Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, der meist eine lange präklinische Phase vorausgeht. Inselautoantikörper markieren dieses Frühstadium und ermöglichen eine Diagnose und Stadieneinteilung noch vor Manifestation.

Die Identifikation eines Frühstadiums des Typ-1-Diabetes ist die Grundlage für populationsbasierte Screeningprogramme wie die Fr1da-Studie und ermöglicht die Anwendung neuer krankheitsmodifizierender immunologischer Therapien.

Zehn Jahre Fr1da-Studie: Screening breit umsetzbar

Die Fr1da-Studie zeigt seit zehn Jahren, dass sich ein bevölkerungsweites Screening auf Inselautoantikörper in die kinderärztliche Routineversorgung integrieren lässt und klinisch relevante Ergebnisse liefert. Das Screening, das als bayerisches Modellprojekt begann, wurde inzwischen auf zwölf Bundesländer ausgeweitet: Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Ziel ist es, die Früherkennung langfristig flächendeckend in die Regelversorgung zu überführen und zugleich den Zugang zu immunmodulierenden Therapien zur Verzögerung der Erkrankung zu erleichtern. Seit 2015 haben Kinder- und Jugendarztpraxen in den bislang teilnehmenden Bundesländern mehr als 240.000 Kinder in der Fr1da-Studie getestet. Bei mehr als 730 Kindern fanden die Forschenden ein Frühstadium des Typ-1-Diabetes.

Stadieneinteilung Typ-1-Diabetes
Ein Frühstadium ist durch das Auftreten von zwei oder mehr Inselautoantikörpern (GADA, IAA, IA-2A, ZnT8A) charakterisiert. Es wird zwischen Typ-1-Diabetes im Stadium 1 (Normoglykämie), Stadium 2 (Dysglykämie), und Stadium 3 (Hyperglykämie) unterschieden. In Stadium 1 und 2 treten noch keine Symptome auf, Stadium 3 ist ein manifester Typ-1-Diabetes. Mit der ICD-10-GM Version 2026 wurden in Deutschland erstmals spezifische Codes für die präsymptomatischen Stadien (R76.80 für Stadium 1 und R73.00 für Stadium 2) des Typ-1-Diabetes eingeführt.

Neue Auswertung der Fr1da-Studie in JAMA veröffentlicht

Forschende haben Daten der Fr1da-Studie über einen Zeitraum von zehn Jahren in Bayern ausgewertet. Ihre Auswertung zeigt, dass Kinder mit Typ-1-Diabetes im Frühstadium im Rahmen eines bevölkerungsbasierten Screenings auf Inselautoantikörper zuverlässig identifiziert werden können. Ein wiederholtes Screening trug dazu bei Kindern zu identifizieren, die Autoantikörper erst im weiteren Verlauf der Kindheit entwickeln. Die Mehrheit der betroffenen Kinder weist keine familiäre Vorbelastung auf. Durch das Screening konnten 81 Prozent der später manifest erkrankten Kinder erkannt werden, während eine Teststrategie, die auf Verwandte ersten Grades beschränkt ist, lediglich 17 Prozent dieser Fälle erfasst hätte.

Zudem zeigt sich, dass der Krankheitsverlauf nach Beginn der Inselautoimmunität unabhängig von der Familienanamnese vergleichbar ist. Außerdem verlief die Progression bei den Studienteilnehmenden über alle Stadien hinweg kontinuierlich: die Übergangsrate zwischen den Krankheitsstadien lag bei etwa 20 Prozent pro Jahr. Für die klinische Praxis unterstreichen diese Daten, dass eine Diagnose von Typ-1-Diabetes im Frühstadium maßgeblich ist, um strukturierte Schulungen, engmaschige Verlaufskontrollen und eine frühzeitige Intervention zu ermöglichen.

Bessere Vorhersage des Krankheitsverlaufs

Basierend auf den Daten der Fr1da-Studie haben Forschende den Progression Likelihood Score (PLS) zur besseren Vorhersage der Progression bei Personen mit Frühstadium entwickelt [6]. Für die Anwendung werden der HbA1c-Wert sowie ein oraler Glukosetoleranztest (OGTT) benötigt. Auf dieser Grundlage erhalten Familien einen Vorsorgeplan mit regelmäßigen Kontrollterminen für Blutzucker und HbA1c der Kinder.

Teilnahme an der Fr1da-Studie
Familien und Arztpraxen erhalten alle Informationen zur Teilnahme an der Fr1da-Studie sowie Unterstützung bei der Durchführung der Tests über die Studienleitung.

Frühzeitige Diagnose

Erstmals stehen Therapien zur Verfügung, die das Krankheitsgeschehen positiv beeinflussen können. Ziel dieser Ansätze ist es, die autoimmune Zerstörung der Betazellen zu verlangsamen oder zu modulieren.

