Die strukturierte Diabetesschulung gilt seit vielen Jahren als unverzichtbarer Bestandteil einer erfolgreichen Diabetestherapie. So ist die Bereitschaft zur Schulungsteilnahme gleichzeitig Voraussetzung zur Teilnahme an den Disease-Management-Programmen (DMP) Diabetes mellitus Typ 1 bzw. Typ 2. Dennoch zeigen Analysen, dass nur ein kleiner Teil der Menschen mit Diabetes (MmD) tatsächlich eine Schulung erhält.

In bereits veröffentlichten Artikeln - u.a. von Prof. Bernhard Kulzer - aus der Arbeitsgruppe "Zukunft der Schulung" des QSW-Ausschusses der DDG wurde eindrucksvoll die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Evidenz und Versorgungsrealität beschrieben. Christian Graf von der Barmer konnte anhand von DMP- und Krankenkassendaten belegen, wie niedrig die tatsächlichen Schulungszahlen sind.

Eine Umfrage des VDBD e.V. aus dem Frühjahr 2026 ergänzt diese Erkenntnisse um eine entscheidende Perspektive: die Sicht derjenigen, die Diabetesschulungen täglich organisieren und durchführen

VDBD-Umfrage zur Schulung

An der bundesweiten Umfrage beteiligten sich im Zeitraum vom 26.02.2026 bis 02.04.2026 862 Personen, davon gingen 762 vollständige Fragebögen in die Auswertung ein. Über 90 % der Teilnehmenden gehörten Gesundheitsfachberufen mit diabetologischer Weiterbildung an, knapp 9 % waren Ärztinnen und Ärzte. Die Befragten repräsentieren damit vor allem diejenigen Berufsgruppen, die Diabetesschulungen täglich organisieren und durchführen. Antworten von Ärztinnen und Ärzten sind ebenso wertvoll, da vor allem Praxisinhaberinnen und -inhaber den finanziellen Aufwand und die Vergütung der Schulung im Blick haben. Die meisten Personen haben in den KV-Gebieten Bayern, Nordrhein (NRW), Baden-Württemberg, Hessen und Westfalen-Lippe (NRW) teilgenommen.

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Teilnahmezahlen je KV-Region (n = 825).

Zunächst fällt positiv auf, dass Diabetesschulungen grundsätzlich weiterhin einen hohen Stellenwert besitzen: 93,2 % der Einrichtungen führen Schulungen durch. Dies sind zu einem großen Teil Intervall-Gruppenschulungen mit ein bis zwei Terminen pro Woche (21,13 %), 17,57 % bieten Kompaktschulungen an und 17,52 % Modulschulungen themen-/problemorientiert. In 31,79 % der Einrichtungen werden Einzelschulungen durchgeführt. 11,99 % gaben zudem an, dass die Teilnahme an einer Schulung Voraussetzung für die Verordnung von z.B. CGM oder Inkretinmimetika sind. Hinweis: bei dieser Frage war eine Mehrfachnennung möglich, was auch den hohen Prozentsatz der Einzelschulungen erklärt.

Viele der anerkannten, strukturierten und abrechenbaren Schulungsprogramme werden eingesetzt. Dazu werden weiterhin die ZI-Schulungsprogramme sowie evaluierte, aber nicht abrechenbare Programme und eigene Curricula genutzt.

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Einsatz von (Gruppen-)Schulungsprogrammen (n=741).

Jedoch zeigt sich, dass die bestehenden Strukturen zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Die größte Hürde bei Präsenzschulungen besteht aus Sicht der Befragten darin, dass MmD die vorgegebenen Schulungstermine häufig nicht wahrnehmen können (18,3 % der Nennungen). Es folgen fehlende zeitliche Ressourcen (13,1 %), mangelnde personelle Kapazitäten (10,5 %) sowie der hohe bürokratische Aufwand (10,4 %) und eine unzureichende Finanzierung der Schulungen (7,5 %). Bemerkenswert ist, dass lediglich rund 10 % der Befragten angaben, überhaupt keine Hürden bei der Durchführung von Schulungen zu erleben.

Noch deutlicher werden die strukturellen Defizite beim Blick auf Online-Diabetesschulungen. Obwohl digitale Formate viele der genannten organisatorischen Probleme entschärfen könnten, bieten aktuell lediglich 9,8 % der Einrichtungen Online-Diabetesschulungen an. Als größte Hindernisse nannten die Befragten ungeeignete Software (18,5 %), fehlende Abrechnungsmöglichkeiten (15,8 %), unzureichende technische Voraussetzungen (15,2 %) sowie Vorbehalte der MmD gegenüber digitalen Angeboten (13,7 %). Hohe Softwarekosten wurden von 7,5 % der Befragten angegeben. Lediglich 3,9 % der Befragten sehen bei Online-Schulungen keinerlei Probleme.

