Neue politische Vorgaben erhöhen den Druck auf Kliniken. Der GluCode-Hackathon zeigt, wie interprofessionelle Teams digitale Lösungen entwickeln, um Dokumentation und Versorgung zu verbessern.

Ausgangslage: Diabetes im Krankenhaus – häufig, komplex, unterschätzt

Rund jede vierte stationär behandelte Person ist von Diabetes betroffen. Diese Diabetesdiagnose ist im Krankenhaus mit einem ungünstigeren Verlauf assoziiert: ein etwa verdoppeltes Risiko für Komplikationen, eine im Mittel zwei Tage längere Verweildauer, rund 20 % höhere Behandlungskosten sowie ein erhöhtes Risiko für Wiederaufnahmen.

Gleichzeitig ist die stationäre Diabetesversorgung in vielen Kliniken organisatorisch und digital noch unzureichend abgebildet. Diabetesrelevante Informationen – von Therapieanpassungen über Schulungen bis hin zu interprofessionellen Interventionen – werden häufig fragmentiert, analog und unsystematisch dokumentiert. Besonders deutlich wird dies bei der multimodalen Diabetes-Komplexbehandlung, die per Definition mehrere Berufsgruppen, strukturierte Maßnahmen und einen hohen Koordinationsaufwand umfasst.

Gesundheitspolitischer Rahmen: warum Kodierung jetzt entscheidend ist

Dies gewinnt vor dem Hintergrund aktueller gesundheitspolitischer Reformen besondere Bedeutung: Vor dem Hintergrund des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) und des Krankenhaustransparenz- und Leistungsanpassungsgesetzes (KHAG) haben DDG und BVDK dazu aufgerufen, die multimodale Diabetes-Komplexbehandlung konsequent zu kodieren. Ziel ist es, den tatsächlichen Versorgungsaufwand sichtbar zu machen, die Relevanz der Diabetologie im stationären Setting zu unterstreichen und damit langfristig die Sicherung der Versorgung von Menschen mit Diabetes zu gewährleisten. Denn mit dem KVVHG und KHAG werden Strukturen, Leistungsgruppen und Vergütungsmechanismen im Krankenhaus neu ausgerichtet. Leistungen, die nicht sauber dokumentiert und kodiert sind, laufen Gefahr, unsichtbar zu werden – mit direkten Konsequenzen für Ressourcen, Personal und zukünftige Versorgungsstrukturen. Eine verlässliche, strukturierte und digitale Dokumentation der multimodalen Diabetes-Komplexbehandlung ist daher nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern eine strategische Notwendigkeit für das Fach.

Übergeordnetes Ziel: Digitalisierung der Versorgung von Menschen mit Diabetes im Krankenhaus

Die Zukunft der Versorgung von Menschen mit Diabetes im Krankenhaus liegt in der Digitalisierung und Integration von Diabetestechnologie in die stationäre Versorgung. Dafür ist es erforderlich, bestehende Klinikinformationssysteme (KIS) diabetes-sensitiver zu gestalten als sie es derzeit sind, so dass die Besonderheiten der komplexen Diabetes-Erkrankung angemessen, sicher und effizient abgebildet werden können.

Dieses Ziel ist zu groß, um es in einem einzigen Schritt erreichen zu können. Deshalb setzt der GluCode-Hackathon bewusst auf einen inkrementellen Ansatz: Jeder Hackathon widmet sich einem klar definierten, praxisrelevanten Teilprojekt, das einen kleinen, aber wertvollen Beitrag zum großen Ganzen leistet.

Was ist ein Hackathon – und warum ist dieses Format so geeignet?

Ein Hackathon (Fusionswort aus Hacking und Marathon) ist ein zeitlich begrenztes, intensives Arbeitsformat, in dem interprofessionelle Teams aus verschiedenen Diabetes-Zentren gemeinsam an einer klar umrissenen Fragestellung arbeiten. Im Unterschied zu klassischen Projekten stehen Fokus, Geschwindigkeit und unmittelbare Umsetzbarkeit im Vordergrund.

© HDZ-Bad Oeynhausen (erstellt mit NotebookLM)
Von Papier zu Pixeln: Der GluCode-Hackathon für ein modernes Diabetes-Management.

Der besondere Mehrwert des GluCode-Hackathons liegt dabei nicht nur in der informationstechnischen Leistung, sondern auch in der Methodik: Im klinischen Alltag stehen IT, Controlling und Diabetesteams kaum jemals gleichzeitig und über einen längeren Zeitraum hinweg für die Lösung eines gemeinsamen Problems zur Verfügung. Genau dieses strukturelle Defizit adressiert der Hackathon.

