Eine schlechte Diabetes-Einstellung erhöht das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf. Doch viele Diabetespatienten, auch mit schweren Befunden, bleiben einer ärztlichen Behandlung derzeit fern – aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Wir sprachen mit Prof. Dr. Thomas Haak von der Diabetesklinik Bad Mergentheim über dieses Phänomen, das auch lebensbedrohlich werden kann.

Diabetes-Forum (DF): Herr Prof. Haak, Sie warnen davor, dass Diabetespatienten in jüngster Zeit – teils sogar mit zweistelligen HbA1c-Werten – einen Klinikaufenthalt zur Erst- bzw. Neueinstellung von vornherein nicht antreten oder kurzfristig absagen – aus Angst vor einer SARS-CoV-2-Ansteckung. Was berichten Ihre Patienten, wie begründen sie ihre Sorgen?
Prof. Dr. Thomas Haak:
Manche Patienten haben recht lange auf einen Aufnahmetermin warten müssen. Trotzdem sagen sie ihn kurz davor ab. Die meisten begründen ihre Absage auch nicht oder erfinden eine Ausrede. Würden sie zugeben, dass sie einfach Angst vor Corona haben, dann könnte man diese Angst zerstreuen. Wir bieten sogar an, gerade die Patienten, die ängstlich sind, vor der Aufnahme von ihrem behandelnden Arzt anrufen zu lassen. In einem solchen Gespräch könnte man die Ängste aufgreifen und dann auch beseitigen.

DF: Eine schlechte Diabeteseinstellung bedeutet auch immer ein höheres Risiko, bei einer Covid-19 -Erkrankung einen schwerwiegenderen Verlauf zu haben – von den möglichen diabetischen Folgeerkrankungen abgesehen, die bei einer langfristig instabilen Stoffwechselsituation drohen. Wie kann man als Arzt den Patienten ihre Angst vor einem Klinikaufenthalt in Corona-Zeiten nehmen?
Prof. Haak:
In der Tat wissen wir von anderen Erkrankungen, dass die Patienten schlechte Karten haben, die nicht gut eingestellt sind. Deswegen ist es ja auch wichtig, dass ein notwendiger Aufenthalt in einer Diabetesklinik auch angetreten und die Einstellung optimiert wird. Noch bedrohlicher ist es, wenn bereits Folgeschäden vorliegen und deren Behandlung aufgeschoben wird, so dass sich diese Folgeschäden verschlimmern können. Am besten nimmt man den Patienten die Angst, indem man ihnen erklärt, dass in einer Klinik andere und vor allem bessere Hygieneverhältnisse vorherrschen, als in der Umgebung des täglichen Lebens.

DF: Wie darf man sich das Hygienekonzept in der Diabetesklinik Mergentheim genau vorstellen – was ist durch die Infektionsschutzmaßnahmen momentan alles anders?
Prof. Haak:
Ein Krankenhausaufenthalt ist deswegen so sicher, weil jeder Patient am Tag der Aufnahme mit einer genauen Testung durch PCR auf das Vorliegen einer Corona-Infektion geprüft wird. Erst wenn dieser Test negativ ist, wird die eintägige Quarantäne aufgehoben und die Behandlung kann beginnen. Bei uns in der Klinik ist dieser Tag allerdings nicht verloren, weil die Patienten sich bereits mit modernen E-Learning-Konzepten über den Diabetes informieren können.

Am zweiten Tag beginnt dann die Behandlung unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Dazu zählen das Tragen von FFP2-Masken durch das gesamte Personal und das Tragen von chirurgischen Masken oder FFP2-Masken durch die negativ getesteten Patienten. Abstandsregeln und das Lüften der Räume sind selbstverständlich und werden sorgfältig geprüft.

Teil der Behandlung ist auch das gemeinsame Einnehmen von Mahlzeiten, wobei hier auch die Schulung eine wichtige Rolle spielt. Sobald sich in unserem Patienten-Restauraunt jemand Essen vom Buffet nimmt, trägt er hierfür die dort bereit gehaltenen Handschuhe. Alle Sitzplätze an den Tischen sind durch Plexiglasscheiben gesichert, so dass man auch nicht angehustet werden kann. Dies hört sich vielleicht merkwürdig an, aber die meisten berichten, dass man die Plexiglasscheiben nach ein paar Minuten gar nicht mehr wahr nimmt.

DF: Werden in der Diabetesklinik Mergentheim ausschließlich Diabetespatienten behandelt?
Prof. Haak:
Das ist richtig und eben keine Patienten, die etwa ansteckende Krankheiten mitbringen und auf die man als Diabetespatient treffen könnte. In Fachkrankenhäusern werden Patienten nicht wegen einer akuten Covid-19-Infektion aufgenommen. So besteht auch keine Gefahr, sich bei einem Covid-19-Patienten zu infizieren.

DF: Und wie ist die Situation für Patienten einer Diabetesstation im Allgemeinkrankenhaus, die sich ja für die diversen Kontrolluntersuchungen wie EKG, Sonografie u.a. in die Wartebereiche der anderen Stationen begeben muss?
Prof. Haak:
Ich gehe davon aus, dass in Allgemeinkrankenhäusern mit einer Diabetesstation Corona-Patienten sorgfältig getrennt werden und sich die Patientenwege nicht überschneiden. Das sollte heute eigentlich Standard sein.

DF: Welche Diabetespatienten sollten ihren Klinikaufenthalt auf keinen Fall verschieben, etwa Patienten mit diabetischem Fuß oder einer KHK?
Prof. Haak:
Kein Diabetespatient, der für eine stationäre Krankenhausbehandlung vorgesehen ist, sollte diese verschieben. Die Einweisung geschieht in erster Regel durch Dia­betologische Schwerpunktpraxen, die die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten als ausgeschöpft ansehen. Dann besteht auch eine Indikation für eine möglichst zeitnahe Behandlung in einem Fachkrankenhaus. Wie bereits beschrieben, ist die Sicherheit in einer Diabetesklinik deutlich höher, als wenn der Patient mit schlechter Einstellung zuhause verbleibt.

DF: Wie werden die Diabetespatienten, die sich aus Angst zurückziehen und zu Hause bleiben, weiterbehandelt?
Prof. Haak:
Muss ein Patient beispielsweise für eine Kniegelenksersatzoperation in ein Krankenhaus und schiebt diese Behandlung auf, dann muss er eben länger mit Schmerzen herumlaufen, aber ohne seine Gesundheit dadurch schwer zu beeinträchtigen. Wenn man allerdings mit einer schlechten Diabeteseinstellung oder akuten Komplikation des Dia­betes eine Krankenhausbehandlung aufschiebt, ist die Gefahr groß, im Falle einer Covid-19-Infektion keinen guten Verlauf zu haben.

Deshalb mein Rat: Steht eine notwendige Behandlung in einer Diabetesklinik an, sollten die Patienten die Sicherheitskonzepte der Klinik prüfen, und sich trauen, den Aufenthalt anzutreten. Dazu sollte sie auch ihr behandelnder Arzt ermutigen.

DF: Herr Prof. Haak, vielen Dank für das Gespräch!


Autor:
Angela Monecke
Redaktionsbüro Angela Monecke
Kopenhagener Str. 74, 10437 Berlin


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2021; 33 (3) Seite 6-7