Aufgrund ihrer metabolischen Grunderkrankung und bedingt durch diabetesbedingte Komplikationen gehören Menschen mit Diabetes zu den vulnerablen Gruppen, deren Gesundheit besonders durch Klimawandel-assoziierte Veränderungen der Umwelt gefährdet ist. Von welchen Klimawandel-assoziierten Gesundheitsrisiken Menschen mit Diabetes betroffen sind, erläutert Dr. Jacqueline Ratter-Rieck.

Der Klimawandel stellt eine der größten Gefahren für die Gesundheit der Menschen dar. Neben Säuglingen und älteren Menschen sind Menschen mit chronischen Erkrankungen besonders durch Hitze und den Klimawandel gefährdet. Dazu gehören auch Menschen mit Diabetes. Deren Gesundheit ist nicht nur durch Hitze, sondern auch durch Luftverschmutzung, Extremwetterereignisse und durch Infektionen gefährdet, deren Verbreitung durch den Klimawandel beeinflusst wird.

Erhöhtes Risiko bei Hitze

Durch den Klimawandel kommt es bereits heute zu einem Anstieg der durchschnittlichen Umgebungstemperatur und einer vermehrten Anzahl von Hitzewellen. Menschen mit Diabetes haben eine veränderte physiologische Antwort auf Hitze und gehören deshalb neben Säuglingen und älteren Menschen zu den Personen, deren Gesundheit durch Hitze besonders gefährdet ist. Die physiologische Antwort auf Hitze – periphere Vasodilatation, sowie vermehrte Schweißsekretion zur Regulation der Körpertemperatur – ist sowohl bei Menschen mit Typ-1- als auch bei solchen mit Typ-2-Diabetes gestört. Schon früh nach der Diagnose zeigen Menschen mit Typ-1-Diabetes einen verminderten Blutfluss in der Haut, sowie eine verminderte Schweißsekretion, vor allem in der unteren Körperhälfte. Auch Menschen mit Typ-2-Diabetes haben eine reduzierte Schweißsekretion, welche u.a. durch eine verminderte Innervation von Schweißdrüsen verursacht wird. Zu den Faktoren, die eine eingeschränkte Hitzeantwort bedingen, gehören neben der Diabetes-Dauer eine schlechte glykämische Kontrolle und das Vorhandensein einer peripheren Neuropathie. Menschen mit Diabetes, die ein hohes Alter oder Begleiterkrankungen wie eine eingeschränkte Nierenfunktion und kardiovaskuläre Erkrankungen aufweisen, sind dabei besonders durch Hitze gefährdet.

Um Menschen mit Diabetes vor Hitze-assoziierten Beeinträchtigungen zu schützen, ist es deshalb wichtig, sie über Risiken aufzuklären und über Maßnahmen zu informieren, wie sie sich vor Hitze schützen können. Einerseits sollte dabei eine Reduktion der Hitzeexposition durch Anpassung des Tagesrhythmus als auch Sonnenschutzmaßnahmen stehen (siehe "Tipps für Verhalten bei Hitze"). Andererseits sollte auch auf eine ausreichende Trinkmenge und therapiespezifische individuelle Schutzmaßnahmen hingewiesen werden.

Tipps für Verhalten bei Hitze
  • Vor Sonne und Hitze schützen
  • Körperliche Aktivitäten bei extremer Hitze vermeiden und z.B. auf Morgen- und Abendstunden verlegen
  • Ausreichend Trinken
  • Blutzuckerwerte vermehrt kontrollieren
  • Medikamente und Diabetes-Technik vor Hitze schützen
  • Nach Absprache mit dem Arzt/der Ärztin Therapie anpassen

Zum Beispiel kann die individuelle Medikation für Menschen mit Diabetes einen zusätzlichen Risikofaktor bei Hitze darstellen. Die von Menschen mit Diabetes und Hypertonie oft eingenommenen Diuretika verstärken das Risiko einer Dehydrierung und Hypovolämie – insbesondere, wenn sie in Kombination mit ACE-Inhibitoren oder Angiotensin-II Rezeptor-Blockern eingenommen werden. Menschen mit Diabetes und Hypertonie, die Beta-Blocker einnehmen, können eine verminderte Wärmeableitung haben, welche das Risiko erhöht, während einer Hitzeexposition einen Myokardinfarkt zu erleiden. Da die Thermoregulation auch durch Antidepressiva gehemmt werden kann, sind auch Menschen mit Diabetes und Depression zusätzlich gefährdet. Um mögliche Nebenwirkungen zu vermeiden, können Menschen mit Diabetes mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, ob bei Hitze eine Therapieanpassung sinnvoll ist.

