Die diatec 2026 zeigte eindrucksvoll, wie schnell Diabetestechnologie voranschreitet – und gleichzeitig, wo strukturelle Grenzen den Fortschritt bremsen. Es wurde klar: Zukunftsvision und Versorgungsrealität klaffen noch weit auseinander.
Wer die diatec regelmäßig besucht, weiß, worauf man sich einstellen kann: News zu neuen Diabetestechnologien, Tipps für die Optimierung von AID-Algorithmen und die alltägliche Anwendung dieser, Fortschritte in der (digitalisierten) Versorgung von Menschen mit Diabetes sowie ein Potpourri spannender technikbezogener Seminarthemen. Gleichzeitig wurde aber auch in diesem Jahr wieder deutlich, dass all diese Entwicklungen sich in einem klaren Spannungsfeld bewegen. Der technologische Fortschritt mag rasant sein und zeichnet eine digitalisierte, KI-gestützte und interprofessionell vernetzte Zukunftsvision der Diabetologie. Doch die Umsetzung scheitert teilweise an strukturellen Rahmenbedingungen. Für eine nachhaltige Versorgungssicherheit braucht es auch politische Reformen.
Symposien und Seminare
Die Industrie-Symposien, mit welchen die diatec am Donnerstagnachmittag startete, unterstrichen den hohen Reifegrad moderner AID-Systeme und deren zunehmende Praxisrelevanz, wenngleich Fully-Closed-Loop- und Bi-Hormonelle-Systeme weiterhin noch in der Entwicklung stecken. Der anschließend vorgestellte dt-Report 2025 bestätigt, dass eine steigende Technologiekompetenz von Menschen mit Diabetes wahrzunehmen ist – Alter sei kein limitierender Faktor. Diabetestechnologie führe jedoch auch zu einer zeitlichen Mehrbelastung sowohl für Menschen mit Diabetes wie auch für Diabetesteams. Hier gebe es systemische Hürden wie eine unzureichende Kostenerstattung, fehlende personelle Ressourcen sowie Defizite in Aus- und Fortbildung, welche thematisch auch in der Podiumsdiskussion am Donnerstagabend aufgegriffen wurden.
Die diesjährige diatec behandelte schwerpunktmäßig das Thema Interoperabilität. Mit diesem und weiteren Themen wie Digitalisierung und KI als Zukunftstreiber ging es am diatec-Freitag weiter. Konkret ging es um die Integration digitaler Systeme in Praxisabläufe, interoperable Datenflüsse, KI-gestützte Entscheidungshilfen sowie ein optimiertes Prompting zur effektiven Nutzung von KI – eingebettet in persönliche Anekdoten, welche die Machbarkeit in Praxis und Klinik bestätigen. Und auch hier wurde noch einmal deutlich, dass Digitalisierung weniger eine Altersfrage, sondern mehr eine Frage der Haltung sei.
Die Seminarthemen waren auch in diesem Jahr wieder sehr vielfältig. Es war sowohl für Technologie-Neulinge sowie auch Erfahrene etwas dabei; auch ging es um Fully-Closed-Loop-Systeme und die TING (Time in normal glucose/normoglycemia). Und auch in den Seminaren wurden Themen wie KI, Apps (DIGAs) und das digitale DMP noch einmal aufgegriffen. "Dauerbrenner" wie körperliche Aktivität und Ernährung im Kontext von Diabetestechnologie waren vertreten sowie die Themen Schwangerschaft und Hautprobleme.
Industrieausstellung: Was haben Firmen in der Pipeline?
Abbott AG entwickle aktuell einen dualen Glukose-Keton-Sensor. Es könne noch dieses Jahr eine Einführung in den deutschen Markt erwartet werden. Der Sensor solle, was die Größe betrifft, etwas länger sein als der bekannte FreeStyle Libre 3-Sensor. Das Vorhaben wurde einerseits in Symposien sehr begrüßt. So werde die Ketonmessung seitens Patient:innen häufig vernachlässigt. Spreche man das Thema in Beratung oder Schulung an, so stelle sich oft heraus, dass die erforderlichen Hilfsmittel zur Messung nicht vorhanden oder abgelaufen seien. Andererseits wurde gewarnt, die kontinuierliche Ketonmessung dürfe Patient:innen auch nicht überfordern. Sinnvoll könne z.B. eine Meldung bei Überschreiten von Grenzwerten sein, nicht aber eine dauerhafte Anzeige des aktuellen Wertes bzw. Verlaufes.
Kurz nach der diatec gab es eine Meldung von DiaExpert. Aufgrund eines Rechtsstreites zwischen Abbott AG und dem Lieferanten des DiaExpert-Sensors gebe es mindestens vorübergehend eine gerichtlich angeordnete Verkaufssperre.
