Menschen mit nur geringen Deutschkenntnissen das Basiswissen rund um ihren Diabetes zu vermitteln, ist nicht einfach. Im Interview erzählt Helga Varlemann, wie es gelingen kann. Sie verrät Tipps aus ihrer langjährigen Schulungspraxis und regt dazu an, fremden Kulturen neugierig zu begegnen.

Die Aufgaben und Ziele der Diabetesberatung und der Diabetesschulung sind bei allen Menschen mit Diabetes gleich. Egal, welche Nationalität die Patienten haben – immer sollen sie lernen, im Alltag gut mit ihrem Diabetes zurechtzukommen und eine gute Blutzuckereinstellung zu erreichen.

Aber wie kann das mit dem üblichen Schulungsmaterial gelingen, wenn Menschen einen ganz anderen kulturellen Hintergrund haben und sich z. B. ganz anders ernähren, als es in Deutschland üblich ist? Helga Varlemann wurden die Grenzen der Wissensvermittlung in ihrer Tätigkeit als Diabetesberaterin und Ernährungsberaterin bewusst: "Bei einer Nationalitätenvielfalt von über 150 Nationen in Hamburg ist es nicht möglich, immer eine Schulungskraft vorzuhalten, die die jeweilige Muttersprache der Patienten spricht. Also müssen andere Wege gesucht werden, eine kultursensible Schulung und Beratung der Patienten im Sinne der Leitlinien und auf einem geringen Sprachniveau umzusetzen."

Das Ziel: mehr über die Kultur der Patienten erfahren

Das Problem ist dabei nicht nur die Sprache, so Helga Varlemann: "Mein Denken, die Schulungsinhalte und meine Art, diese Inhalte zu vermitteln, waren lange Zeit auf meine deutsche Kultur programmiert – zum Beispiel habe ich meine Ernährungsempfehlung zu warmen Mahlzeiten ganz klassisch auf Kartoffeln, Gemüse und Fleisch mit Soße ausgerichtet. Ich habe aber immer wieder über die Gespräche mit den Patienten nachgedacht und bin zu der Erkenntnis gelangt: Ich muss mehr über die Kultur und Religion meiner Patienten wissen. Seit nun über 15 Jahren sammle ich, lese ich und führe ich Gespräche mit dem Ziel, eine gute kultursensible Beratung und Schulung meiner Patienten mit Migrationshintergrund in deutscher Sprache zu führen."

Kultursensibel beraten und schulen kann nur, wer sich auch der eigenen Kultur bewusst ist. Helga Varlemann fragte sich: "Was ist für mich normal? Warum tue ich Dinge in einer bestimmten Art und Weise?" Der zweite Schritt ist die Neugier auf fremde Kulturen und auf deren Regeln im Zusammenleben, auf deren Normalität.

Den Menschen auf Augenhöhe begegnen

"Den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, eine Verbindung herzustellen – das ist wichtig in der Schulung von Menschen aus einem anderen Kulturkreis/mit Migrationshintergrund. Wichtig ist es auch, im positiven Sinn neugierig zu sein, ein Gespür für menschliche Bedürfnisse zu entwickeln."

Im Interview mit dem Diabetes-Forum erzählte Helga Varlemann mehr von ihren Erfahrungen in der Schulung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Können Sie schätzen, wie viele Migranten/Menschen mit Migrationshintergrund bei Ihnen in der Praxis geschult werden?
Ich würde sagen, wir haben jeden Tag Patienten mit Migrationshintergrund in der Praxis. In Hamburg-Harburg leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, und dementsprechend ist auch der Anteil von Patienten mit Migrationshintergrund in der Praxis.

Menschen, die nicht gut deutsch sprechen, gehen nicht in die Gruppenschulung, sondern kommen zu einem meiner Kollegen oder zu mir. Ich habe manchmal am Tag fünf Patienten, die von irgendwoher aus der Welt kommen, und manchmal nur deutsche Patienten. Mein Schwerpunkt ist die Ernährung. Und da ist es besonders wichtig, zu sagen: O. k., hier komme ich mit der in Deutschland üblichen Kartoffel als Kohlenhydratmahlzeit und dem Vollkornbrot nicht weiter.

