlinie macht deutlich, dass Verkehrssicherheit Teil einer guten Diabetesberatung sein sollte. Beratung und Aufklärung sind entscheidend, um Risiken zu vermeiden. Das ist nicht nur im Interesse der Patientinnen und Patienten, sondern auch der Allgemeinheit.

Dürfen Diabetesberaterinnen und Diabetesberater die Fahrtauglichkeit beurteilen oder Einschränkungen aussprechen?

Nein, die Beurteilung der Fahrtauglichkeit liegt grundsätzlich in ärztlicher Verantwortung. Wenn in der Beratung Auffälligkeiten bemerkt werden, ist es wichtig, die behandelnde Ärztin oder den Arzt zu informieren. Die Diabetesberatung kann Risiken aufzeigen und empfehlen, ärztlichen Rat einzuholen – sie darf aber selbst keine Einschränkungen aussprechen. Wird ein ärztliches Fahrverbot ausgesprochen, muss dies entsprechend dokumentiert werden.

Gibt es häufige Missverständnisse im Zusammenhang mit Diabetes und Straßenverkehr?

Ja, eines ist die Annahme, dass Menschen mit Diabetes grundsätzlich ein höheres Unfallrisiko hätten. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. Entscheidend für das individuelle Risiko ist, wie gut die Stoffwechseleinstellung und das Selbstmanagement sind. Ein anderes Missverständnis betrifft Berufskraftfahrer: Oft wird davon ausgegangen, dass Insulinbehandlung und Berufskraftfahren nicht zusammenpassen. Richtig ist, dass bei guter Einstellung und Schulung der Beruf in der Regel weiter sicher ausgeübt werden kann. Berufskraftfahrer unterliegen besonderen Anforderungen. Für die Feststellung der Fahreignung ist eine individuelle Begutachtung erforderlich.

Und wie sieht es mit Einsatzkräften wie Feuerwehr oder Polizei aus?

Unter dem Aspekt der Fahrsicherheit können hier durchaus Probleme auftauchen. Einsatzfahrten mit Sonderrechten lassen sich nicht planen, in der Regel herrscht großer Zeitdruck. Das stellt erhöhte Anforderungen an die Fahrenden. Diese Anforderungen können mit Anforderungen, die der Diabetes stellt, kollidieren. Wenn aus betriebsärztlicher Sicht Fahreinsätze mit Sonderrechten nicht ausgeübt werden dürfen, muss geklärt werden, welche beruflichen Einsätze möglich sind.

Ein Blick in die Zukunft: Wird es eine weitere Überarbeitung der Leitlinie geben?

Sicher. Leitlinien sind immer im Fluss. Wir rechnen in einigen Jahren mit einer aktualisierten Version. Derzeit wird schon wieder diskutiert, welche neuen Studien und technischen Entwicklungen berücksichtigt werden müssen. Das Leitlinienteam hat sehr viel Zeit miteinander verbracht, wobei die meisten Treffen virtuell waren und die Dokumente in der Cloud bearbeitet wurden.

Was möchten Sie zum Schluss noch betonen?

Die Diabetesberatung ist die Schnittstelle zwischen Leitlinie und Patient, Patientin. Sie sorgt dafür, dass Empfehlungen in der Praxis ankommen und umgesetzt werden. Damit trägt die Berufsgruppe der Diabetesberaterinnen und Diabetesberater entscheidend dazu bei, dass Menschen mit Diabetes sicher am Straßenverkehr teilnehmen können.

Wolfgang Schütt, vielen Dank für das Gespräch!


Interview:
© privat
Ria Grosse, VDBD
Referentin der Geschäftsführung
Redakteurin Online/Print


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2025; 37 (6) Seite 41-43