Diabetes-Technologie verbessert den Alltag, erzeugt jedoch enorme Müllmengen. Der Beitrag beleuchtet, wie Ökodesign, Recyclingprogramme und Kreislaufwirtschaft Abfall reduzieren und Hersteller, Fachkräfte und Patient:innen in die Verantwortung nehmen.
Die Kehrseite des Erfolgs von Diabetes-Technologie ist die Menge an Abfall, die durch die Herstellung und Verwendung solcher Produkte entsteht. Jedes Jahr fallen weltweit Milliarden von weggeworfenen Komponenten an – von Teststreifen über Insulinpens und Sensoren bis hin zu Infusionssets –, die Risiken für Ökosysteme und die öffentliche Gesundheit darstellen. Jedes verwendete Medizinprodukt enthält Kunststoffe, Metalle, Nadeln, elektronische Bauteile und Batterien sowie Gebrauchsanweisungen, Verpackungsmaterial usw. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt erfordert, dass sich alle Beteiligten mit dem Thema Abfallmanagement auseinandersetzen.
Angesichts der weiter zunehmenden Nutzung von Diabetes-Technologiegeräten stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, um diese Situation zu ändern. Im Folgenden werden drei Ansätze vorgestellt:
- ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Produktdesign,
- Richtlinien zur Unterstützung einer Kreislaufwirtschaft und
- Aktivitäten von Interessengruppen.
1. Produktdesign mit Fokus auf Nachhaltigkeit
Im Idealfall würde man die Entstehung von Abfall durch eine Optimierung des Produktdesigns (Ökodesign) vermeiden. Vier Methoden zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung von Diabetesgeräten sind:
- Produktdesign oder -neugestaltung, z.B. durch die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien,
- Bereitstellung elektronischer statt gedruckter Gebrauchsanweisungen (IFU),
- Förderung der Recycelbarkeit von Produkten und deren Komponenten und
- Recycling von Batterien.
Ökodesign
Eine Möglichkeit, die Abfallmenge zu reduzieren, besteht darin, die Produkte unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Die Entwicklung und Herstellung von Medizinprodukten ist jedoch eine komplexe Aufgabe, bei der viele verschiedene und manchmal divergierende Aspekte berücksichtigt werden müssen. Für Hersteller gibt es regulatorische Hürden, wenn sie ihre Produkte neugestalten wollen. Dabei steht die Vermeidung und Reduzierung der ursprünglich anfallenden Abfallmenge im Einklang mit der Position des EU-Regulierungssystems. Die Abfallrahmenrichtlinie zielt darauf ab, die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu schützen, indem die negativen Auswirkungen der Abfallerzeugung und -bewirtschaftung verhindert oder verringert und gleichzeitig die Ressourceneffizienz verbessert werden.
Es scheint, dass einige Hersteller von Diabetesgeräten für solche Ideen offen sind. Viele Unternehmen haben Programme zur Reduzierung des CO2-Fußabdrucks ihrer Herstellungsprozesse und teilweise auch ihrer Produkte selbst ins Leben gerufen. Es gibt auch Bestrebungen, Produkte wie Insulinpens nach dem Prinzip des "Ökodesigns" zu entwickeln. Ein weiteres Beispiel ist , dass die Glukosesensoren von CGM-Systemen im Laufe der Zeit erheblich an Größe und Gewicht verloren haben: So misst der Sensor des Libre 3 beispielsweise 21 mm × 2,9 mm und wiegt 1,1 g, während der Sensor des Libre 2 noch 35 mm × 5 mm groß war und 5 g wog. Es ist davon auszugehen, dass dies die Umweltbelastung solcher Sensoren erheblich verringert. Allerdings ist es aktuell noch ziemlich schwierig, einen Recyclingprozess für die verfügbaren Glukosesensoren zu etablieren, da deren Design den Zugang zu den elektronischen Bauteilen und der Batterie sehr erschwert.