Dexcom, Inc hat kurz nach der diatec 2026 offiziell und über den Außendienst verkündet, dass bald der Dexcom Flex-Sensor angeboten werde. Hierbei handelt es sich um ein System für Selbstzahler, welches preislich etwas günstiger als der bisherige Sensor Dexcom G7 sei. Rein äußerlich seien die Systeme bis auf den abgebildeten Namen und die Verpackung identisch, die Software weiche gering ab. Bereits Ende 2025 wurde verkündet, dass der Sensor Dexcom G6 schrittweise vom Markt genommen wird. Patient:innen, die aufgrund ihres AID-Systems jedoch auf Dexcom G6 angewiesen sind, würden auch weiterhin versorgt. Gleichzeitig entsteht durch diesen Schritt Druck auf andere Firmen bzw. Anbieter von Algorithmen wie DBLG1 und CamAPS FX.
Der Glukosesensor Eversense® 365° hat kurz nach der diatec seine CE-Kennzeichnung erhalten. Der Vertrieb werde noch bis Mai 2026 über Ascensia Diabetes Care Deutschland GmbH laufen, anschließend vertreibe Senseonics, Inc, der Hersteller des Eversense®, diesen dann selbst und baue aktuell einen Außendienst auf. Ascensia verlasse – anders als einige Gerüchte behaupten – deshalb jedoch nicht den deutschen Markt. Die Firma bliebe weiter bestehen und habe sogar neue Produkte in Vorbereitung.
Insulet Corporation kann aktuell für Deutschland noch keine offiziellen Pläne und konkrete Daten verkünden. Es werde jedoch erwartet, dass die Integration der Daten aus FreeStyle Libre 3 in Omnipod® 5 ermöglicht wird. Und auch eine App als optionalen Ersatz für das Handheld sei weiter im Gespräch. Voraussichtlich 2027 werde die Markteinführung von Omnipod® 6 mit einem verbesserten Algorithmus stattfinden, vermutlich aber noch nicht für Deutschland.
Medtronic GmbH verkündete die Abspaltung des Diabetesbereiches unter dem bereits bekannten Namen MinimedTM. Dies sei bereits seit Juni 2025 bekannt und werde zu März 2026 umgesetzt. Die Einführung einer schlauchlosen Pumpe sei weiterhin in Planung.
Roche Diabetes Care Deutschland GmbH zufolge bestehe aktuell noch keine Kompatibilität des Glukosesensors Accu-ChekTM SmartGuideTM mit AID-Systemen. Dies sei in Vorbereitung, aber noch nicht "spruchreif". Auch seien einige Updates für das System in Vorbereitung, über welche noch keine offiziellen Aussagen getätigt werden können.
ViCentra bestätigt, dass durch die Marktrücknahme von Dexcom G6 der Druck gestiegen sei, das AID-System Kaleido bzw. den Diabeloop-Algorithmus anzupassen, um die Integration der Daten aus Dexcom G7 zu ermöglichen. Ein konkreter Zeitpunkt für das Update von DBLG1 auf DBLG2 sei jedoch noch nicht bekannt. Bereits bekannt war, dass zukünftig auch die Pumpe ein Upgrade erhalten soll. Die Kaleido 2 solle noch etwas schlanker sein als das aktuelle Modell. Es würden für Kaleido 2 weniger Farben zur Verfügung stehen, man müsse jedoch nicht mehr aus den vorgegebenen Kombinationen wählen, sondern könne sich diese selbst zusammenstellen.
VitalAire bestätigte noch einmal, dass es eine App geben werde, um das AID-System Tandem® t:slim X mit Control IQTM steuern zu können. Ein konkreter Zeitpunkt der Einführung sei noch nicht bekannt.
Ypsomed arbeite ebenfalls an der Integration der Daten aus Dexcom G7 in den Algorithmus CamAPS FX. Gleichzeitig wurde auch angekündigt, dass eine Kompatibilität mit dem neuen dualen Glukose-Keton-Sensor von Abbott hergestellt werden solle.
Firma BOYDSense, Inc. ist bei der Entwicklung eines Messgerätes zur Bestimmung des Glukosegehaltes auf Basis von Metaboliten in der Atemluft nun einen Schritt weiter als noch im vergangenen Jahr und konnte bereits ein exemplarisches Gerät vorstellen. Nun müsse das System noch durch klinische Studien getestet werden. Frühe Untersuchungen hätten bereits eine gute Messgenauigkeit sowie Akzeptanz bei Anwender:innen gezeigt.
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Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (2) Seite 26-28