"Im Alltag lösen wir Probleme zeitlich fragmentiert mit wenig Austausch untereinander – im Hackathon lösen wir sie sofort und gemeinsam."

Die diatec als Workspace: Raum für konzentrierte Zusammenarbeit

Im Rahmen der diatec 2026 in Berlin wurde Ende Januar erstmals ein geschützter Workspace geschaffen, in dem interprofessionelle Teams aus mehreren Kliniken über 48 Stunden fokussiert an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten konnten. Beteiligt waren Teams aus:

  • Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum
  • Diabetes Zentrum Mergentheim
  • Mathias-Stiftung Rheine
  • Universitätsklinikum Leipzig AöR

Vertreten waren Diabetologie, Pflege, IT und Controlling – unterstützt durch den KIS-Hersteller Dedalus (ORBIS). Diese Konstellation ermöglichte es, medizinische Anforderungen, technische Machbarkeit und abrechnungsrelevante Aspekte in Echtzeit zusammenzuführen.

© HDZ-Bad Oeynhausen (erstellt mit NotebookLM)
Der lange Weg zur IT-Lösung im Klinikalltag.

Fokus 2026: multimodale Diabetes-Komplexbehandlung digital abbilden

Beim GluCode-Hackathon 2026 stand die konkrete, alltagsrelevante und politisch ganz aktuelle Herausforderung im Fokus:
→ Wie kann die multimodale Diabetes-Komplexbehandlung strukturiert, vollständig und zu einem hohen Grad automatisiert in einem KIS dokumentiert werden?

Ziel war es, eine Lösung zu entwickeln, die

  • sofort im Klinikalltag nutzbar ist,
  • den Dokumentationsaufwand reduziert,
  • die Kodierbarkeit verbessert
  • und die interprofessionelle Leistung sichtbar macht.

© HDZ-Bad Oeynhausen (erstellt mit NotebookLM)
Die GluCode-Lösung zur Dokumentation multimodale Komplexbehandlung Diabetes und Fehlernährung (8-984.3/4)

Fazit und Ausblick: kleine Schritte, große Wirkung

Der GluCode-Hackathon 2026 zeigt, dass Digitalisierung im Krankenhaus pragmatisch gelingen kann, wenn

  • klare Ziele definiert sind,
  • interprofessionelle Expertise gebündelt wird
  • und ein geeigneter Workspace zur Verfügung steht.

Die multimodale Diabetes-Komplexbehandlung war bewusst der erste Fokus – als zentraler Baustein zur Sichtbarmachung diabetologischer Expertise und als Voraussetzung für die langfristige Sicherung der stationären Diabetesversorgung.

Der GluCode-Hackathon wird 2027 fortgeführt. Auch dann wird er sich einem klar abgegrenzten Projekt widmen – immer mit dem Ziel, Schritt für Schritt die Digitalisierung der Diabetesversorgung im Krankenhaus voranzubringen.

Stimmen aus dem Hackathon

Susanne Reger-Tan, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum

Frau Professor Reger-Tan, Sie haben den GluCode-Hackathon ins Leben gerufen. Was war der zentrale Impuls für dieses Projekt? Die Diabetologie ist das Fach par excellence, wenn es um Technologieintegration und Digitalisierung im medizinischen Alltag geht. In der ambulanten Versorgung leben wir das seit Jahren – mit CGM, AID-Systemen und datenbasierter Therapieentscheidung. Im stationären Setting ist die Umsetzung jedoch deutlich herausfordernder, obwohl das Potenzial hier enorm ist. Genau diese Diskrepanz war ein wesentlicher Antrieb für den GluCode-Hackathon.
Sie engagieren sich auf vielen Ebenen für die digitale Weiterentwicklung der Diabetesversorgung. Wie fügt sich der GluCode-Hackathon in dieses Gesamtbild ein? Wir arbeiten parallel auf unterschiedlichen Ebenen: strategisch in der Kommission Digitalisierung der DDG und im Verbund der Diabeteskliniken BVKD, Lutz Heinemann zusammen mit Johan Jendle auf europäischer Ebene in der EDDIG – der European Diabetes Data Integration Group, und ganz konkret als Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am HDZ NRW in wissenschaftlichen Projekten mit vielen anderen Partnern. Gleichzeitig erreichen uns viele Anfragen aus anderen Häusern, die ähnliche Herausforderungen haben. Wir schätzen diesen Austausch sehr – aber es gibt einen natürlichen Flaschenhals beim Transfer von klinischer Anforderung in die IT und konkreter Umsetzung in das KIS. Genau hier setzt der GluCode-Hackathon an.
Warum ist die diatec aus Ihrer Sicht der ideale Ort für dieses Format? Die diatec bringt bereits das zusammen, was wir brauchen: engagierte Diabetesteams aus ganz Deutschland. Unsere Idee war es, diesen Rahmen konsequent weiterzudenken und die diatec als Workspace zu nutzen – ergänzt um IT-Expert:innen und Controlling. So entsteht ein Raum, in dem klinikübergreifend und interprofessionell konkrete Lösungen konzentriert an einem Stück erarbeitet werden können. Nicht theoretisch, sondern praxisnah und sofort nutzbar. Der GluCode-Hackathon ist damit nicht nur ein Projekt, sondern auch ein neuer methodischer Ansatz, wie Digitalisierung im Krankenhaus realistisch vorangebracht werden kann.

