Die strukturierte Diabetesschulung stellt einen zentralen Bestandteil der Disease-Management-Programme (DMP) in Deutschland dar. Die Teilnahme an einer Diabetesschulung soll Menschen mit Diabetes befähigen, ihre Erkrankung eigenverantwortlich und kompetent zu managen.

Die Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) für Typ-2-Diabetes betonen die Notwendigkeit, allen Betroffenen strukturierte, evaluierte sowie zielgruppen- und themenspezifische Schulungs- und Behandlungsprogramme anzubieten. Diese gelten als unverzichtbar für eine leitliniengerechte Diabetesversorgung.

Trotz der hohen gesundheitspolitischen Relevanz bestehen jedoch deutliche Diskrepanzen zwischen dem Anspruch an die Diabetesschulung und deren praktischer Umsetzung. Vor diesem Hintergrund wurde eine bundesländerübergreifende Befragung von Diabetesfachkräften durchgeführt, um aktuelle Einblicke in die Schulungspraxis, wahrgenommene Herausforderungen und zukünftige Entwicklungsperspektiven zu gewinnen. Die Auswertung von 70 Rückmeldungen erlaubt eine Einschätzung bestehender Strukturen und verdeutlichen, wo Handlungsbedarfe in der Praxis bestehen.

Methodik und Durchführung der Befragung

Die Erhebung erfolgte anonym und praxisorientiert im Oktober und November 2025 unter 70 Diabetesassistent*innen und Diabetesberater*innen DDG mittels des digitalen Interaktionstools Mentimeter. Ziel war es, einen aktuellen Überblick über Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einschätzungen zur Diabetesschulung im Versorgungskontext zu erhalten.

Es handelte sich dabei bewusst um eine zunächst explorative Feldanalyse und nicht um eine standardisierte wissenschaftliche Untersuchung. Die Ergebnisse liefern daher vor allem qualitative Impulse, die zur Reflexion bestehender Versorgungsstrukturen beitragen und zukünftige Entwicklungsperspektiven sichtbar machen.

Die Fragestellungen umfassten die Bereiche:

  • Rahmenbedingungen der Schulungstätigkeit (zeitlich, räumlich, personell)
  • Einschätzung der Schulungsfrequenz und -durchführung
  • Herausforderungen in der Patientenschulung
  • Einstellung der Diabetesfachkräfte zu digitalen Schulungsformaten
  • Zukunftsperspektiven im Hinblick auf Organisation, Inhalte und Unterstützung

Wahrgenommene aktuelle Situation der Schulung

Die Befragten bewerten die gegenwärtige Schulungssituation als fachlich essenziell, jedoch zunehmend durch strukturelle Belastungen stark eingeschränkt. Besonders häufig wurden folgende Hindernisse benannt:

  • Zeitmangel
  • Personalknappheit
  • unzureichende räumliche Ressourcen

Zudem bestehen erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Einrichtungen: Während manche Praxen und Zentren regelmäßig strukturierte Schulungen anbieten können, sind diese in anderen Versorgungssettings kaum noch realisierbar. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass organisatorische und ökonomische Rahmenbedingungen maßgeblich über die Durchführbarkeit entscheiden.

Beobachtungen der Diabetesfachkräfte in Hinblick auf Menschen mit Diabetes

Die Befragten berichteten von einer hohen Heterogenität in Bezug auf Schulungsbereitschaft und Gesundheitskompetenz der Patient*innen:

  • Ein Teil der Betroffenen zeigt großes Interesse und profitiert deutlich von Schulungsangeboten.
  • Andere Zielgruppen sind schwer erreichbar oder lehnen Angebote ab, z. B. aufgrund fehlender Motivation, beruflicher Belastungen oder mangelnder zeitlicher und/oder räumlicher Angebotsflexibilität.
  • Besonders herausfordernd werden Patient*innen mit Sprachbarrieren oder psychosozialen Belastungen empfunden – oftmals diejenigen mit dem größten Unterstützungsbedarf. Mehrfach wird betont, dass gerade diese Patient*innen häufig nicht an strukturierten Schulungen teilnehmen.

Einschätzung digitaler Schulungsformate

Die Einstellung gegenüber digitalen Schulungsformaten ist grundsätzlich positiv, jedoch von Zurückhaltung geprägt. Die Befragten sehen in Videoschulungen ein relevantes Ergänzungsangebot, um bislang unversorgte oder schwer erreichbare Patientengruppen einzubeziehen. Gleichzeitig wird betont, dass digitale Formate die persönliche Interaktion und gruppendynamischen Lerneffekte nicht ersetzen können.