Teplizumab: Seit 2026 in Deutschland verfügbar

Der monoklonale Anti-CD3-Antikörper Teplizumab ist für die Verzögerung einer klinischen Manifestation des Typ-1-Diabetes in Deutschland für Menschen ab acht Jahren in Stadium 2 zugelassen. Der Wirkstoff moduliert autoreaktive T-Zellen und stärkt regulatorische Mechanismen. Studien zeigen, dass eine einmalige 14-tägige Behandlung bei Personen im Stadium 2 den Übergang in Typ-1-Diabetes Stadium 3 um durchschnittlich drei Jahre verzögern kann. Damit stellt Teplizumab einen ersten Ansatz dar, der gezielt in die präklinische Phase eingreift. Zudem untersucht die βETA PRESERVE-Studie aktuell den Einsatz von Teplizumab bei neu manifestem Typ-1-Diabetes. Eingeschlossen werden Patientinnen und Patienten im Alter von 1 bis 25 Jahren mit kürzlich diagnostiziertem Typ-1-Diabetes sowie mindestens einem nachgewiesenen diabetesassoziierten Autoantikörper.

Baricitinib: Januskinase-(JAK)-Inhibitor zur Verzögerung

Parallel dazu untersuchen aktuelle Studien weitere immunmodulatorische Strategien, darunter Januskinase-(JAK)-Inhibitoren wie Baricitinib. Diese Substanzen hemmen proinflammatorische Signalwege der Immunantwort. Studien prüfen ihren Einsatz sowohl im Frühstadium als auch nach Manifestation, um die β-Zellfunktion möglichst lange zu erhalten. Erste Ergebnisse, etwa aus der australischen BANDIT-Studie, weisen auf einen potenziellen Nutzen hin [8]. Das BARICADE-Studienprogramm untersucht den JAK-Inhibitor Baricitinib derzeit in unterschiedlichen Krankheitsstadien:

  • BARICADE PRESERVE adressiert Patientinnen und Patienten mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes (Stadium 3). Ziel: verbliebene β-Zellfunktion erhalten und Funktionsverlust zu verlangsamen.
  • BARICADE DELAY richtet sich aktuell an Personen in Stadium 2. Hier prüfen die Forschenden, ob eine frühzeitige Intervention die Progression verzögern oder verhindern kann.

SAFEGUARD-Studie: Wirkstoff zur Verzögerung

Die SAFEGUARD-Studie untersucht die Sicherheit und Wirksamkeit des humanen Anti-Thymozyten-Immunglobulins SAB-142 bei Personen mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes (Stadium 3). Der Wirkstoff ist ursprünglich aus der Transplantationsmedizin bekannt. Ziel der multizentrischen, randomisierten Studie ist es, durch immunmodulatorische Effekte die Betazellfunktion zu erhalten und die Krankheitsprogression zu verlangsamen. Die Behandlung erfolgt intravenös. Eingeschlossen werden Patientinnen und Patienten im Alter von 5 bs 40 Jahren.

Die Therapie des Typ-1-Diabetes ist aktuell im Wandel von einer rein symptomatischen Behandlung hin zu krankheitsmodifizierenden und potenziell kurativen Ansätzen. Eine Diagnose von Typ-1-Diabetes im Frühstadium ist Voraussetzung für deren Anwendung.

Weitere Informationen
zu aktuellen klinischen Studien auf www.diabinfo.de

→Literatur
1. Winkler C, Friedl N, Abt R et al. (2026) Screening Children for Early-Stage Type 1 Diabetes. JAMA. doi:10.1001/jama.2026.6085
2. Achenbach P, Berner R, Bonifacio E et al. (2025) Früherkennung von Typ-1-Diabetes durch Inselautoantikörper-Screening – ein Positionspapier der Fr1daPlex-Projektleiter und -Schulungszentren, des BVKJ Bayern und PaedNetz Bayern e.V. Gesundheitswesen 87:27-37
3. Ziegler AG, Cengiz E, Kay TWH (2025) The future of type 1 diabetes therapy. Lancet 406:1520-1534
4. Hummel S, Carl J, Friedl N et al. (2023) Children diagnosed with presymptomatic type 1 diabetes through public health screening have milder diabetes at clinical manifestation. Diabetologia 66:1633-1642
5. Hummel S, Koeger M, Bonifacio E et al. (2025) Dysglycaemia definitions and progression to clinical type 1 diabetes in children with multiple islet autoantibodies. Lancet Diabetes Endocrinol 13:10-12
6. Weiss A, Zapardiel-Gonzalo J, Voss F et al. (2022) Progression likelihood score identifies substages of presymptomatic type 1 diabetes in childhood public health screening. Diabetologia 65:2121-2131
7. Herold KC, Bundy BN, Long SA et al. (2019) An Anti-CD3 Antibody, Teplizumab, in Relatives at Risk for Type 1 Diabetes. N Engl J Med 381:603-613
8. Waibel M, Wentworth JM, So M et al. (2023) Baricitinib and β-Cell Function in Patients with New-Onset Type 1 Diabetes. N Engl J Med 389:2140-2150

Autorin:
© Lena Schwenker
Lena Schwenker, M. Sc.
Institut für Diabetesforschung / COMS, Helmholtz Munich


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 18-19