Lars Jording, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen

Herr Jording, Sie bringen umfassende IT-Expertise aus einem hochspezialisierten Diabeteszentrum ein. Wo lagen aus Ihrer Sicht die größten digitalen Hürden bei der multimodalen Diabetes-Komplexbehandlung? Neben der Technik an sich ist die größte Herausforderung die fehlende Struktur im klinischen Alltag. Die multimodale Komplexbehandlung ist fachlich klar definiert, wird aber im KIS häufig über zahlreiche Einzeldokumente, Freitexte und papierbasierte Bögen abgebildet. Aus IT-Sicht bedeutet das: keine eindeutige Datenstruktur, keine Prozesssicherheit und kaum Möglichkeiten zur Automatisierung. Unser Ziel war es daher, im GluCode-Hackathon gemeinsam diese Komplexität systematisch in eine digitale Struktur zu übersetzen.
Was unterscheidet den Hackathon methodisch von klassischen IT-Projekten im Krankenhaus? Im normalen Klinikbetrieb fehlen uns schlicht die Zeitfenster, in denen IT, Diabetologie und Controlling gemeinsam und konzentriert an einem Problem arbeiten können. Der Hackathon schafft genau diesen Raum. Wir konnten kontinuierlich kommunizieren, Anforderungen direkt klären, Lösungen unmittelbar testen und iterativ verbessern. Das beschleunigt Prozesse enorm und führt zu Lösungen, die nicht nur technisch funktionieren, sondern auch im klinischen Alltag bestehen.

PD Dr. med. Dominik Bergis, Diabetes Zentrum Bad Mergentheim

Herr Dr. Bergis, aus Sicht einer Klinikleitung: Warum ist die strukturierte Dokumentation der multimodalen Diabetes-Komplexbehandlung aktuell so relevant? Weil sie die Voraussetzung dafür ist, dass unsere Leistung überhaupt sichtbar wird, und warum wir im Alltag so viel Energie mit Doppeldokumentation und Suche relevanter Informationen einsetzen. Die DDG und der BVDK haben zu Recht dazu aufgerufen, die multimodale Komplexbehandlung konsequent zu kodieren. Gerade im Kontext von KHVVG und KHAG entscheidet eine saubere, strukturierte Dokumentation darüber, ob diabetologische Expertise in zukünftigen Versorgungsstrukturen berücksichtigt wird oder nicht. Ohne valide Daten verlieren wir nicht nur Erlöse, sondern perspektivisch auch Gestaltungsspielräume für unser Fach. Vergessen wir nicht unsere Ausgangsbasis, in Bad Mergentheim haben wir beispielsweise fünf unterschiedliche Papierdokumente für diese Dokumentation genutzt.
Welche Rolle spielt der GluCode-Hackathon in diesem Zusammenhang? Der Hackathon hat einen sehr pragmatischen Ansatz gewählt. Statt abstrakter Digitalstrategien ging es darum, konkrete KIS-Prozesse so zu gestalten, dass die Dokumentation der Komplexbehandlung vollständig, korrekt und möglichst automatisiert erfolgt. Das entlastet das Personal und verbessert gleichzeitig die Kodierfähigkeit. Für Kliniken ist das ein entscheidender Schritt, um Qualität, Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit miteinander zu verbinden.


Autoren:
Susanne Reger-Tan und Lutz Heinemann für das Hackathon-Team diatec 2026


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (1) Seite 24-27