Zwischen Forschung und Raubverlagen: Wie E-Mail-Spam, Scheinjournale und KI das Vertrauen in diabetologische Fachpublikationen gefährden.
In den letzten Jahren gibt es zunehmend englischsprachige E-Mails, die einen auffordern, bitte möglichst umgehend Manuskripte bei diesem oder jenen "Diabetes-Journal" zur Publikation einzureichen, die dann angeblich dort umgehend publiziert werden. Die meisten dieser E-Mails sind sichtlich Massen-E-Mails, viele sind allerdings beachtlich persönlich und spezifisch, z. B. durch Bezug auf eigene frühere Publikationen. Dazu kommen diverse weitere E-Mails mit vergleichbarem Inhalt, allerdings für Journals mit völlig nicht-diabetologischen Schwerpunkten.
Neben dem Zumüllen des E-Mail-Accounts fragt man sich, wer treibt hier warum so viel Aufwand? Die seriösen Verlage, die anerkannte diabetologische Fachzeitschriften publizieren, sind es jedenfalls nicht. Die hinter den E-Mails steckenden Verlage, wobei dieser Begriff vermutlich in vielen Fällen nicht wirklich passend ist, werden diesen Aufwand nur betreiben, weil es anscheinend ökonomisch attraktiv ist, "Fachzeitschriften" zu diversen Themen zu publizieren.
Quasi parallel dazu gibt es ständig E-Mails mit Einladungen zur Teilnahme an "Diabetes-Kongressen". Auch hier muss es ein attraktives Businessmodell geben, damit es sich lohnt solche Kongresse zu organisieren. In Anbetracht des Aufwandes, der mit der Teilnahme an einem Kongress verbunden ist, fragt man sich, nehmen wirklich Kollegen an diesen Kongressen in mehr oder weniger attraktiven Tagungsorten teil oder nicht? Sind diese nur "Fake"?
Anzahl von medizinischen Fachzeitschriften insgesamt
Dabei ist die Anzahl von medizinischen Fachzeitschriften in den letzten 20 Jahren "explodiert", es gibt Angaben von aktuell wohl 28.000 Zeitschriften, die mehr als 1,8 Millionen Artikel pro Jahr publizieren [1-3]. Anscheinend gilt dies auch für den Diabetes-Bereich, wobei eine Suche im Internet – wo es ja sonst Antworten auf alle Fragen gibt – keine konkreten Zahlen für die Gesamtanzahl von Diabetes-Journalen ergab. Wobei sich die Frage ergibt, wie viele diabetologische "Fachzeitschriften" gibt es?
Wie viele Diabetes-Journale gibt es?
Wenn man bei PubMed, als einer etablierten und anerkannten Quelle für medizinische Fachartikel, bei der Journalliste das Wort "Diabetes" als Suchkriterium eingibt bzw. gezielt spezielle Diabetes-Journale sucht, dann führt dies zu 42 Hits. Dabei wird durch diese Art der Erfassung vermutlich keine Vollständigkeit erreicht. Insbesondere werden so Diabetes-Journals übersehen, die in anderen Sprachen als Englisch publiziert werden (https://www.gfmer.ch/Medical_journals/Diabetes.htm). Da es davon diverse gibt, ist die Beantwortung der gestellten Frage vermutlich nicht wirklich möglich. Bei einer Begrenzung auf englischsprachige Zeitschriften, wird es vermutlich 100–200 solcher Fachzeitschriften geben. Die Anzahl aller Diabetes-Journals in den diversen Landessprachen wird wesentlich höher sein, vermutlich um mindestens eine Nullstelle.
Wie viele deutschsprachige Diabetes-Journale gibt es?
Bei der angesprochenen Auflistung ist keine einzige deutschsprachige Diabetes-Zeitschrift dabei! Google liefert als Antwort auf die Frage, welche deutschen medizinischen Fachzeitschriften das Wort "Diabetes" im Titel führen: "Eine genaue Anzahl zu nennen ist schwierig, da dies von der Definition von "medizinischer Fachzeitschrift" und der genauen Berücksichtigung von Zeitschriften mit ähnlichen Titeln abhängt."