Bei aktuellen CGM-Systemen muss der Glukosesensor in der Regel alle 7 bis 14 Tage ausgetauscht werden. Jeder Sensorwechsel führt zur Nutzung von Insertern, Verpackungsmaterialien etc. Jeder Inserter besteht jedoch aus 50 bis 80 Gramm verschiedenen Kunststoffen, Metallfedern usw. Es sollte möglich sein, die Inserter mehrfach zu verwenden. Eine Verlängerung der Tragedauer der Sensoren verringert also deren ökologischen Fußabdruck deutlich.
Gebrauchsanweisungen
Eine Möglichkeit, die Abfallmenge bei Nutzung von Diabetes-Technologieprodukten erheblich zu reduzieren, besteht darin, diesen keine gedruckten Gebrauchsanweisungen (IFU) mehr beizulegen. Aktuell gehören diese – in vielen verschiedenen Sprachen – zum Lieferumfang jedes medizinischen Produktes. Eine Umstellung auf elektronische Gebrauchsanweisungen würde die Menge an (Papier-)Abfall erheblich reduzieren. Erfreulicherweise ist in der EU ist eine Änderung der regulatorischen Anforderungen, die dies ermöglicht, bereits in Vorbereitung.
Recycling von Insulinpens
Eine kürzlich in Deutschland durchgeführte Analyse ergab, dass hier pro Jahr 100 Millionen Insulinpens verwendet werden. Unter der Annahme, dass Einweg-Insulinpens jeweils ein Gewicht von 30 g (mit 20 g Kunststoff) haben, beträgt die Menge an Kunststoffabfällen allein dafür etwa 2.000 Tonnen pro Jahr. Diese Zahlen sind wahrscheinlich repräsentativ für andere EU-Länder, was zu mehr als 500 Millionen verwendeten Pens pro Jahr in der EU und wahrscheinlich etwa 1 Milliarde Pens pro Jahr weltweit führt. Eine erhebliche Hürde für das Recycling von Insulinpens ist die Entnahme der Insulinpatrone aus diesen Pens. Die Verunreinigung der Kunststoffabfälle mit Glasteilen – es handelt sich um ein spezielles Glas – verhindert die Verwendung des Materials für die Herstellung anderer Kunststoffteile und macht es somit für das Recycling ungeeignet.
Erfreulicherweise haben sich in Europa eine Reihe von Hilfsmittelherstellern zu einer "Sustainable Markets Initiative" zusammengeschlossen. Diese plant die Einführung eines Rücknahmeprogramms von Insulinpens und anderen Medizinprodukten. Langfristig soll so ein geschlossener Kreislauf entstehen, welchem recycelter Kunststoff wieder zugeführt wird. Das mittelfristig für Gesamteuropa geplante Konzept soll bereits 2027 regional in Deutschland starten und beruht auf zwei Pilotprojekten in Skandinavien und Deutschland. Apotheken stehen im Zentrum des Modells: Hier soll das Sammeln der Devices stattfinden.
Recycling von Batterien
Auch für Batterien – die ganz vielen Medizinprodukten enthalten sind – sollte es Recyclingoptionen geben. Diese liefern die elektrische Energie für den Betrieb von Glukosesensoren, Handgeräten, Insulinpumpen (Pflaster), Smart Pens usw. In Europa müssen die Hersteller von Batterien die Anforderungen einer Batterieverordnung in Verbindung mit einer erweiterten Herstellerverantwortung erfüllen. Ein umweltfreundlicheres Design der Hilfsmittel würde Aufmerksamkeit auf die Reduzierung des Verbrauchs und der Entsorgungsmöglichkeit von Batterien richten.
