Am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Sport oder bei alltäglichen Tätigkeiten – adipöse Menschen begegnen in vielen gesellschaftlichen Bereichen Vorurteilen und Diskriminierung. Doch auch in Klinik und Praxis treffen adipöse Patienten auf eine stigmatisierende Haltung von Ärzten und medizinischem Personal, was große Auswirkungen auf die Behandlung haben kann.

VDBD AKADEMIE (VA): Frau Prof. Luck-Sikorski, Sie forschen zum Thema Adipositas und Stigmatisierung. Wie würden Sie die aktuelle Situation von adipösen Menschen in unserer Gesellschaft zusammenfassen?

Professor Claudia Luck-Sikorski: Ich glaube, man kann sagen, dass es Licht und Schatten gibt: Einerseits scheint es so, als habe sich ein Teil der Gesellschaft durchaus damit arrangiert, dass es auch in unserem Land mehr übergewichtige oder adipöse Menschen gibt als Menschen mit Normalgewicht. Andererseits macht uns vor allem die Wahrnehmung von Menschen mit besonders starkem Übergewicht, also Adipositas, Sorge. Hier dokumentieren alle Studien, dass die Betroffenen abgelehnt und ausgegrenzt werden. Das ist dann auch ein Einstieg in einen Teufelskreis, den es dringend zu durchbrechen gilt.

VA: Inwiefern hat sich diese Situation in den letzten Jahrzehnten verändert?

Luck-Sikorski: Die Situation hat sich – zumindest im Bereich des Gesundheitswesens – kaum verändert: Weiterhin fehlen finanzierte Angebote und man interessiert sich eigentlich erst für den Patienten mit Adipositas, wenn er eine Begleiterkrankung wie z.B. Diabetes entwickelt hat. In den Medien überwiegen weiterhin die teilweise stark diffamierenden Darstellungen von Menschen mit Adipositas. Zum Welt-Emoji-Tag hat sich auch der GKV-Spitzenverband nicht mit Ruhm bekleckert, als die Adipositas mit dem Emoji eines Schweins illustriert wurde. Vielmehr muss man zum Thema Stigma gar nicht sagen.

VA: Welche Rolle spielt Stigmatisierung im Gesundheitswesen?

Luck-Sikorski: Stigma hat einen Einfluss darauf, wie Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, mit Patienten umgehen, die an Adipositas leiden. So wissen wir, dass teilweise Gesprächsdauer und -inhalt, aber auch generell die Zeit, die am Patienten verbracht wird, sich verändern, wenn diese Patienten abgelehnt werden. Daher kann Stigma als eine Barriere zur erfolgreichen Therapie betrachtet werden.

VA: Wie kann medizinisches Fachpersonal Stigmatisierung vermeiden?

Luck-Sikorski: Das ist gar nicht so einfach zu sagen, aber vielleicht gibt es zwei Kernelemente: Das eine ist ein umfangreiches Wissen um die Komplexität der Erkrankung. Das andere ist die eigene Psychohygiene: Wir wissen, dass Stress und Zeitdruck dazu führen, dass wir vorurteilsgeleitet handeln. Das sind zwei Aspekte, die auch im Seminar eine große Rolle spielen werden.

VA: Und welche Aspekte sollten Diabetesfachkräfte bei der Betreuung von adipösen Betroffenen berücksichtigen?

Luck-Sikorski: In meinen Augen ist es wichtig, die Adipositas als gleichsam chronische Erkrankung zu betrachten, die nicht so einfach nur durch Willensstärke "weg" geht. Entscheidend ist ein empathischer und zugewandter Umgang mit dem Thema Gewicht. Es ist ein sensibles Thema und braucht Fingerspitzengefühl und vor allem wissenschaftlich fundierte Betrachtungen. Eine subjektive Theorie zum Thema "Wie halte ich mein Gewicht" hat doch jeder irgendwo – eine professionelle Theorie ist es, die uns hier unterscheidet.

VA: Frau Prof. Luck-Sikorski, in 2019 bieten Sie interessierten Diabetesberaterinnen und -assistentinnen bei der VDBD AKADEMIE ein neues Seminar zum Thema "Stigmatisierung bei Adipositas" an. Was erwartet die Teilnehmerinnen?

Luck-Sikorski: Ich möchte gerne einen Überblick dazu geben, was Stigmatisierung bei Adipositas eigentlich bedeutet und auch die Sicht der Betroffenen darlegen. Dazu wird es auch nötig sein, sich noch einmal intensiv mit dem aktuellen Stand der Forschung zu den Ursachen von Adipositas zu beschäftigen: Da ist sicherlich die eine oder andere Überraschung dabei. Abgerundet wird das Seminar durch die Möglichkeit, eigene Fälle zu besprechen bzw. in den gemeinsamen Austausch zum Umgang mit schwierigen Situationen zu gehen. Ich freue mich auf kritische und interessierte Diskussionen und hoffe, dass die Teilnehmerinnen im Anschluss eine eigene, nicht-stigmatisierende Haltung entwickeln können.

Wir danken Frau Prof. Luck-Sikorski für das interessante Gespräch.



Interview: Asja Harder
Redaktion Digitale Medien
VDBD AKADEMIE

Erschienen in: Diabetes-Forum, 2018; 30 (12) Seite 38