Was kennzeichnet eine "Fachzeitschrift"?
Eine wirklich trennscharfe Antwort auf die Frage, was eine medizinische Fachzeitschrift kennzeichnet, gibt es wohl nicht. Die Listung einer Fachzeitschrift (= Journals) in einer Datenbank für medizinische Fachzeitschriften (z. B. in PubMed, s. o.) kann als Anhalt in dieser Richtung angesehen werden. Schaut man bei den Journalen nach, die die oben angesprochenen E-Mails versandt haben (s. o.), dann ist dies bei vielen eben nicht der Fall.
Werden Diabetes-Fachzeitschriften noch gedruckt?
Heutzutage sind medizinische Fachzeitschriften üblicherweise online verfügbar (vielfach auch als Open Access), entweder über die Verlagswebsites oder über Datenbanken wie Google Scholar. Gedruckt werden diese Fachzeitschriften wohl nur noch in wenigen Fällen, sie erscheinen in elektronischer Form (als PDFs), auch, um die hohen Druckkosten zu vermeiden.
Wie finanzieren sich diese Fachzeitschriften?
Die Finanzierung erfolgt vermutlich durch verschiedene Quellen, wie Anzeigen von einschlägigen Herstellern, Abonnements, Mitgliedsbeiträge und Lizenzgebühren. Allerdings sind Bibliotheken ausgesprochen zurückhaltend dabei, die hohen Jahresgebühren für Fachzeitschriften zu bezahlen ("Subskriptionskosten"). Die Hersteller von Pharma- oder Medizinprodukten werden Anzeigen in Fachzeitschriften allerdings nur "schalten", wenn sie sich davon ein Erreichen ihres Zielpublikums versprechen. Eine naheliegende Einnahmequelle stellt eine Gebühr für die Publikation dar (einige Hundert Dollar pro "Druckseite"), der Autor zahlt dafür, sein Manuskript in gedruckter Form zu sehen (s. u.).
Predatory-Journals
Wie in vielen anderen Bereichen der digitalen Welt auch, gibt es bei wissenschaftlichen Publikationen wohl nun "Verlage", die eindeutig eine Betrugsmasche darstellen. Die Autoren werden getäuscht, d. h. sie Zahlen (beachtliche) Veröffentlichungsgebühren, ohne dafür eine legitime Begutachtung, redaktionelle Bearbeitung und eine reale Publikation zu liefern. Diese betrügerische Praxis untergräbt massiv die Integrität der wissenschaftlichen Kommunikation und kann Forschern und den zugehörigen Institutionen schaden. Merkmale solcher "Raubzeitschriften" sind:
- Sie nehmen eingereichte Manuskripte nur gegen eine Gebühr an,
- Fehlendes Peer-Review,
- Aggressive Marketingtaktiken, d.h. sie werben aktiv um Beiträge (s.o.), oft durch Spam-E-Mails,
- Unklare oder irreführende Informationen über ihre redaktionellen Prozesse, Urheberrechtsrichtlinien und Archivierungspraktiken,
- Behaupten, in renommierten Datenbanken indexiert zu sein oder rühmen sich mit hohen Impact-Faktoren.
Eine Liste mit solchen Zeitschriften (Bealls Liste; https://beallslist.net/) wird nicht mehr gepflegt, liefert aber Hinweise zur Identifizierung potenzieller Raubverlage. Durch Überprüfen der Indexierung in renommierten Datenbanken (wie PubMed, Scopus oder Web of Science) können entsprechende Behauptungen dieser Verlage verifiziert werden.