Hitze kann darüber hinaus die Stabilität und Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Deshalb sollte beispielsweise während Hitzeperioden bei der Behandlung mit Insulin besonders auf eine gekühlte Lagerung geachtet werden, um eine verminderte Wirkung und damit ein erhöhtes Risiko für eine Stoffwechselentgleisung zu verhindern. Bei der Gabe von Insulin sollte außerdem berücksichtigt werden, dass eine veränderte Durchblutung bei Hitze die Aufnahme verschnellern und damit das Risiko einer Hypoglykämie erhöhen kann.

Abb. 1: Menschen mit Diabetes haben durch Klimawandel-bedingte Umweltveränderungen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.

Durch Dehydrierung und einen vermehrten Blutfluss in der Haut können außerdem Insulinsignalwege und der Glukose-Stoffwechsel beeinträchtigt werden, was zu einer verschlechterten glykämischen Kontrolle führen kann. Um eine Dehydrierung zu vermeiden, ist es deshalb für Menschen mit Diabetes wichtig, bei Hitze ausreichende Mengen zu trinken. Dies gilt insbesondere für ältere Menschen, bei denen das Durstgefühl schwächer ist. Außerdem sollten Blutzuckerwerte bei Hitze regelmäßiger kontrolliert werden, um weiterhin eine gute glykämische Kontrolle zu gewährleisten, insbesondere, wenn durch die Hitze der Appetit und die Nahrungsaufnahme verändert sind.

Risiken bei Extremwetterereignissen

Der anthropogene Klimawandel trägt neben einer Erhöhung der Umgebungstemperaturen auch dazu bei, dass sich die Intensität und Häufigkeit von Extremwetterereignissen erhöht hat. Obwohl der Beitrag des Klimawandels zu einzelnen Extremwetterereignissen nicht einfach zu bestimmen ist, wird prognostiziert, dass deren Häufigkeit weiter zunehmen wird. Ereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und Stürme können die Gesundheit von Menschen mit Diabetes auf verschiedenen Wegen beeinträchtigen. Dazu gehören der durch Extremwetterereignisse möglicherweise eingeschränkte Zugang zur medizinischen Grundversorgung und den Krankenhäusern, sowie vermehrter psychischer Stress und Veränderungen im Alltag, die die Glukosevariabilität beeinflussen können.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sich die glykämische Kontrolle von Menschen mit Diabetes nach Extremwetterereignissen wie Fluten oder Hurrikans verschlechtert. Dabei konnte vor allem in Menschen mit einem Insulin-behandelten Diabetes auch mehrere Monate nach dem Ereignis ein erhöhter HbA1c nachgewiesen werden. Die Tatsache, dass teilweise sogar noch nach über einem Jahr eine verschlechterte glykämische Kontrolle nachgewiesen wurde, unterstreicht die Bedeutung der engmaschigen Betreuung und Beratung von Menschen mit Diabetes, die von Extremwettereignissen betroffen sind, um Folgeschäden zu verhindern.

Obwohl die genauen Ursachen für die Dysregulation der Blutglukosewerte noch unklar sind, können zum einen der eingeschränkte Zugang zu medizinischer Versorgung als auch veränderte Lebensbedingungen und vermehrter Stress zu den Veränderungen beitragen. Da Menschen mit Diabetes vermehrt an Depressionen erkranken, könnte dies ihr Risiko für vermehrten psychischen Stress nach Extremwetterereignissen erhöhen und so zu einer Verschlechterung der glykämischen Kontrolle beitragen.