© VDBD/Umfrage
Einsatz von (Gruppen-)Schulungsprogrammen (n=741).

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Einsatz von (Gruppen-)Schulungsprogrammen (n=741).

Dass sowohl bei der Präsenz- wie auch bei der Online-Schulung die finanziellen Hürden relativ weit hinten liegen, mag auch daran liegen, dass die Berufsgruppe der Ärztinnen und Ärzte in der Umfrage nur gering vertreten war. Denn sicherlich haben diese die Ausgaben für Schulungen stärker im Blick als Schulungskräfte selbst.

Die Ergebnisse der VDBD-Umfrage zur aktuellen Situation der Diabetesschulung machen deutlich, dass das Problem nicht in einer mangelnden Bereitschaft der Schulungsteams liegt. Vielmehr stoßen engagierte Diabetesberaterinnen und Diabetesberater sowie Diabetologinnen und Diabetologen zunehmend an strukturelle Grenzen. Die derzeitigen Rahmenbedingungen orientieren sich vielfach noch an Versorgungsmodellen, die vor vielen Jahren entwickelt wurden und den heutigen Anforderungen nur noch teilweise gerecht werden.

Forderungen für die Zukunft

Erstens braucht es deutlich mehr Flexibilität. Neben klassischen Gruppenschulungen sollten modulare Schulungskonzepte, themenspezifische Einheiten sowie hybride und digitale Formate selbstverständlich werden und abrechenbar sein. MmD benötigen heute keine einmalige Wissensvermittlung, sondern bedarfsgerechte Schulungsangebote entlang ihres gesamten Krankheitsverlaufs. Das soll nicht bedeuten, dass Präsenzschulungen abgeschafft werden – vielmehr müssten bestehende Konzepte weiterentwickelt werden, um den veränderten Ansprüchen von Diabetesteams und MmD gerecht zu werden.

Mitglieder Arbeitsgruppe "Zukunft der Schulung"
  • Kathrin Boehm, Vorstandsvorsitzende des VDBD
  • Angelika Deml, Katholische Akademie Regensburg
  • Christina Graf, Barmer
  • Matthias Kaltheuner, BVND
  • Bernhard Kulzer, FIDAM
  • Theresia Schoppe, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende des VDBD
  • Antje Weichard, Vorstandsmitglied BVND

Zweitens müssen Schulungsprogramme kontinuierlich aktualisiert werden. Moderne Diabetesversorgung umfasst heute kontinuierliche Glukosemessung (CGM), AID-Systeme, neue medikamentöse Therapien sowie digitale Gesundheitsanwendungen. Diese Entwicklungen müssen sich zeitnah in den Curricula widerspiegeln. Hier besteht jedoch ein großes Hindernis, da Schulungsprogramme evaluiert und von einer Krankenkasse beim Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) eingereicht werden müssen, um die Abrechenbarkeit zu beantragen. Dieser Prozess benötigt viel Zeit. Ein einmal evaluiertes und abrechenbares Programm kann nicht einfach nachträglich angepasst werden.

Drittens sind gesundheitspolitische Veränderungen erforderlich. Solange Schulungen außerhalb des DMP nur eingeschränkt vergütet werden, Online-Schulungen vielerorts nicht regelhaft abrechenbar sind und der organisatorische Aufwand weiter steigt, wird sich der Rückgang der Schulungszahlen kaum umkehren lassen. Notwendig sind bundesweit einheitliche Rahmenbedingungen sowie unbürokratische und zukunftsfähige Vergütungsmodelle, die unterschiedliche Schulungsformen gleichermaßen ermöglichen.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen damit die Analysen vorheriger Beiträge. Das Problem ist erkannt – nun liegen auch konkrete Hinweise vor, an welchen Stellschrauben angesetzt werden muss. Die Zukunft der Diabetesschulung liegt nicht im Ersatz bewährter Konzepte, sondern in ihrer konsequenten Weiterentwicklung: flexibler, individueller, digital unterstützt und unter Rahmenbedingungen, die eine qualitativ hochwertige Schulung auch langfristig ermöglichen.


Autorin:
© VDBD e.V. Jonas Friedrich
Theresia Schoppe
Stellvertretende Vorsitzende des VDBD-Vorstands
Internet: www.vdbd.de


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 40-42