Automatisierte Insulindosierungssysteme (AID) entwickeln sich Schritt für Schritt in Richtung vollständiger Automatisierung. Während heutige Systeme noch als "Hybrid Closed Loop" gelten und Nutzerinnen und Nutzer weiterhin Mahlzeitenboli eingeben müssen, zeigen neue Real-World-Daten, wie leistungsfähig diese Systeme bereits ohne aktive Eingriffe sein können.
Eine aktuelle Analyse in Diabetes Care deutet an, wohin die Reise gehen könnte: zu Systemen, die die Glukosekontrolle auch dann stabil halten, wenn Menschen im Alltag einmal keine Boli eingeben – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu wirklich "fully automated" Systemen.
In Diabetes Care wurde dazu kürzlich eine Studie mit dem Titel »MiniMed 780G Advanced Hybrid Closed-Loop System Use During Days Without User-Initiated Boluses« veröffentlicht. Die Analyse untersuchte, wie sich das MiniMed-780G-System an Tagen verhält, an denen Anwender keine Mahlzeitenboli eingegeben haben.
Real-World-Daten zeigen stabile Glukosewerte ohne Boli
Ausgewertet wurden CGM-Daten von 54 553 Nutzern, die zwischen dem 2. Januar 2020 und dem 31. März 2025mindestens zehn Tage ohne vom Nutzer initiierte Boli aufwiesen. Zusätzlich wurden die Teilnehmer nach verschiedenen Faktoren stratifiziert:
- Nutzung der Recommended Optimal Settings (ROS) – also einem Glukoseziel von 100 mg/dl und einer aktiven Insulinzeit von zwei Stunden,
- Alter (≤15 Jahre bzw. >15 Jahre),
- Sowie Diabetes-Typ (Typ-1- oder Typ-2-Diabetes).
Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Auch an Tagen ohne Bolusgaben konnte das System die Glukosewerte insgesamt stabil halten. Nutzer, die die empfohlenen optimalen Einstellungen (ROS) verwendeten, erreichten dabei durchweg bessere Ergebnisse als Anwender ohne diese Einstellungen.
So lag der mittlere Sensor-Glukosewert bei ROS-Nutzern bei 149 mg/dl, während er bei Nicht-ROS-Nutzern 160 mg/dl betrug. Gleichzeitig war die Time-in-Range mit 76 % deutlich höher als bei Anwendern ohne ROS (69 %). Auch der Glucose-Management-Indicator (GMI) fiel mit 6,9 % günstiger aus als bei Nicht-ROS-Nutzern (7,1 %).
Verbesserte Kontrolle
Diese Vorteile zeigten sich unabhängig vom Alter:
- Bei Anwendern ≤15 Jahren lag die Time-in-Range bei 70 % gegenüber 63 % ohne ROS.
- Bei Anwendern >15 Jahren betrug sie 77 % gegenüber 70 %.
- Besonders interessant ist die sogenannte Triple-Target-Analyse (GMI <7 %, TIR >70 %, TBR <4 %).
- In der Typ-1-Diabetes-Gruppe erreichten 58 % der ROS-Nutzer dieses Ziel, verglichen mit 33 % der Nicht-ROS-Nutzer.
- In der Typ-2-Diabetes-Gruppe lagen die Werte sogar bei 77 % gegenüber 57 %.
Fazit
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das MiniMed-780G-System auch an Tagen ohne aktiv eingegebene Mahlzeitenboli eine effektive glykämische Kontrolle ermöglichen kann. Auch wenn es sich weiterhin um ein Hybrid-Closed-Loop-System handelt, zeigen diese Daten deutlich, wie nah moderne AID-Systeme bereits an ein vollständig automatisiertes Glucosemanagement heranreichen.
Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (2) Seite 29
