Die Bundesregierung verspricht in ihrem Koalitionsvertrag, der Gesundheit von Frauen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und Ende September 2025 sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken während der parlamentarischen Debatte zum Haushalt 2026, dass Frauengesundheit kein Nischenthema sei, sondern alle angehe.

Frauengesundheit ist für mich ein zentrales Thema, das im BMG noch stärker in den Fokus gerückt wird und auch hier bei mir in der Leitungsabteilung des Ministeriums eng begleitet wird", betonte Warken einen Monat später im Laufe eines Interviews.

Gendersensible Medizin ist nicht gleich Frauengesundheit, gendersensible Medizin betrifft alle Geschlechter und berücksichtigt die biologischen Unterschiede von Frau und Mann in der Erforschung und Behandlung von Krankheiten. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind vor allem in der Arzneimitteltherapie relevant. Dennoch muss es wohl Gründe geben, weshalb die Bundesgesundheitsministerin die Bedeutung von Frauengesundheit so betont und die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär erklärt: "Wir haben für die Frauengesundheit die Mittel erhöht, weil wir schon selbstkritisch feststellen müssen, dass wir nicht nur in Deutschland, sondern eigentlich weltweit in der Frauengesundheit in vielen Bereichen leider immer noch in der Steinzeit sind."

Systemrelevanz

Die gesellschaftliche Dimension und Systemrelevanz von Frauengesundheit lässt sich mit einem kleinen Gedankenexperiment schnell veranschaulichen. Stellen Sie sich für einige Sekunden vor, was wäre, wenn alle weiblichen Gesundheitsberufe im deutschen Gesundheitssystem auf einem Schlag verschwinden würden: Rund 265 000 Ärztinnen weniger würden die Patientenversorgung ohne Frage stark schwächen. Mit nur noch rund 15 Prozent Gesund- und Pflegefachkräften würde die pflegerische Versorgung in Krankenhäusern und Pflegeheimen kollabieren. Ähnliche Effekte wären für die häusliche Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen zu erwarten, wenn Frauen in der familiären Care-Arbeit nicht mehr zur Verfügung stehen würden. Auch die Versorgung von Menschen mit Diabetes wäre massiv gefährdet, wenn rund 94 Prozent der Diabetesberaterinnen und Diabetesberater sowie Diabetesassistentinnen und Diabetesassistenten fehlen würden. Aber nicht nur die Systemrelevanz von Frauen im Gesundheitswesen ist ein gewichtiger Grund für genderspezifische Medizin. Die Erkenntnis, dass sich Krankheiten bei Frauen und Männern unterschiedlich manifestieren oder zu behandeln sind, ist elementar für eine personalisierte Medizin und die Patientensicherheit.

Die Lebenserwartung von Frauen in Deutschland beträgt im Durchschnitt 5 Jahre mehr als von Männern. Hierfür sind verschiedene Faktoren ursächlich. Besondere Bedeutung hat dabei sicherlich das unterschiedliche Gesundheitsverhalten. Frauen gehen weniger Gesundheitsrisiken ein als Männer, beispielsweise durch Alkohol- und Tabakkonsum oder risikoreiche Hobbys. Sie legen mehr Wert auf gesunde Ernährung oder arbeiten weniger in gesundheitsschädigenden Bedingungen. Todesursache Nr. 1 in Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Frauen und Männer gleichermaßen. Dass sich die Symptomatik für einen Herzinfarkt bei einer Frau anders darstellt als bei einem Mann ist mittlerweile allgemein bekannt. Insgesamt aber unterschätzen Frauen ihr Risiko, das ansteigt, wenn eine Diabeteserkrankung hinzukommt und das Risiko, an einem Herzinfarkt zu versterben, ist für Frauen mit Diabetes gegenüber Männern mit Diabetes erhöht.

Ungleichheit der Machtverhältnisse

Zu den spezifisch biologischen Aspekten von Frauengesundheit gehören die unterschiedlichen Versorgungsanlässe über die Lebensspanne einer Frau: die gesundheitlichen Themen bzw. Herausforderungen verändern sich angefangen bei der Pubertät über die reproduktive Phase bis hin zu den Wechseljahren und dem postmenopausalen Lebensabschnitt.

