BVKD-Jahrestagung: Klinikdiabetolog:innen diskutieren Reformfolgen, Qualitätssicherung und digitale Zukunft der Diabetologie.
Am 30.4.2026 fand die diesjährige Jahresversammlung des Bundesverbandes der Diabeteskliniken Deutschland (BVKD) statt. 24 Vertreter der Klinikdiabetologie diskutierten in Frankfurt am Main die aktuellen Entwicklungen. Wie fast jedes Jahr gehören gesundheitspolitische Umwälzungen mittlerweile zum Tagesgeschäft aller Kliniken in Deutschland. Wechsel in Regierung und Ministerien haben bereits jetzt deutliche Spuren hinterlassen und zwingen zu ständiger Beobachtung des Marktes und zur regelmäßigen Überprüfung etablierter Gewissheiten.
Der erste Vorsitzende Dr. Thomas Werner berichtete über die Schwerpunkte Verbandsarbeit im Licht des stetigen Wandels.
So hatte die letzte Regierung mit dem Großprojekt Krankenhausreform eine massive Bedrohung der Diabeteskliniken eingeleitet, die in letzter Minute, auch durch das Engagement des BVKD‘s und seines Vorstandes, zum großen Teil abgewendet werden konnte. Durch die Verankerung des Diabetologen als Fachqualifikation in der Leistungsgruppe Endokrinologie und Diabetologie wurde zumindest der Status quo fortgeführt.
Das eigentliche Ziel der Reform, die Zentralisierung hochspezialierter Leistungen auf wenige, aber besser qualifizierte Fachabteilungen in der Fläche, wurde in der Diabetologie jedoch verfehlt. Unbeschadet darf weiterhin jede Klinik ohne ausgewiesene diabetologische Expertise diabetologische Leistungen erbringen, sofern sie über eine allgemeine Abteilung Innere Medizin und/oder Allgemeinchirurgie verfügt. Das bedroht nicht nur die Versorgung komplexer Stoffwechselerkrankungen, sondern in noch größerem Maße den Erhalt der Extremitäten der Menschen mit Diabetes mellitus.
Selbst das verwandte Fachgebiet der Ernährungsmedizin steht besser da. Obwohl es im Kanon der Facharztqualifikationen ebenso nur als Zusatzbezeichnung geführt wird, hat es im Rahmen des im März 2026 verabschiedeten Anpassungsgesetzes ihre Interessen durchgesetzt. So muss jede Klinik bis Ende 2027 Ernährungsberater:innen und Ernährungsmediziner:innen im Stellenplan ausweisen. Ähnliche berufsübergreifende Strukturqualitäten sind auch die Mindestforderung des BVKD zur Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus als Hauptdiagnose.
Der BVKD hat eine stabile Mitgliederzahl, ausreichende finanzielle Reserven zur Steuerung von politisch wirksamen Kampagnen und unterstützt über seine Geschäftsstelle die Kliniken mit wichtigen Informationen im Rahmen von Kodierworkshops, Teilnahme an bundesweiten Veranstaltungen mit Meinungsbildnern und Vernetzung mit anderen Akteuren der Diabetologie.
Ein Höhepunkt war für die Mitglieder die Verleihung der Urkunden des verbandseigenen Qualitätssiegels, welches als Fünf-Sterne-Rating höchste Qualitätsanforderungen widerspiegelt. 19 von 100 Einrichtungen erreichten die höchste Qualitätsstufe und zeigen, dass die Diabetologie bundesweit an vielen Kliniken besondere Wertschätzung erfährt.
Frau Ahollinger aus dem Diabeteszentrum Bad Mergentheim referierte über wichtige Neuerungen zur optimalen und korrekten Kodierung der Haupt- und Nebendiagnose Diabetes. Sie wies auf eine Schlichterentscheidung zur Kodierung von Hypoglykämien im
Dezember 2025 hin, welche die Versorgung von Menschen mit Diabetes gefährdet. Dies hatte bundesweit zu großer Verunsicherung bei Medizincontrollern geführt und die Abrechenbarkeit diabetologischer Leistungen geschwächt. Gegen den Schlichterspruch wird eine Klage eingereicht, die vom BVKD unterstützt wird, da alle Mitgliedseinrichtungen davon betroffen sind. Sie riet dazu, weiterhin die Hypoglykämien zu kodieren und den Verlauf der Klage aufmerksam zu verfolgen.
