Belegter Nutzen, möglicher Schaden oder einfach nur "herausgeschmissenes Geld"? Was es mit Nahrungsergänzungsmitteln auf sich hat, sagt Ihnen Theresia Schoppe.

Menschen mit Diabetes interessieren sich häufig für Vitamine, Mineralstoffe oder andere Nahrungsergänzungsmittel mit speziellen Inhaltsstoffen, z.B. Pflanzenextrakten. Das scheint durchaus nachvollziehbar. Man blättere nur einmal durch nicht-wissenschaftliche Diabetes-Zeitschriften oder recherchiere im Internet zum Thema Diabetesbehandlung. Man wird auf die ein oder andere Werbung stoßen, die eine Verbesserung der Glukosewerte oder gar wundersame Heilung in Aussicht stellt. In Beratungsgesprächen begegnen Diabetesberater:innen daher regelmäßig Fragen wie: "Kann ich mit Nahrungsergänzungsmitteln meinen Blutzucker verbessern?", "Ist ein Nährstoffmangel schuld an meinem Diabetes?" oder "Schützen Supplemente vor Folgeerkrankungen?". Dabei ist der Markt unübersichtlich, Werbeaussagen sind oft plakativ und wissenschaftlich nicht sauber belegt.

Dieser Beitrag soll einen praxisnahen Überblick geben, welche Nährstoffe im Zusammenhang mit Diabetes tatsächlich eine Rolle spielen, wo eine Ergänzung sinnvoll sein kann – und wo nicht. Ziel ist es, die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung einzuordnen und gleichzeitig für eine kritische Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln zu sensibilisieren.

Nahrungsergänzungsmittel: Lebensmittel, keine medikamentöse Therapie

Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich betrachtet Lebensmittel und keine Arzneimittel. Sie dienen der Ergänzung einer normalen Ernährung und sind nicht zur Behandlung oder Heilung von Erkrankungen gedacht. Ihre Wirksamkeit muss vor Markteinführung nicht nachgewiesen werden. Das Inverkehrbringen muss lediglich angezeigt werden. Gesundheitsbezogene Werbeaussagen sind zwar geregelt (EU Health Claims Verordnung), lassen aber häufig viel Interpretationsspielraum. Zudem werden viele Nahrungsergänzungsmittel auf Social Media von Influencer:innen mit unzulässigen Heilversprechen beworben, für welche die Hersteller nicht belangt werden können.

Für die Beratung bedeutet das: Ein möglicher Nutzen ist nicht grundsätzlich gegeben – wohl aber das Risiko von Fehlannahmen, unnötigen Kosten oder auch Überdosierungen.

Mikronährstoffe mit Bezug zu Diabetes

Vitamin B12

Vitamin B12 ist der am besten belegte Mikronährstoff im Diabeteskontext. Besonders relevant ist er für Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) unter Metformin-Therapie. Metformin kann die Vitamin-B12-Resorption im Darm beeinträchtigen, sodass es langfristig zu einem Mangel kommen kann. Das Risiko steigt abhängig von Dosierung, Therapiedauer, Begleitmedikation und anderen Erkrankungen. Ein Vitamin-B12-Mangel kann neurologische Symptome verursachen, die einer diabetischen Polyneuropathie ähneln. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle – insbesondere bei Langzeittherapie, neurologischen Beschwerden oder älteren Patient:innen – tatsächlich sinnvoll. Bei nachgewiesenem Mangel ist eine gezielte Substitution angezeigt. Eine generelle Supplementierung "auf Verdacht" ist jedoch nicht notwendig.

Folsäure (Vitamin B9)

Folsäure ist eng mit Vitamin B12 verknüpft und spielt eine Rolle im Homocystein-Stoffwechsel. Erhöhte Homocysteinspiegel gelten als kardiovaskulärer Risikofaktor. Menschen mit Diabetes – insb. T2DM – haben häufig ein ohnehin erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Studien zeigen jedoch keinen klaren Nutzen einer routinemäßigen Folsäure-Supplementierung zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse. Eine Ergänzung ist bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll, ebenso vor und in der Schwangerschaft. Wenn jedoch kein Mehrbedarf besteht, lässt sich der übliche Bedarf gut über eine folatreiche Ernährung decken.

Vitamin C

Vitamin C wirkt antioxidativ und ist bei Diabetes theoretisch interessant, da oxidativer Stress eine Rolle bei der Entstehung von Folgeerkrankungen spielt. Beobachtungsstudien zeigen sogar Zusammenhänge (statistisch, nicht zwingend kausal) zwischen einer vitamin-C-reichen Ernährung und einem geringeren Diabetesrisiko. Die Evidenz für einen relevanten Nutzen hochdosierter Supplemente ist jedoch begrenzt. Für die Praxis bedeutet das: Eine vitamin-C-reiche Ernährung ist sinnvoll, eine routinemäßige Supplementierung dagegen nicht notwendig. Ein Mangel ist auch sehr unwahrscheinlich, da Vitamin C in sehr vielen Nahrungsmitteln enthalten ist.