Als potenziell zukunftsweisend werden hybride Modelle eingeschätzt, die Präsenz- und Online-Elemente kombinieren und durch qualifizierte Fachpersonen begleitet werden. Ein häufig genannter Wunsch ist die Entwicklung überregionaler, standardisierter digitaler Schulungsangebote mit Rückkopplung und Durchführung über die behandelnden Praxen.

Perspektiven und Entwicklungsbedarf

Die Befragung zeigt einen breiten Konsens über den Bedarf, die Diabetesschulung strukturell zu stärken.

Besonders gefordert werden:

  • eine verlässliche personelle und finanzielle Ausstattung
  • vereinfachte organisatorische Abläufe
  • gezielte Fortbildungsangebote für Schulungspersonal
  • eine bessere Vernetzung zwischen den beteiligten Berufsgruppen

Die Diabetesschulung wird von den Befragten als zentrale, jedoch im Versorgungssystem bislang unzureichend verankerte Säule verstanden. Gleichzeitig besteht der Wunsch, die Schulung stärker in digitale Versorgungsstrukturen zu integrieren, ohne deren persönliche und pädagogische Qualität zu gefährden.

Die Auswertung der Befragung zeigt, dass die Diabetesschulung trotz ihres hohen Stellenwerts in der Versorgungspraxis häufig unter strukturellen, organisatorischen und personellen Bedingungen leidet. Besonders deutlich wird, dass sich die tatsächlichen Schulungsangebote nicht immer an den individuellen Bedarfen der Patientinnen und Patienten orientieren, sondern stark von den Rahmenbedingungen der Einrichtungen abhängen.

Die Ergebnisse verdeutlichen auch, dass der Erfolg von Diabetesschulungen nicht nur von deren inhaltlicher Qualität abhängt, sondern ebenso stark von der Einbindung in den Versorgungsalltag. Die Diskrepanz zwischen hoher professioneller Identifikation und begrenzten zeitlichen sowie personellen Ressourcen prägt die aktuelle Situation.

Zusammenfassend ergibt sich aus der Befragung das Bild einer hohen professionellen Identifikation bei gleichzeitig reduzierten Schulungskapazitäten, gerade im Hinblick auf personelle und zeitliche Ressourcen. Die Teilnehmenden der Befragung beschreiben die Schulung als unverzichtbar für das Selbstmanagement von Menschen mit Diabetes, sehen ihre Umsetzung jedoch zwischen Ideal und Realität herausfordernd.

Neue, flexible Schulungsformen werden als Chance betrachtet, bestehende Angebote zu entlasten und zu erweitern – vorausgesetzt, sie bleiben qualitätsgesichert und fachlich begleitet.

Fazit

Digitale Formate bieten ein bedeutendes Potenzial zur Erweiterung und Entlastung bestehender Schulungsangebote, sofern sie qualitätsgesichert, interdisziplinär eingebettet und durch Fachpersonal begleitet umgesetzt werden.

Eine zukunftsfähige Schulungslandschaft erfordert daher eine enge Verzahnung von Präsenz- und digitalen Angeboten sowie eine Erweiterung der Formate der Schulungsprogramme im Hinblick auf Umfang und (speziell vulnerablen) Zielgruppen.

Bereits mit explorativer Methodik lassen sich aus den Rückmeldungen klare Trends ableiten, die wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung der ambulanten Diabetesschulung liefern.

Auf Basis der vorliegenden Ergebnisse ist im nächsten Schritt eine methodisch vertiefte, inhaltlich erweiterte Erhebung repräsentativer Daten mit erweiterter Stichprobe geplant, um die gewonnenen Erkenntnisse weiter zu präzisieren und zu validieren.

Dieser Beitrag versteht sich als Impulsgeber, der eine erste Grundlage für fachlichen Diskurs, interprofessionellen Austausch und die gemeinsame Weiterentwicklung der diabetologischen Versorgungs- und Schulungspraxis.

Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt zum Thema des Beitrags besteht.


→Literatur
Deml A, et al. Update Diabetesedukation DDG: Diabetescoach DDG & Kooperation LÄK Thüringen & DDG – Update für den QSW. Geschäftsbericht DDG 2025
Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2025. Die Bestandsaufnahme
Diabetologie und Stoffwechsel 2024; 19: S186–S202. DOI: 10.1055/a-2312-0315
Therapie des Typ-2-Diabetes – DDG-Praxisempfehlung

Autorin:
© Angelika Deml
Angelika Deml
Bildungsreferentin für den Fachbereich Diabetes mellitus und weitere chronische Erkrankungen an der Katholischen Akademie für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen in Regensburg, Ostengasse 27, 93047 Regensburg.
Mitglied im Ausschuss Qualitätssicherung, Schulung & Weiterbildung (QSW) der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG)


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 34-36