Sie haben sich ja irgendwann überlegt: Ich muss mehr darüber wissen, wie Menschen aus anderen Kulturen essen. Wie sind Sie vorgegangen, um mehr zu erfahren?
Begonnen hat es an der Uniklinik mit saudischen Patienten, die furchtbar nett waren, und von denen ich gelernt habe, dass sie ganz anders essen als wir. Ausschlaggebend war die Dattel. Ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass Menschen zwischendurch einfach mal Datteln essen. Dabei schmecken Datteln wunderbar zu einem arabischen Kaffee. Mit Hilfe der Dolmetscherin habe ich dann ganz viel gelernt.

Das war eigentlich der Einstieg, und ich habe gemerkt: Ich will mehr darüber lernen. Manchmal haben mich dann Patienten zum Essen eingeladen, ich habe auch viel gelesen. Und ich bin in den entsprechenden Supermärkten gewesen, die gibt es natürlich in Harburg überall, und habe geguckt: Was bieten die da eigentlich an? Ich habe da nur wenige Kartoffeln gesehen, dafür ganz viel Reis und Hülsenfrüchte.

Außerdem frage ich meine Patienten nach den Lebensmitteln, die sie verwenden. Die sagen mir dann: Gehen Sie mal in den und den Laden. So habe ich Maniok kennengelernt und Yam und Kochbananen.

Oft genügt ja ein kleiner Hinweis, und dann forsche ich im Internet weiter: Was ist das? Was ist da drin? Und dann such ich eine Nährwertanalyse, um so eine Idee zu kriegen, wie viele Kohlenhydrate eigentlich drin sind.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein Problem ist: Wie kann man die bei uns nicht so bekannten Lebensmittel aufschlüsseln nach Kohlenhydraten, Fett, Eiweiß etc.?
Ja, das ist schwierig. Ich glaube, da sind die Möglichkeiten beschränkt. Ich habe keine wirklichen Tabellen gefunden – und wenn, dann müssten sie ja in Englisch sein, damit ich sie verstehen kann.

Es gibt mittlerweile Nährwertanalysen auf den Verpackungen, oft finden sich darauf aber keine Angaben in Gramm, sondern es wird in Tassen gemessen – z. B. wird eine Tasse ungekochter Reis als Menge angegeben. Es sind eben andere Maßeinheiten.

Wenn wir Patienten haben, wo wir nicht so hundertprozentig auf die BEs rechnen müssen, dann geht es mir eigentlich eher darum, mir klar zu werden, dass so ein Essen manchmal 10 oder 12 oder 15 BE hat – nicht 4, wie wir uns das vorstellen.

Seminare zum Thema
Über den VDBD bietet Helga Varlemann Tagesseminare mit dem Thema "Diabetes in fremden Kulturen" an, und zwar zusammen mit Gülcan Celen (türkisch/arabische Küche) und Martina Unrau (russisch/polnische Küche). Im praktischen Teil geht es um Zubereitung und Verkostung der Speisen. Informationen dazu unter www.vdbd.de.

Sie arbeiten ja auch viel mit Bildern und Fotos …
Ja, ich habe viel fotografiert. Wenn es mit der Sprache schwierig ist, geht sehr viel über Bilder. Da kriegen Sie ganz viel raus. Also, was der Patient nicht isst, legt er zur Seite. Dann sortiere ich gemeinsam mit dem Patienten weiter, und die schnell resorbierbaren Kohlenhydrate werden zur Seite gelegt. Es geht darum, dass der Patient eine Vorstellung davon bekommt, in welche Richtung er gehen sollte.

