Die Erkrankung Diabetes betrifft in erster Linie den Erkrankten. Doch in Notfallsituationen oder bei gemeinsamen Aktivitäten, aber auch bei Ernährungsfragen müssen sich Angehörige des Patienten häufig mit der Krankheit und ihren Konsequenzen auseinandersetzen. Hier sind Wissen und Handlungskompetenz gefragt. Im Interview mit der VDBD AKADEMIE sagt Lars Hecht, wie wichtig Angehörige beim Management der Erkrankung sind, und er spricht über das VDBD-Schulungsprogramm für Angehörige "DiaLife - zusammen leben mit Diabetes".

Herr Hecht, es gibt mit der Krankheit Diabetes mellitus zusammenhängende Themen, bei denen es auf der Hand liegt, das sie auch die Angehörigen der Patienten mit einbeziehen, z.B. gemeinsame Ess- oder Bewegungsgewohnheiten. In welche weniger offensichtlichen Bereiche können Angehörige aber noch involviert sein?

Lars Hecht: Ich denke an dieser Stelle muss – wie es im VDBD-Schulungsprogramm DiaLife auch vorgesehen ist – zwischen Angehörigen von Menschen mit Typ-1-Diabetes und Angehörigen von Menschen mit Typ-2- Diabetes differenziert werden. Beim Typ-2-Diabetes-Management spielt das Gewichts- und Bewegungsverhalten eine bedeutende Rolle. Dass es für Betroffene häufig schwierig ist, dauerhaft den Lebensstil zu ändern, liegt selten an Wissensdefiziten, die durch geschulte Angehörige beseitigt werden könnten.

Vielmehr sind es die motivationalen Aspekte, die dem gewünschten Ernährungs- und Bewegungsverhalten meist im Wege stehen. Hier müssen Angehörige lernen Hindernisse zu erkennen und Wege zu finden, wie sie ohne Bevormundung unterstützen können. Genau das lernen sie im neuen Schulungsprogramm "DiaLife - zusammen leben mit Diabetes".

Beim Typ-1-Diabetes spielt hingegen die Angst vor Hypoglykämien eine zentrale Rolle. Diese Angst hat nicht nur der direkt Betroffene, sondern auch der Angehörige. Für die Angehörigen ist es nicht nur von Bedeutung die korrekten Notfallmaßnahmen zu kennen und anwenden zu können. Ihnen wird innerhalb des Schulungsprogramms auch die Möglichkeit geboten, sich in die Lage des Betroffenen zu versetzen, um Konfliktsituationen, die durch das Damoklesschwert Hypoglykämie in partnerschaftlichen Beziehungen entstehen, zu vermeiden oder zu entschärfen.

Welche Kompetenzen und Soft Skills sind wichtig, damit Angehörige die Erkrankten in allen betroffenen Bereichen im gemeinsamen Alltag adäquat unterstützen können?

Lars Hecht: Zentral ist es, zu verstehen, wie das Leben mit der Erkrankung den Alltag beeinflusst. Nur wenn ich verstehe wie der andere fühlt und weiß warum er so reagiert wie er reagiert, kann ich ihm sinnvolle Unterstützungsangebote unterbreiten. Empathie zu entwickeln ist kein unbeeinflussbares Schicksal; Empathie kann gelernt werden.

Betrachten wir beispielsweise die Situation eines älteren Ehepaares: beide sind bereits viele Jahre zusammen, einer der Partner ist bereits längere Zeit von Typ 2 betroffen. Oftmals sind solche Paare gut eingespielt was die Erkrankung betrifft. Kann eine Schulung auch für solche Angehörige sinnvoll sein bzw. einen Mehrwert bieten?

Lars Hecht: Natürlich sind Paare häufig sehr gut eingespielt und manche sicherlich auch so gut, dass sie keine Schulung benötigen. Ich denke aber, dass diese Paare nicht die Mehrheit darstellen. Insbesondere in langen Partnerschaften entstehen häufig nicht mehr hinterfragte Routinen, die eher hinderlich als förderlich sind. Neben der notwendigen Wissensvermittlung bietet DiaLife viel Raum zur Reflexion. Dieser Raum bietet die Gelegenheit, neue Wege zu entdecken, die zu einer besseren Unterstützung des Betroffenen führen können.

Manche Betroffene wünschen sich vielleicht gar keine Intervention durch die Familie, sondern wollen ihre Krankheit alleine managen. Wie können Angehörige die Balance zwischen Unterstützung und Bevormundung bewahren?

Lars Hecht: Ein erster und wichtiger Schritt ist es, den Bedarf an Unterstützung einschätzen zu können. Wann wie viel Hilfe benötigt wird, in welchen Situationen ich Unterstützung anbieten sollte und in welchen ich es unterlassen sollte, kann der Angehörige jedoch nur erkennen, wenn er selber das nötige Wissen über die Erkrankung hat und die notwendigen Fähigkeiten zur zielführenden Kommunikation. Fehlen diese Kompetenzen, entstehen häufig hilflose Helfer, die mehr be- als entlasten.

Welche Unterschiede oder Herausforderungen ergeben sich für Diabetesfachkräfte hinsichtlich der Schulung von Angehörigen im Vergleich zur Patientenschulung?

Lars Hecht: Diabetologische Fachinhalte zu vermitteln wird für erfahrene Diabetesfachkräfte keine Schwierigkeit sein, auch wenn die didaktische Reduktion auf Inhalte, die für Angehörige notwendig sind, zu bedenken ist. Die größte Herausforderung wird sicherlich der Perspektivwechsel sein. Zu erkennen welche Belastungen die Beziehung zwischen Angehörigen und Betroffenen trägt; zu vermitteln, wie gezielt geholfen werden kann, auch wenn ein Angehöriger z.B. zusätzlich an Demenz leidet, ist neu für Diabetesfachkräfte.

Diese Inhalte werden nicht in der Weiterbildung vermittelt und sind auch nicht Gegenstand der verfügbaren Patientenschulungsprogramme.

Herr Hecht, worin sehen Sie den größten Zugewinn durch eine Angehörigenschulung?

Lars Hecht: Um diese Frage zu beantworten sind drei Ebenen zu betrachten. Zunächst steigt die Versorgungsqualität für die betroffenen Menschen mit Diabetes, zumal viele Untersuchungen gezeigt haben, dass sich die Betroffenen mehr Unterstützung im Alltag wünschen. Aber natürlich profitieren auch die Angehörigen selbst: Ängste und Unsicherheiten durch Unwissenheit werden abgebaut und die Angehörigen werden in die Lage versetzt, wirkungsvoll zu unterstützen.

Nicht zuletzt bietet DiaLife, das neue Schulungsprogramm für Angehörige von Betroffenen, Diabetesfachkräften in Deutschland ein neues, spannendes Tätigkeitsfeld, das zur Sicherung und Weiterentwicklung des Berufsbildes beiträgt.



Interview: Asja Harder
VDBD AKADEMIE – Redaktion Digitale Medien

Erschienen in: Diabetes-Forum, 2019; 31 (1/2) Seite 40-41