Qualität der Fachzeitschriften
Die Frage ist, wie ist die Qualität der diversen diabetologischen Fachzeitschriften? Wer jemals unmittelbar in den gesamten Publikationsprozess bei einer anerkannten Fachzeitschrift involviert war, der kennt den erheblichen Aufwand, der mit jedem einzelnen Manuskript verbunden ist [5]. Von dem teilweise recht komplexen Einreichungsprozess eines Manuscriptes durch den Autor bei der Webpage des Journals (oder eine der verschiedenen "Manuskript Central"-Softwareprogramme), bis zu dem Zeitpunkt, zu dem solch ein Paper in finaler Form als PDF oder wirklich gedruckt vorliegt, können diverse Monate vergehen. Klar ist, die Versprechen der oben angesprochenen "Fachzeitschriften", ein eingereichtes Manuscript innerhalb von einigen Tagen (!) zu publizieren, sind mit dem konventionellen Publikationsprozedere auf keinen Fall haltbar. Mit anderen Worten, die Qualität von Publikationen in solchen Zeitschriften muss ausgesprochen kritisch betrachtet werden.
Erstellen von Manuskripten durch Künstliche Intelligenz
Ein erhebliches Problem stellen Manuskripte dar, die durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden. Einerseits ist es beachtlich, wie nach Eingabe von eher wenigen Begriffen und Gedanken eine KI in kürzester Zeit ein "Manuskript" generiert, welches sich erstaunlich gut und sinnig liest. Die KI ermöglicht die Generierung von diversen Manuskripten durch einen einzelnen "Autor" an einem Tag. Dies erklärt vermutlich auch, warum in den letzten Jahren medizinische Journale signifikant mehr Manuskript-Einreichungen aus Ländern im Nahen und Fernen Osten erhalten haben.
Andererseits generiert eine KI nur "Reviews" von schon publizierten Manuskripten. Diese enthalten keine kreativen neuen Gedanken. Das rasche Auffinden von relevanter Literatur und eine gewisse Zusammenstellung/Aufbereitung der darin enthaltenen Informationen durch eine KI kann aber – bei einem kritischen Umgang – die Erstellung von Manuscripten deutlich beschleunigen und sinnvoll unterstützen. Bedingt durch die ausgesprochen rasante Weiterentwicklung von KI wird sich dieses ganze Thema vermutlich in den nächsten Jahren noch massiv weiterentwickeln und einen anderen Umgang verlangen. Es ist kein einfaches Unterfangen, sicherzustellen, dass bei der Erstellung eines eingereichten Manuskriptes keine KI verwendet wurde. Die Aufforderung an die Autoren bei der Einreichung zu bestätigen, dass das jeweilige Manuskript nicht durch eine KI generiert wurde, muss als nicht ausreichend trennscharf betrachtet werden. Es gibt zwar Softwareprogramme, die angeblich KI-generierte Manuskripte erkennen können. Diese bieten auch keinen 100%igen Schutz (z.B. https://www.scribbr.de/ki-detector/; https://omr.com/de/reviews/contenthub/ki-texte-erkennen).
Neue Journale
Es gilt zu beachten, dass neue Journale eine Chance bekommen sollten, sich zu etablieren. Dazu müssen sie potenzielle Autoren kontaktieren, um auf sich aufmerksam zu machen und Einreichungen zu bekommen. Sonst gibt es perspektivisch nur noch einen "fixen" Kreis von Journalen, was bedingt durch die Weiterentwicklung der Medizin und sich ändernde Anforderungen von erheblichem Nachteil sein kann.
Zusammenfassung
Dieser kritische und eher persönliche Kommentar zu der Situation bei den diabetologischen Fachzeitschriften soll keine "Nestbeschmutzung" darstellen, sondern auf eine komplexe und schwierige Situation hinweisen. Die hier angesprochenen Entwicklungen können das Vertrauen in die wissenschaftliche Validität von Publikationen ernsthaft in Frage stellen. Eigentlich sollten die etablierten Fachverlage – und die von diesen herausgegebenen Journalen – ein Interesse daran haben, eine Diskussion zu den hier angesprochenen Aspekten zu führen.
Interessenkonflikte:
LH ist Gesellschafter der Profil Institut Holding GmbH, Neuss; Science Consulting in Diabetes GmbH, Düsseldorf und diateam GmbH, Bad Mergentheim. Er ist Berater für eine Reihe von Unternehmen, die neue diagnostische und therapeutische Möglichkeiten für die Diabetestherapie entwickeln.
Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (3) Seite 29-31