2. Maßnahmen zur Unterstützung der Kreislaufwirtschaft für Nachhaltigkeit
Die Kreislaufwirtschaft konzentriert sich darauf, Materialien nach Gebrauch wiederzuverwenden, anstatt dass diese weggeworfen werden. Diese Idee zielt darauf ab, 1. den Ressourcenverbrauch und 2. die Entstehung von Abfall, Umweltverschmutzung und CO2-Emissionen zu minimieren. Die Kreislaufwirtschaft kann als ein geschlossenes System für die Ressourcennutzung betrachtet werden.
Zwei mögliche Aktivitäten in diesem Sinne sind die "Ökologisierung" von Diabetes-Kongressen und die Abschaffung gedruckter medizinischer Fachzeitschriften:
Vor fünf Jahren druckte die Diabetes Technology Society für ihren jährlichen Kongress, das Diabetes Technology Meeting, noch ein 200-seitiges Tagungsbuch für alle Teilnehmer. Heute sind dieselben Informationen elektronisch über eine mobile App verfügbar. Die offizielle Zeitschrift der Diabetes Technology Society, das Journal of Diabetes Science and Technology, wurde als weltweit erste rein elektronische Zeitschrift ins Leben gerufen. Klar ist, die meisten Leser wissenschaftlicher Zeitschriften lesen Artikel nicht mehr in gedruckter Form, sondern lesen die PDF-Dateien am Computer. Um zu verdeutlichen, was der Verzicht auf gedruckte Fachzeitschriften bedeutet, sei ein prominentes Beispiel genannt: Das Gewicht einer gedruckten Ausgabe von Diabetes Care beträgt etwa 200 g. Nach Angaben der American Diabetes Association (ADA) auf ihrer Homepage hat diese Fachgesellschaft fast 12 000 Angehörige der Gesundheitsberufe als Mitglieder. Darüber hinaus umfasst die professionelle Mitgliedschaft der ADA weltweit über 10 000 Mitglieder. Angenommen, insgesamt 20 000 Mitglieder erhalten ein Exemplar von Diabetes Care, bedeutet dies die Produktion und den Versand von 20 000 Exemplaren à 200 g Gewicht = 4 000 Kilogramm Papier (plus Plastikumschlag) pro Monat oder 48 Tonnen pro Jahr weltweit. Die Umstellung auf eine elektronische Ausgabe wäre daher eine Möglichkeit, den Papierabfall erheblich zu reduzieren und der ADA eine Menge Kosten zu sparen.
3. Eigene Aktivitäten
Ein Paradigma für mehr Nachhaltigkeit und weniger Abfall ist die Einhaltung der fünf R, nämlich:
1. Reduzieren, 2. Wiederverwenden, 3. Recyceln, 4. Neugestalten und 5. Umdenken.Die fünf "R"-Strategien sollen die Extraktion des maximalen praktischen Nutzens aus Einweg-Diabetesgeräten bei gleichzeitiger Erzeugung einer minimalen Abfallmenge unterstützen.
Die Akteure in der Diabetesversorgung können selbst dazu beitragen, die Umweltbelastung durch die verwendeten Medizinprodukte zu verringern. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den interessierten Parteien wird für die Erreichung dieses Ziels von entscheidender Bedeutung sein. Die Hersteller sind wohl die wichtigsten dieser Interessengruppen, wenn es darum geht, den Abfall von Diabetesgeräten zu reduzieren und die Nachhaltigkeit zu fördern, da sie aufgrund ihrer Position am Anfang des Lebenszyklus der Geräte einen großen Einfluss auf das Design, die Materialauswahl und die Abfallergebnisse während der gesamten Produktion, Nutzung und Entsorgung haben. Alle Gruppen können jedoch sowohl direkt durch die Art und Weise wie sie Produkte verwenden und wiederverwenden, als auch durch ihre Forderungen an die Hersteller, nachhaltige Produkte zu entwickeln, einen Beitrag leisten.
Schlussfolgerungen
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, um die bei der Verwendung von Diabetes-Technologie anfallende Abfallmenge zu reduzieren, Wir müssen diese nur gemeinsam nutzen und vorantreiben.
Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 27-29