In einer Live-Schaltung ins schöne Bayern konnte Herr Seidenath, Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention der CSU-Landtagsfraktion, die Umsetzung der Klinikreformgesetze (KHVVG und KHAG) am Beispiel Bayerns skizzieren. Allerdings waren ihm die Probleme auf der Ebene der Umsetzung, die insbesondere die Diabetologie betreffen, nicht bekannt. Er sicherte aber zu, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und in den politischen Prozess "einzuspeisen". Der BVKD wird ihm zu diesem Zweck entsprechendes Informationsmaterial zur Verfügung stellen. Auch hier zeigt sich wieder die Notwendigkeit von gezielter Verbandsarbeit in Zeiten vielfältiger Interessenskonflikte.
Im anschließenden Beitrag konnte Frau Prof. Dr. Susanne Reger-Tan zu ihrem Herzensthema "Digitalisierung der Diabetologie" Ausblicke auf zukünftige Szenarien der Regelversorgung geben.
So leitete sie im Rahmen der Diatec2026 den ersten GluCode Hackathon, in dem vier interprofessionelle Teams für zwei Tage intensiv an einer klinischen Dokumentationsaufgabe arbeiten, die im Alltag in bestehenden Klinikinformationssystemen (KIS) nicht gelöst ist. Konkret ging es um eine übersichtliche Darstellung der spezifisch diabetologischen Leistungen, die an einem Patienten während seines gesamten stationären Aufenthaltes vorgenommen werden, um die Komplexbehandlungsziffer Diabetologie (OPS 8-984) zu dokumentieren. Dies erleichtert die Abstimmung der Prozesse inklusive der Abrechnung. Am Ende war ein neues Modul auf der Basis des KIS Dedalus und viele neue Freundschaften entstanden. Machen statt klagen, hier zeigte sich wozu Menschen im Team fähig sind.
Darüner hinaus berichtete Sie über die Entwicklung von "MiA DDG", einem KI-gestützten Dialogsystem für evidenzbasierte, leitliniengerechte Wissensvermittlung und Entscheidungsunterstützung bei Diabetes. Dies soll das lästige Blättern in papiergebundenen Dokumenten ersetzen und "realtime" Information an jedem Arbeitsplaz, ob mobil oder auf dem Schreibtisch, ermöglichen.
Der Dauerbrenner "CGM im Krankenhaus" durfte natürlich nicht fehlen. Hier ist Bewegung, seit verschiedene diabetologische Fachgesellschaften weltweit eine Standardisierung von Übergabeprotokollen technischer Hilfsmittel an KIS erstellt haben und damit Hersteller zur Öffnung ihrer "Closed-world"-Politik bewegen wollen. Noch werden Fragen zur Genauigkeit (MARD), Glukosekontrolle (TIR-Verbesserung) und klinischem Nutzen im Krankenhaus im Rahmen von Studien bearbeitet. Erste Ergebnisse der DIATEC Studie aus Dänemark, nicht zu verwechseln mit der namensgleichen Tagung in Berlin, lassen auf ein großes Potential der Methode schließen.
Als visionäres Ziel formulierte Frau Reger-Tan den "Virtual Diabetes Care Hub", der eine Integration aller relevanten diabetologischen Informationen einer Klinik inklusive AID und CGM darstellt. Dies wird der Ausgangspunkt echter, standortübergreifender Konzepte der Telediabetologie sein und die Vernetzung mit ambulanten Versorgern erleichtern. Schöne neue Welt.
Der frisch gebackene neue Leiter des Diabeteszentrum Bad Mergentheim, PD Dr. Dominik Bergis, Sohn des Gründers dieser renommierten Institution, stellte im letzten Referat die "Virtuelle Diabetes Akademie Bad Mergentheim" vor. Das Angebot richtet sich bewusst breit an alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen sowie an Betroffene und Angehörige. Die Kombination aus Präsenz- und Online-Formaten und die enge Anbindung an das Diabetes Zentrum Mergentheim unterstreichen den praxisorientierten Ansatz. Mitgliedschaften sind für 125 € pro Jahr zu erwerben — inklusive Zugang zu allen Online-Inhalten, Vorträgen und Präsentationen sowie vergünstigte Preise für Präsenzveranstaltungen.
Der bunte Reigen von spannenden Themen, die intensiven Diskussionen und die persönlichen Kontakte im Rahmen dieser Tagung unterstreichen wieder einmal, dass die Jahrestagung des BVKD einen festen Platz im Jahreskalender der Kliniken mit vertieftem Interesse an der Diabetologie hat. Seien Sie auch im nächsten Jahr dabei – es wird mit Sicherheit wieder ein Treffen mit "vitalen" Informationen sein. Bis dahin.
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Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (3) Seite 44-45