Auch wenn ich eine Insulinschulung mache oder eine Einweisung in die Blutzuckerselbstkontrolle, nutze ich immer Bilder. Früher habe ich es einfach über Handlungen gemacht, mittlerweile mache ich sehr viel parallel mit Bildern. Entsprechende Kurzanleitungen gibt es mittlerweile in vielen Sprachen. Ich sage dann zu meinen Patienten: Nehmen Sie die Anleitung mit nach Hause, dann können Sie sich die Schritte einfach noch mal ansehen. Und bei Menschen mit Diabetes, die Analphabeten sind, wird viel mit Symbolen geschult.

Ich habe mittlerweile auch kleine Lebensmitteltütchen gepackt mit typischen Lebensmitteln aus aller Welt – da ist dann immer die Menge drin, die einer BE entspricht. Ich habe z. B. Tütchen mit unterschiedlichen Sorten Reis und mit Bulgur. So kann ich zeigen: Wieviel ist denn eine BE?

In anderen Kulturen gibt es ja unter Umständen ein anderes Krankheitsverständnis. Spielt das in der Schulung auch eine Rolle?
Ich denke, es ist wichtiger, was sich im Kopf des Beraters abspielt. Die meisten Informationen haben wir über die muslimischen Patienten aus der Türkei. Da gibt es einfach die größte Menge an Literatur, und es wird ganz klar beschrieben, dass im Islam steht: Muslime sollen sich um die Gesunderhaltung ihres Körpers kümmern. Das kann man manchmal ins Gespräch einfließen lassen, wenn man das Gefühl hat, es gibt so gar keine Compliance.

Aber ich glaube, es gibt noch andere Zugangswege als nur die Sprache. Sprache ist sicherlich wichtig, um Hintergründe und Zusammenhänge zu beschreiben. Aber wenn ich den Patienten meine Bilder zeige, und die finden darin etwas wieder, was zu ihrem Alltag gehört, dann habe ich den Eindruck, sie erzählen ein bisschen mehr davon, was sie essen und wie sie es zu Hause machen. So bekomme ich einen Zugang zu den Menschen, weil sie sagen: "Na ja, die weiß ja doch ein bisschen was über uns."

Ihnen vertrauen die Patienten also mehr als jemandem, der immer nur mit der Kartoffel kommt …
Genau so ist es. Ein Beispiel: Wir haben viele Gestationsdiabetikerinnen. Eine ist mir im Kopf geblieben, eine Asiatin, eine kleine, schlanke Frau, die im Laufe der Schwangerschaft irre viel Insulin brauchte – weit über 50 Einheiten. In der Ernährungsberatung habe ich natürlich zu Vollkornbrot geraten. Sie sprach wirklich sehr schlecht deutsch, es ging alles über einen Dolmetscher, aber der sprach auch nicht so gut deutsch.

Sie hat immer gesagt, sie hat sich so ernährt, wie wir das besprochen haben. Raus kam aber letztendlich, dass sie so aß, wie es traditionell bei ihr zu Hause üblich ist, nämlich morgens Reissuppe mit viel Reis und Gemüse. Damit erklärte sich dieser hohe Bedarf an Insulin, weil sie einfach sehr viele Kohlenhydrate gegessen hat.

Mir geht es deshalb darum, zu vermitteln, dass Diabetesberaterinnen bedenken müssen, dass Menschen aus anderen Kulturen auch anders essen. Die Patienten sind dann oft höflich und wollen nicht nein sagen. Solche Patienten wie diese schwangere Asiatin begegnen einem immer mal wieder. Ein bisschen näher am Leben der Patienten zu sein, erhöht manchmal ihre Bereitschaft, etwas zu verändern – nicht alles, aber doch manches, und über den Weg vielleicht auch eine bessere Blutzuckereinstellung zu erreichen.

Ich muss nicht die Sprache der Menschen sprechen, aber ich muss so ein paar Eckpunkte wissen und rüberbringen, dass ich etwas über ihre Kultur weiß – das macht die Menschen einfach offener.