Durch Studien ist belegt, dass Menschen mit geringerem Einkommen und niedrigerem Bildungsstatus eine schlechtere Gesundheit und geringere Lebenserwartung haben als Menschen mit einem höheren Einkommen und einer höheren Bildung. Diese Ungleichheit in Gesundheitsgerechtigkeit gilt sowohl für Frauen als auch Männer. Die Ursachen sind vielfältig und u.a. in den Arbeits-, Lebens- und Wohnbedingungen, einer geringeren Gesundheitskompetenz und einem schlechterem Zugang zur Gesundheitsversorgung begründet.

Einen solchen klassischen Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Benachteiligung und Gesundheit berichtet auch die Studie "Soziale Ungleichheiten bei der Gesundheit in der EU" des Forschungsnetzwerks EuroHealthNet und des Centre for Health Equity Analytics (CHAIN), die 2025 veröffentlicht wurde. So schätzten 20 Prozent der befragten Akademikerinnen und Akademiker ihre Gesundheit als schlecht ein, in der Gruppe der Studienteilnehmenden ohne Schulabschluss oder einem Haupt- oder Realschulabschluss waren es jedoch 40 Prozent.

Global betrachtet beeinträchtigen diese sozioökonomischen Determinanten die Gesundheit von Frauen in besonderem Maße, denn nicht selten tritt als weiterer Faktor die Ungleichheit der Machtverhältnisse hinzu. So thematisiert ein Bericht des Bundes zur "Gesundheitlichen Lage der Frauen in Deutschland" die besonders vulnerable Gruppe von Frauen mit Fluchterfahrung, da sie vor, während oder auch nach der Flucht körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind.

Exkurs Partnerschaftsgewalt

Aber nicht nur Flucht und Krieg bedrohen die physische und psychische Gesundheit von Frauen. Nicht selten offenbart sich die Ungleichheit von Machtverhältnissen auch im häuslichen Kontext, indem Frauen dort Gewalt durch ihr soziales Umfeld erfahren. Sozioökonomische Faktoren spielen hier bemerkenswerterweise keine Rolle. Mit anderen Worten: Frauen in allen sozialen Schichten sind mit Gewalt in Beziehungen konfrontiert. Laut der Istanbul-Konvention, einem Übereinkommen des Europarats von 2011 zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, bezieht sich Gewalt gegen Frauen auf Verletzungen auf verschiedenen Ebenen: physisch, psychisch, sexuell, aber auch ökonomisch sowie auf Nötigung und Freiheitsentzug. Traurige und beschämende Bilanz für Deutschland: Fast jeden 3. Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Im Jahr 2021 waren es 109 Frauen, die ihr Leben durch Gewalt ihres (ehemaligen) Partners verloren.

Gender Data Gap

Auch wenn Frauengesundheit mehr und mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, bleibt der Fakt, dass über Jahrzehnte Frauengesundheit strukturell vernachlässigt wurde, indem Frauen aus Medizinstudien ausgeschlossen wurden. Medikamente wurden in erster Linie an jungen Männern getestet mit einem Durchschnittsgewicht von 80 Kilo. Im Unterschied zu einer Frau im gebärfähigen Alter sind Männer relativ hormonell stabil. Zudem unterscheiden sich die Körper von Frauen und Männern in der Verteilung von Muskel- und Fettanteil und in wesentlichen pharmakokinetischen Parametern. Mit anderen Worten: Dieselbe Dosis eines Medikamentes kann im weiblichen Körper anders als im männlichen Körper wirken, zum Beispiel länger, stärker oder mit mehr Nebenwirkungen. Das ist bekannt für Psychopharmaka oder Schmerzmitteln.

