Dr. Thomas Werner hat mit Christian Haupt , Orthopädie-Techniker-Meister in Entwicklungswerkstatt der Firma ottobock., über den Versorgungsverlauf nach einer Amputation gesprochen.

Trotz medizinischer Fortschritte in der Behandlung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom sind Amputationen nicht immer vermeidbar. Auch Majoramputationen oberhalb des Sprunggelenkes sind weiterhin notwendig. Im Anschluss daran ist eine fachgerechte orthopädie-technische Versorgung notwenig. Zur Wiedererlangung der Mobilität müssen Beinprothesen angefertigt werden. Je nach Aktivität des Patienten sind sehr unterschiedliche Modelle verfügbar.

Bei einem Besuch in der Entwicklungswerkstatt der Firma "ottobock." informierte sich Dr. Werner über die neuesten Entwicklungen. Das dabei mit dem Orthopädie-Techniker Meister Christian Haupt geführte Interview gibt einen Einblick über den Versorgungsablauf nach einer Amputation.

Dr. med. Thomas Werner, Dr. med. Johannes Huber

Wie kommt ein Patient zu Ihnen?

Christian Haupt: Unsere Patienten kommen auf verschiedenen Wegen zu uns. Häufig gehen wir direkt nach der Amputation in die versorgende Klinik. Dort haben wir ebenfalls eine Sprechstunde in der orthopädischen Uniklinik Göttingen für Prothesenpatienten, in der wir in einem interdisziplinären Team von Ärzten, Technikern und Therapeuten Patientenversorgungen gemeinsam betrachten, beraten und durchführen. Manchmal sind die Patienten bereits versorgt und kommen mit einer Prothese zu uns und haben uns über unsere Internetseite gefunden.

Kann sich der Patient seinen Techniker selbst aussuchen?

Haupt: Ja, wir haben mehrere Techniker, die sich auf verschiedene Versorgungsarten spezialisiert haben. Neben der fachlichen Spezialisierung muss auch das persönliche Verhältnis zwischen Patient und Techniker zu einer vertrauensvollen Versorgung passen. Das ist wichtig.

Wann startet die Versorgung?

Haupt: Für uns beginnt die Prothesenversorgung, falls möglich, vor der Amputation, wo wir den Patienten schon einmal über den Verlauf aufklären und motivieren können. Direkt nach der Amputation sind wir von der Heilung abhängig. Je schneller der Stumpf belastungsfähig ist, desto eher können wir mit unserer Arbeit beginnen. In der Regel nach ca. drei Wochen.

Wie geht es dann weiter?

Haupt: Allgemein teilt sich die Prothesenversorgung in zwei Abschnitte auf. Der erste Abschnitt ist die Interimsphase. Hier bekommt der Patient eine Prothese, welche sich noch auf die sich verändernde Form des Stumpfes anpassen lässt. Dies ist jetzt besonders wichtig, weil in dieser Phase der Stumpf seine endgültige Form entwickelt. Die Interimsphase kann man auch als Trainingsphase sehen, welche ungefähr nach 6 Monaten endet. Hier startet dann die 2. Phase, die Definitivphase, mit der endgültigen Versorgung.

Ist das Tragen einer Prothese denn überhaupt so wichtig?

Haupt: Durch das Tragen der Prothese kann der Patient wieder aktiv am Leben teilnehmen. Seine Mobilität bestmöglich wieder herzustellen ist dabei eines der wichtigsten Ziele.

Wer entscheidet über die Auswahl der Prothesenpassteile vom Patienten?

Haupt: Der Arzt entscheidet über die Notwendigkeit der Versorgung. Techniker, Patient und Krankenkasse entscheiden dann schlussendlich über die endgültige Konfiguration der unterschiedlichen Passteile. Um zur besten Lösung für den Patienten zu gelangen, stehen uns viele individuelle Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung. Vom Prothesenfuß bis zum Schaftsystem ist uns die Meinung unserer Patienten immer sehr wichtig.

Wer übt mit den Patienten das Laufen mit Prothese?

Haupt: Die ersten Schritte erfolgen direkt mit dem Techniker. Dieser stellt dann die Prothese genau auf den Patienten ein, sodass es zu keinen Druckstellen oder Fehlbelastungen kommt. Im Anschluss folgt das Prothesentraining mit dem Physiotherapeuten.

Wie kosmetisch kann eine Prothese sein?

Haupt: Die Ansprüche sind ganz unterschiedlich. Wir geben uns hier viel Mühe auf die individuellen Wünsche jedes Patienten einzu-
gehen.

Die neuen Technologien bei Prothesen bekommen bestimmt nur jüngere Patienten, oder?

Haupt: Neue Technologien haben mit dem Alter nichts zu tun. Wir haben die Möglichkeit mit neuen Technologien gerade auch für die ältere Generation ein großes Maß an Sicherheit zurückgeben zu können.

Woran kann der Patient eigentlich erkennen, dass er die bestmögliche Versorgung bekommen hat?

Werner: Das ist eine gute Frage! Wichtig für jeden Patienten ist, dass er in einem routiniertem und professionellem Team versorgt wird. Wir überprüfen die Qualität der Versorgung und die Zufriedenheit des Patienten mit unserem "Outcome Mesurement System". Hier wird der Patient zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Versorgungsablaufes befragt und vermessen. Somit können wir gemeinsam mit dem Patienten den Versorgungserfolg sichtbar machen.

Aus welchem Material besteht so eine Prothese überhaupt?

Haupt: Es sind tatsächlich viele Materialien, aus denen sich so eine Prothese zusammensetzt. Wir haben es hier unter anderem mit Kunststoff, Titan, Karbonfaser und Silikon zu tun.

Könnte ich die Prothese auch online bestellen?

Haupt: Das wäre sehr schön, wenn das möglich wäre. Doch das geht aufgrund der individuell anzupassenden Formen nicht. Zum Vergleich ziehe ich mal den Zahnersatz hinzu. Hier brauche ich auch einen genauen Abdruck vom Patienten, sodass die Passform später zu keinen Druckstellen führt und angenehm zu tragen ist. Ich bin gespannt, was in Zukunft aber noch möglich sein wird.

Mit Christian Haupt von "ottobock." hat Dr. Thomas Werner, Chefarzt des Diabeteszentrums Bad Lauterberg, gesprochen.



Interview: Dr. Thomas Werner
Chefarzt des Diabeteszentrums Bad Lauterberg

Erschienen in: Diabetes-Forum, 2018; 5 (5) Seite 46-48