Vitamin D

Niedrige Vitamin-D-Spiegel werden bei Menschen mit Diabetes häufig beobachtet und stehen in Zusammenhang mit ungünstigen Stoffwechselparametern. Es wird angenommen, dass Vitamin D die Insulinsekretion der Beta-Zellen des Pankreas beeinflusst, weshalb ein Mangel die Insulinsekretion negativ beeinflusst. Die Behandlung eines Mangels könnte folglich die Insulinsekretion wieder verbessern. Auch ein Einfluss auf die Insulinsensitivität wird diskutiert. Ob Vitamin D einen signifikanten Einfluss auf die Entstehung oder den Verlauf des Diabetes hat, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Unstrittig ist die Bedeutung von Vitamin D für die Knochengesundheit und das Immunsystem. Bei nachgewiesenem Mangel – insbesondere in den Wintermonaten oder bei Risikogruppen – ist eine gezielte Supplementierung sehr sinnvoll. Eine hochdosierte Einnahme ohne vorherige Diagnostik ist jedoch nicht zu empfehlen. Denn fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) können im Körper gespeichert werden und sich mit negativen Folgen anreichern.

Chrom

Chrom (Chrom-III) wird häufig als "Insulinverstärker" beworben. Die Studienlage ist jedoch widersprüchlich. Positive Effekte wurden vor allem in kleinen Studien oder nicht-westlichen Populationen beobachtet. Hochwertige randomisierte Studien zeigen keinen klaren Nutzen einer Supplementierung. Ein Chrommangel ist bei ausgewogener Ernährung sehr selten. Eine generelle Empfehlung zur Supplementierung bei Diabetes kann daher nicht ausgesprochen werden.

Magnesium

Magnesium ist ein zentraler Mineralstoff im Kohlenhydrat- und Energiestoffwechsel und wirkt als Kofaktor zahlreicher Enzyme, die an der Insulinwirkung beteiligt sind. Niedrige Magnesiumspiegel werden mit Insulinresistenz, schlechterer glykämischer Kontrolle und einem erhöhten Risiko für T2DM in Verbindung gebracht.

Studien zur Magnesium-Supplementierung zeigen bei Menschen mit vorher niedrigem Magnesiumstatus teilweise Verbesserungen der Insulinsensitivität und des Nüchternblutzuckers. Auch hier gilt jedoch: Der Nutzen ist vor allem bei einem bestehenden Mangel zu erwarten. In der Praxis sollte daher zunächst auf eine magnesiumreiche Ernährung geachtet werden. Eine Supplementierung kann bei nachgewiesenem Mangel oder entsprechenden Symptomen erwogen werden, ist aber keine generelle Standardempfehlung für alle Menschen mit Diabetes.

Zink

Zink ist ein essenzielles Spurenelement, das an zahlreichen enzymatischen Reaktionen beteiligt ist und u.a. eine wichtige Rolle bei Insulinproduktion, -sekretion und -sensitivität spielt. Ein manifester Zinkmangel kann die Glukosetoleranz verschlechtern. Dennoch zeigt die Studienlage zur routinemäßigen Zink-Supplementierung bei Diabetes kein einheitliches Bild. Das Diabetes-Risiko kann durch Zink-Supplementation wohl nicht gesenkt werden. Leichte Verbesserungen glykämischer Parameter wurden teilweise beobachtet, vor allem aber bei bestehendem Mangel. Eine Zink-Supplementierung ist daher bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll. Eine pauschale Einnahme ohne Diagnostik ist jedoch nicht
erforderlich.

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) wirken entzündungshemmend und können den Triglyzerid-Spiegel im Blut senken. Menschen mit Diabetes – insb. T2DM – weisen häufig ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko auf, weshalb Omega-3-Fettsäuren grundsätzlich von Interesse sind. Studien zeigen jedoch keinen eindeutigen Nutzen von Omega-3-Supplementen zur Verbesserung der glykämischen Kontrolle. Nahrungsergänzungsmittel sind vor allem bei geringem Fischverzehr oder stark erhöhten Triglyzerid-Werten eine mögliche Option – nicht jedoch als Standardmaßnahme.

Was eine ausgewogene Ernährung leisten kann

Eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung nach den Empfehlungen der DGE liefert in der Regel alle relevanten Vitamine und Mineralstoffe in ausreichender Menge. Viel Gemüse, (zuckerarmes) Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, hochwertige Fettquellen und Proteinlieferanten tragen nicht nur zur Mikronährstoffversorgung bei, sondern gleichzeitig auch zur glykämischen Kontrolle und können weitere positive Effekte zeigen – z.B. eine Verbesserung des Lipidstoffwechsels.

Für Diabetesberater:innen ist dies ein zentraler Punkt: Ernährung wirkt immer im Gesamtkontext – isolierte Nährstoffe können diesen Effekt häufig nicht ersetzen.

