Nach erfolgreicher Pilotierung an der Universitätsmedizin Göttingen haben mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane und der Justus-Liebig-Universität Gießen zum Sommersemester 2021 zwei weitere Universitäten die Lehre des innovativen Wahlfachangebots Culinary Medicine aufgenommen. Eine gemeinsame Evaluation wurde gestartet.

Das Wahlfach Culinary Medicine wurde an der Universitätsmedizin Göttingen für Medizinstudierende in klinischen Semestern entwickelt und im Wintersemester 2020/2021 erfolgreich pilotiert. Culinary Medicine übersetzt aktuelle ernährungsmedizinische Erkenntnisse in die Lebenswelten von Patientinnen und Patienten und verbessert die ärztliche Beratungskompetenz bei ernährungsassoziierten Erkrankungen. Das Lehrformat ist ein indikationsbezogener Kochkurs (Teaching Kitchen), der auf dem evidenzbasierten Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis (LEKuP) basiert (Hauner et al. 2019). Der LEKuP deckt alle wichtigen ernährungsmedizinischen Indikationen ab.

Stellenwert der Ernährungsmedizin bereits im Studium stärken

Ziel dieser Kooperation ist es, zum einen den Stellenwert der Ernährungsmedizin bereits im Medizinstudium zu stärken. 70-80 Prozent aller Krankheiten haben eine Ernährungsursache, einen Ernährungshintergrund oder eine ernährungstherapeutische Konsequenz. Die Folge von Fehl-, Über- oder Mangelernährung sind zahlreiche Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, koronare Herzerkrankungen, Krebserkrankungen, Kachexie und hormonelle Störungen. [1]

Trotz der hohen Bedeutung einer besseren ernährungsmedizinischen Versorgung sind an deutschen Universitäten ernährungsmedizinische Inhalte im Medizinstudium unterrepräsentiert. Die bislang vermittelten Kenntnisse während des Medizinstudiums reichen nicht aus, um eine adäquate ernährungsmedizinische Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten auf neuestem wissenschaftlichem Stand zu garantieren. [1]

Zusammenführung von klinischen Indikationen und praktischer Ernährungstherapie

Das neue Wahlfach Culinary Medicine leistet einen wichtigen ersten Beitrag, um die Situation für Medizinstudierende zu verbessern. In 28 Lehrveranstaltungsstunden werden klinische Indikationen anhand des evidenzbasierten LEKuP und eine daraus abgeleitete praktische Ernährungstherapie synergistisch zusammengeführt. Passende Fallbeispiele ergänzen das Lehrangebot.

Zum anderen wird durch die multizentrische Evaluation die Wirksamkeit des Lehrangebotes im Hinblick auf die Beratungskompetenz bei ernährungs- und lebensstilabhängigen Erkrankungen im Detail erforscht. Dabei geht es auch um die Sensibilisierung der Medizinstudierenden für einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil im Sinne einer Planetary Health Diet (Eat Lancet Commission 2019) [2] sowie um eine Verbesserung der Kooperation mit anderen Ernährungsfachberufen. Daraus abgeleitete Fragestellungen sollen durch Promotionsarbeiten an allen teilnehmenden Hochschulen untersucht werden.

Lehrkonzept auch digital gut umsetzbar

Bis November 2020 wurde das Wahlfach Culinary Medicine an der Göttinger Universitätsmedizin mit einem Hygienekonzept in Präsenz gelehrt. Pandemiebedingt wurde das Lehrkonzept für die digitale Durchführung umgearbeitet und wird seit Dezember 2020 ausschließlich digital gelehrt. Die Studierenden sind über eine Videokonferenz-Software mit den Lehrenden in der Lehrküche verbunden und kochen interaktiv die zuvor ausgewählten Rezepte in ihrer eigenen Küche mit. Dabei werden sowohl nutritiv-physiologische wie auch praktisch-kulinarische Aspekte fortwährend diskutiert. Zu Beginn steht eine kurze Einführungspräsentation zum klinischen Bezugsrahmen auf dem Programm.

„Wir sind deutlich positiv überrascht, wie gut sich Culinary Medicine auch digital lehren lässt“, so PD Dr. med. Thomas Ellrott, der das Projekt an der Universitätsmedizin Göttingen leitet. „Dabei haben wir aber festgestellt, dass die Interaktivität zwischen Lehrenden und Studierenden bei mehr als etwa 12 Studierenden im Online-Format deutlich zurückgeht“, erklärt Ellrott weiter.

Ausgezeichnete Zusammenarbeit der Universitäten

Durch die weiterhin angespannte Pandemiesituation erfolgt die multizentrische Evaluation im Sommersemester 2021 an allen drei Hochschulstandorten ebenfalls in komplett digitaler Lehre. Dabei verwenden alle Institutionen die gleichen Kursmaterialien, führen den Kurs in gleicher Form durch (7 Kurstage à 4 Lehrveranstaltungsstunden) und nutzen auch den gleichen, eigens entwickelten, Survey zur Evaluation, damit die erhobenen Daten gemeinsam ausgewertet und veröffentlicht werden können.

„Die ausgezeichnete Zusammenarbeit der Universitäten auf diesem innovativen Gebiet ist Teil des beabsichtigten Co-Creation-Prozesses“, kommentiert Uwe Neumann, Vorstandsvorsitzender von CookUOS e.V., „und wir würden uns freuen, wenn sich noch weitere interessierte Hochschulen anschließen.“

Das Modellprojekt Culinary Medicine des Instituts für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen/Universitätsmedizin und von CookUOS e.V. (Osnabrück) wird seit Dezember 2019 von der Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung (Hannover) gefördert. Nach der Evaluation werden alle Lehrmaterialien als Open Access veröffentlicht.

Literatur

Quelle: Pressemitteilung des Vereins zur Förderung von Forschung und Bildungsangeboten in den Bereichen Gesundheits-, Ernährungs- Verbraucher- und Umweltbildung (CookUOS e.V.)