Erhöhte Infektionsgefahr für Vektor-übertragene Krankheiten

Klimawandel-assoziierte Veränderungen in Umgebungstemperatur, Niederschlagsmenge und Luftfeuchtigkeit wirken sich auch auf die Transmission bestimmter Infektionskrankheiten aus. Dazu gehören neben bakteriellen und Pilzinfektionen vor allem Vektor-übertragene Krankheiten. Steigende Umgebungstemperaturen haben beispielsweise bereits dazu beigetragen, dass sich die asiatische Tigermücke (Aedes Albopictus), welche das Dengue-, das Chikungunya- und das West-Nil-Virus übertragen kann, weiter in Europa verbreitet hat. Es wird prognostiziert, dass diese Klimawandel-bedingte Veränderung in der Verbreitung von Mücken in Europa zu einem Anstieg viraler Erkrankungen führen wird, welche hier bisher kaum auftraten. Dies ist auch für Menschen mit Diabetes von besonderer Bedeutung, da mehrere Studien zeigen, dass diese ein erhöhtes Risiko haben, bei Infektionen mit verschiedenen betroffenen Viren einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden.

Beispielsweise ist eine Diabetesdiagnose neben einer Hypertonie ein Hauptrisikofaktor, um nach einer Infektion mit dem West-Nil-Virus an einer Enzephalitis zu erkranken oder zu versterben. Hier weisen erste Studien darauf hin, dass unter anderem Veränderungen im Immunsystem der Menschen mit Diabetes dazu beitragen, dass es zu einem schweren Verlauf der Erkrankung kommt. Bei einer Infektion mit dem Dengue-Virus besteht für Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko, eine schwere Thrombozytopenie zu erleiden und intensivmedizinisch behandelt zu werden, und auch bei einer Infektion mit dem Chikungunya-Virus haben Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer schweren Erkrankung, welche durch rheumatologische und neurologische Symptome gekennzeichnet ist.

Aufgrund des erhöhten Risikos, bei den beschriebenen viralen Infektionen einen schweren Verlauf zu erleiden, ist es wichtig, dass eine adäquate Behandlung früh initiiert werden kann. Zukünftig wird es deshalb von Bedeutung sein, dass Menschen mit Diabetes über die entsprechenden Infektionskrankheiten aufgeklärt werden, damit sie frühzeitig selbst wichtige Symptome erkennen können. Ebenso sollte das Monitoring der Patienten bei einer Erkrankung engmaschig erfolgen, um schwere Verläufe zu verhindern.

Diabetes-Beratung für Klima- und Gesundheitsschutz

Um den Gesundheitsschutz zu stärken, ist es wichtig, dass Menschen mit Diabetes über die Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Gesundheit aufgeklärt werden. Dabei sollte neben der Beratung über allgemeine Risiken für Menschen mit Diabetes auch beachtet werden, dass nicht alle Patienten gleichermaßen durch die verschiedenen Umweltveränderungen gefährdet sind. Abhängig von anthropometrischen und klinischen Parametern, sowie der individuellen Medikation ergeben sich individuelle Klima-assoziierte Gesundheitsrisiken für Menschen mit Diabetes. Beispielsweise weist ein junger Patient mit Typ-1-Diabetes, der mit Insulin behandelt wird, andere Klimawandel-assoziierte Gesundheitsrisiken auf als ein älterer Patient mit Typ-2-Diabetes und einer kardiovaskulären Begleiterkrankung (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Individuelle Klimawandel-assoziierte Gesundheitsrisiken für Menschen mit Diabetes.

Um die Klimaresilienz von Menschen mit Diabetes zu stärken, ist es jedoch nicht nur wichtig, auf Gesundheitsrisiken hinzuweisen und z.B. über individuelle Strategien zur Abkühlung bei Hitze und Verminderung der Gefahren von Luftschadstoffen zu informieren, sondern auch über einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil aufzuklären, da Klima- und Gesundheitsschutz in enger Wechselwirkung miteinander stehen. So kann zum Beispiel eine Ernährungsumstellung in Anlehnung einer planetaren Gesundheitsdiät sowohl zum Klima- als auch zum Gesundheitsschutz beitragen.

Broschüre mit Tipps der BZgA: "Diabetes und Hitze – was muss ich beachten?"

Autorin:
© privat
Dr. Jacqueline Ratter-Rieck
Wissenschaftlerin am Deutschen Diabetes-Zentrum, Düsseldorf


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2024; 36 (1/2) Seite 28-30