Die ehemalige Bundesabgeordnete Claudia Schmidtke, Professorin für Herzchirurgie und Gendermedizinerin, kritisiert, dass derartige Unterschiede selten in Leitlinien oder Fachinformationen aufgenommen werden. Beispielhaft nennt sie das Schlafmittel Zolpidem. Nach dessen Einnahme wurde bei Frauen ein doppelt so hoher Blutspiegel gemessen als bei Männern. Aufgrund des erhöhten Unfallrisikos wurde in den USA die empfohlene Menge halbiert, während in Deutschland keine Anpassung vorgenommen wurde. Prof. Schmidtke fordert daher eine nationale Strategie der geschlechtssensiblen Arzneimitteltherapie und im Einzelnen:

  • den Aufbau einer zentralen Wissensplattform, beispielsweise als gemeinsame Initiative des BMG und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).
  • Verpflichtende Datenauswertung nach Geschlecht bei der Zulassung von Medikamenten
  • Geschlechtsspezifische Dosierungshinweise in der ePA
  • Berücksichtigung in medizinischen Leitlinien
  • Intergration geschlechtssensibler Medizin in die ärztliche Ausbildung

Arzneimitteltherapiesicherheit

Dass Frauen öfter oder mehr unter Nebenwirkungen und Medikationsfehler leiden, weiß auch die klinische Pharmakologin Prof. Dr. Petra Thürmann, Vizepräsidentin für Forschung an der Universität Witten/Herdecke und Mitglied in der Koordinierungsgruppe Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG).

Auf der Veranstaltung der Bundesärztekammer am 22. Oktober 2025 in Berlin, die sich dem Thema "Sicher ist Sicher. Patientensicherheit als gemeinsame Kernaufgabe" widmete, stellte sie den Aktionsplan zur AMTS der Bundesregierung unter dem Blickwinkel von Digitalisierung und Interprofessionalität vor.

Sie betonte die Komplexität des Medikationsprozesses und dass es keine "sicheren" Arzneimittel, d.h. ohne Nebenwirkungen gibt. Umso wichtiger sind sichere Verordner und sichere Systeme. Ca. 8 Prozent aller Krankenhausaufnahmen beruhen auf Nebenwirkungen und in der Klinik selbst erleidet ca. jede fünfte Patientin, Patient eine Nebenwirkung. Studien zeigen das die Hälfte der Nebenwirkungen vermeidbar wäre und damit als Medikationsfehler einzuordnen ist.

Patientensicherheit lässt sich übrigens nicht nur auf die optimierte "Performance" des einzelnen Behandlers reduzieren. Strukturen und Prozesse sind ebenso entscheidend, wie Christian Luft, Staatssekretär im BMG, auf derselben Veranstaltung in seinem Grußwort unterstrich. Patientensicherheit bezeichnete er als eine Kultur und Haltung, die Führung, Vorbilder und den Mut erfordert, über Fehler zu sprechen.

Geschlechtersensible Medizin ist keine Mode-Erscheinung oder eine feministische Forderung. Geschlechtsspezifische Medizin betrifft Frauen und Männer gleichermaßen. Geschlechtersensible Medizin deckt aber auch die systematische und strukturelle Vernachlässigung von Frauengesundheit in der Forschung auf. Wenn die richtige Dosierung von Medikamenten über Leben und Tod oder Lebensqualität entscheiden kann, dann ist geschlechterspezifische Medizin Teil der Arzneimitteltherapiesicherheit und damit essenziell für Patientensicherheit und personalisierte Behandlung.


Literatur
Bundesärztekammer im Dialog. Präsenzveranstaltung am 22. Oktober 2025 in Berlin "Sicher ist Sicher. Patientensicherheit als gemeinsame Kernaufgabe. Zugriff auf die Aufzeichnung am 4.11.2025: https://www.youtube.com/watch?v=V2EyASvjFtE
Robert-Koch-Institut (2023). Broschüre. Gesundheitsberichterstattung des Bundes - gemeinsam getragen von RKI und DESTATIS. Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland – wichtige Fakten auf einen Blick.
Schmidtke, Claudia (2025). Eine Dosis Ungleichheit. Geschlechtersensible Arzneitherapie. Ein Standpunkt. Veröffentlicht am 14. Oktober 2025 im Tagesspiegel Background.
Bundeszentrale für Politische Bildung: Zugriff am 4.11.2025: https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/518720/gewalt-gegen-frauen-in-deutschland/

Autorin:
© privat
Dr. Gottlobe Fabisch
Geschäftsführerin VDBD e.V. und VDBD AKADEMIE GmbH


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2025; 37 (6) Seite 6-8