Ich denke mal, wenn ich in Australien sitzen würde, und es würde mich jemand mittags nach der deutschen Kartoffel fragen und nach dem Vollkornbrot, würde mir wahrscheinlich auch das Herz aufgehen: Toll, der weiß, was ich esse! Dem kann ich auch ein bisschen was von mir erzählen, dem muss ich nicht immer höflich sagen: Ja, ich mache das schon so, wie es in Australien gemacht wird.

Ist es denn günstig, wenn Angehörige mitgeschult werden, die besser deutsch sprechen als der Patient selbst?
Oft sind Angehörige dabei, wobei ich das auch kritisch sehe. Die übersetzen manchmal drei Sätze mit nur wenigen Worten, so dass ich mir nicht sicher bin: Was haben sie jetzt übersetzt? Da muss man auch so ein bisschen gucken: Welche Position hat der Patient in der Familie, was darf noch übersetzt werden und was wird aus Höflichkeit weggelassen?

Noch mal zurück zu den Datteln und ihrer Wirkung auf den Blutzucker: Vielleicht wissen die Patienten ja abends gar nicht mehr, womit sie in den Tag gestartet sind?
Doch, das wissen diese Leute schon. Aber das ist für sie kein Essen, das gehört dazu. Wir sehen das manchmal bei arabischen Patienten – die starten morgens mit fünf oder sechs Datteln und haben dann zum Frühstück um 11 Uhr hohe Zuckerwerte. Ich frage dann: Haben Sie schon was gegessen? Antwort: nein. Sie frühstücken nämlich erst später; sie essen die Datteln, sehen sie aber nicht als Frühstück an.

Mein Eindruck ist, die machen eine Unterscheidung zwischen Kleinigkeiten und Mahlzeiten. Wir Deutschen fragen aber immer nach den Mahlzeiten, also nach Frühstück, Mittagessen, Abendessen, und gehen davon aus, das ist morgens um 8, um 13 und um 18 Uhr.

In der Regel stehen diese Patienten aber früh auf und essen eine Kleinigkeit. Das, was sie Frühstück nennen, kommt aber erst um 11 Uhr, das Mittagessen zwischen 15 und 16 Uhr und abends gibt es noch mal was und manchmal abends spät noch was. In der Regel ist das alles sehr kohlenhydrathaltig. Für die Diabetestherapie ist dann entscheidend: Was wird gegessen?

Tauschen Sie sich denn auch mit Kolleginnen aus? Oder haben Sie Kontakt zur Arbeitsgemeinschaft "Diabetes und Migranten" der Deutschen Diabetes Gesellschaft?
Ja, ich bin Mitglied der AG Diabetes und Migranten. Wir haben jetzt vor ein paar Wochen mal eine Anfrage gehabt, da ging es um ein syrisches Kind mit Typ-1-Diabetes. Die Familie spricht weder deutsch noch englisch – nur arabisch. Da fangen wir dann an zu suchen: Was haben wir in Arabisch? Wer hat was wo? Ich habe auch mehrere Kolleginnen, die Muttersprachler sind – auch bei denen kann ich dann noch einmal nachhaken.

Im Kirchheim-Verlag sind auf Türkisch erschienen:
  • Schulungsprogramm Medias 2 und das Medias 2-Patientenbuch
  • "Sekerlimisiniz?" (Bildergeschichte für türkische Diabetespatienten)
  • "Insülin tedavisi ile daha iyi olacagim" (türkische Übersetzung des Buches "Mit Insulin geht es mir wieder besser")
  • "Diyabetimi nasil tedavi ederim?" (türkische Übersetzung des Buches "Wie behandele ich meinen Diabetes")
  • der Gesundheits-Pass Diabetes (deutsch/türkisch)
Weitere Informationen dazu im Internet unter www.kirchheim-shop.de, Suchwort: türkisch.


Interview:
Nicole Finkenauer-Ganz

Erschienen in: Diabetes-Forum, 2014; 26 (12) Seite 46-49