In bestimmten Situationen kann es allerdings sinnvoll sein, Blutspiegel prüfen zu lassen und bestimmte Nährstoffe gezielt zu supplementieren, z.B. Vitamin B12 bei langandauernder Metformin-Einnahme und/oder neurologischen Beschwerden oder Vitamin D bei geringer Sonnenlicht-Exposition.

Kritische Einordnung spezieller Produkte

Immer häufiger werden spezielle Nahrungsergänzungsmittel mit Bezug zu Diabetes oder zur Verhinderung von "Glukosespitzen" nach den Mahlzeiten beworben. Viele dieser Produkte halten einer wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht stand. Belege für einen therapeutischen Nutzen stammen häufig aus kleinen und schlecht gemachten Studien, für einige Zutaten dieser Nahrungsergänzungsmittel fehlt es gänzlich an Evidenz. An erster Stelle auf der Zutatenliste erscheinen zudem – sehr widersprüchlich zu ihrem Werbeversprechen –häufig bestimmte Kohlenhydrate, z.B. Maltodextrin in einigen "Pülverchen", die man auf der Zunge zergehen lassen soll, oder Glukosesirup in Weingummis mit Apfelessig, die die Ketose anregen sollen. Einige Produkte sind zudem sehr teuer und können nur in einem Abonnement erworben werden. Allein das sollte bereits skeptisch machen.

Dazu gibt es mittlerweile eine große Palette an Nahrungsergänzungsmitteln oder anderen angeblichen Therapeutika, die mit Wirkungen gut untersuchter Antidiabetika beworben werden: z.B. "Ozempic-Pflaster", die jedoch anstelle des wirksamen GLP-1-Rezeptoragonisten "nur" Berberin, Glutamin oder Chrom-III enthalten, deren Wirkung meist bei oraler – nicht kutaner – Anwendung untersucht und hierbei auch noch schlecht belegt ist.

Einige Hersteller nutzen höchst fragwürdige und mitunter sogar illegale Praktiken. So werden gerne Logos von Bundesministerien, Krankenkassen oder sogar der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) auf Webseiten oder Verpackungen abgebildet. Manche Hersteller verwenden KI-generierte Repliken medial sehr bekannter Ärzt:innen, die von der angeblich bahnbrechenden Wirkung ihrer Produkte berichten. Die DDG hat hier bereits im vergangenen Jahr alarmiert: https://www.ddg.info/presse/2025/irrefuehrende-gesundheitsversprechen-gefaelschte-logos-falsche-testimonials-ddg-diabetesde-bvnd-und-vdbd-warnen-gemeinsam-vor-dubiosen-online-angeboten-fuer-menschen-mit-diabetes oder über den Reiter "Presse" ganz oben auf der Webseite der DDG.

Für die genannten Produkte gibt es in der Regel keine belastbare wissenschaftliche Evidenz. Die enthaltenen Nährstoffe sind entweder bereits ausreichend über die Ernährung abgedeckt oder zeigen keinen nachgewiesenen Nutzen. Für die Beratungspraxis gilt daher: kritisch hinterfragen, Erwartungen relativieren und auf evidenzbasierte Maßnahmen verweisen.

Fazit für die Beratung

  • Nicht jeder Mensch mit Diabetes benötigt Nahrungsergänzungsmittel.
  • Sinnvoll ist eine gezielte Supplementierung bei nachgewiesenem Mangel oder klar definierten Risikokonstellationen.
  • Eine ausgewogene Ernährung bleibt die wichtigste Grundlage.
  • Spezielle "Diabetes"- oder "Wunder"-Supplemente sind meist nicht sinnvoll.

Ausblick: Vertiefung im Seminar

Das Thema Mikronährstoffe bei Diabetes ist komplex und wirft in der Praxis viele Detailfragen auf – von Laborwerten über Wechselwirkungen bis hin zur konkreten Beratung im Alltag. In einem "Blitzlicht"-Format der VDBD AKADEMIE werden diese Aspekte evidenzbasiert und praxisnah aufgearbeitet.

Weitere Informationen finden sich im Programm der VDBD AKADEMIE unter https://www.vdbd-akademie.de.

Dieser Artikel soll eine erste Einordnung geben – das Seminar bietet Raum für die vertiefte Auseinandersetzung und den fachlichen Austausch.

Interessenskonflikt
Die Autorin besitzt keine Interessenskonflikte in Bezug auf o.g. Thematik.


Autorin:
© VDBD e.V. Jonas Friedrich
Theresia Schoppe
Oecotrophologin B.Sc., Diabetesberaterin DDG, Vorstand VDBD e.V. – Stellvertretende
Habersaathstr. 31, 10115 Berlin
Interessenkonflikt:
Die Autorin gibt an, dass bzgl. der Thematik des Artikels keine Interessenskonflikte bestehen.


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (1) Seite 44-47