Ein Besuch im Steno Diabetes Center Copenhagen (SDCC) im Juni 2026 hat gezeigt, wie eine spezialisierte Diabetesversorgung aussehen kann, wenn ambulante Versorgung, digitale Datenintegration, Forschung, Schulung und klinische Expertise nicht nebeneinander, sondern als ein gemeinsames System organisiert werden.
Zusammenfassung
Das Steno Diabetes Center Copenhagen (SDCC) gilt international als wegweisendes Modell einer modernen, digital vernetzten Diabetesversorgung. Ein Besuch der Autoren im Juni 2026 hat gezeigt, wie spezialisierte ambulante Behandlung, digitale Datenintegration, interprofessionelle Zusammenarbeit, Schulung und Forschung als ein gemeinsames System organisiert werden, mit dem Ziel, Menschen mit komplexen Diabetesverläufen umfassend zu betreuen und Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Zentrale Bausteine sind die herstellerunabhängige Datenplattform Stenopool, die Daten von mehr als 30 Gerätetypen zusammenführt, eine proaktive digitale Triage mit Risiko-Signalen, eine täglich 24 Stunden erreichbare Hotline, interprofessionelle Teams sowie eine kontaktunabhängige Pro-Kopf-Vergütung, die Versorgungsverantwortung statt Kontaktmenge honoriert.Deutschland verfügt bereits über wichtige Voraussetzungen wie hausärztliche Versorgung, diabetologische Schwerpunktpraxen, DMP-Strukturen, CGM-Erstattung und seit 2025 die ePA für alle, jedoch fehlen eine verbindende Datenebene, sektorübergreifende Steuerung, systematische Telemedizin-Triage und eine Vergütung für kontinuierliche Versorgungsverantwortung. Eine direkte Kopie des dänischen Modells wird weder als realistisch noch nötig bewertet; sinnvoll erscheint stattdessen die funktionale Übertragung der Kernelemente auf ein Netz regionaler "DAS-Zentren" (digital-ambulant-stationär), die Primärversorgung, Schwerpunktpraxen und Krankenhäuser verbinden.Vorgeschlagen wird ein dreiphasiges Umsetzungskonzept: – Standardisierung und Erprobung, regionale Skalierung, Überführung in die Regelversorgung – mit Finanzierung über Innovationsfonds, Weiterentwicklung der DMP und einer risikoadjustierten, ergebnisorientierten Pauschalvergütung. Messbare Endpunkte, unabhängige Evaluation und eine bewusste Auseinandersetzung mit Risiken wie unzureichender Risikoadjustierung, digitaler Ungleichheit und unklarer Haftung werden als Voraussetzungen einer erfolgreichen Übertragung benannt.
Schlüsselwörter
Digitalisierung, Diabetestechnologie, Pflege, Diabetestherapie
Einleitung
Das SDCC versorgt in der Hauptstadtregion von Dänemark rund 12 000 Menschen mit Diabetes (MmD), etwa 50 % mit Typ-1-Diabetes (T1D) und etwa 5 % mit Typ-2-Diabetes (T2D) und komplexen Verläufen. Unkomplizierte Diabetes-Fälle verbleiben in der hausärztlichen Versorgung. Das Zentrum arbeitet vollständig ambulant und übernimmt damit eine ausgeprägte vorstationäre Funktion.
Technische Grundlage der Patientenbetreuung ist Stenopool, eine herstellerunabhängige Plattform zur Zusammenführung der Daten aus Systemen zum kontinuierlichen Glukosemessen (CGM), Insulinpumpen, Systemen zur automatisierten Insulindosierung (AID) und Blutzuckermessgeräten. Diese Plattform ermöglicht einen umfassenden klinischen Blick auf die Diabetesdaten, unabhängig von den verwendeten Produkten. Sie wurde auf Basis von Open-Source-Komponenten entwickelt, erfüllt die europäischen Datenschutzanforderungen und läuft auf autorisierten dänischen Servern.
Entscheidend ist jedoch nicht die Software allein. Die Daten werden in konkrete Arbeitsprozesse übersetzt: Risikosignale, strukturierte Triage, telemedizinische Kontakte, spezialisierte Beratung und eine täglich 24 Stunden (24/7) erreichbare Hotline. Die Versorgung der Patientinnen und Patienten wird interprofessionell erbracht; spezialisierte Pflegefachpersonen und Diabetesberaterinnen und -berater übernehmen eigenständige Aufgaben in Schulung, Technologieeinführung, Verlaufskontrolle und Problemlösung.
Im Vergleich dazu verfügt Deutschland bereits über wichtige Voraussetzungen: eine etablierte hausärztliche Versorgung, diabetologische Schwerpunktpraxen, Strukturen der Disease-Management-Programme (DMP), eine breite Erstattung von CGM bei insulinpflichtigem Diabetes und seit 2025 die elektronische Patientenakte (ePA) für alle. Allerdings fehlen eine alle Ebenen verbindende diabetesbezogene Datenebene, eine sektorübergreifende Steuerung, eine systematische telemedizinische Triage und eine Vergütung für kontinuierliche Versorgungsverantwortung.
Eine direkte Kopie des dänischen Modells ist weder realistisch noch erforderlich. Sinnvoll dagegen erscheint vielmehr die funktionale Übertragung seiner Kernelemente. Kurzfristig umsetzbar sind regionale Diabetesdatenplattformen, strukturierte Telekonsultationen, digitale Schulung, gemeinsame Behandlungspfade, eine Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit und definierte Rücküberweisungsregeln. Mittelfristig braucht es spezialisierte regionale Versorgungszentren als Bindeglied zwischen Hausarzt, diabetologischer Schwerpunktpraxis und Krankenhaus.
Was die Einbindung von Krankenhäusern in die "sektorenunabhängige Versorgung" betrifft, können aus Dänemark keine wesentlichen Erkenntnisse gezogen werden. Die Rate der vollstationären Behandlungen wegen der Hauptdiagnose Diabetes mellitus ist nur etwa halb so hoch wie in Deutschland. Bei Nebendiagnosen, etwa auf der Orthopädie oder Chirurgie, haben die dortigen Ärztinnen und Ärzte stets Zugriff auf ePA-Daten, ggf. einschließlich der Steno-Daten, und können sich im Bedarfsfall an die Kolleginnen und Kollegen im Steno Center wenden. Deutschland benötigt darüber hinaus eine strukturierte Qualitätskonzentration, damit notwendige stationäre Hauptbehandlungen möglichst nur noch in qualifizierten Häusern bzw. Fachabteilungen durchgeführt und abgerechnet werden. Solche stationären Diabeteszentren sollten aus Ressourcengründen dann auch für die stationäre Querschnittsversorgung (Nebendiagnose Diabetes) sowie die digital-ambulante Spezialversorgung (24/7) im Verbund mit den bestehenden Diabetologischen Schwerpunktpraxen eingeplant werden.
CGM: kontinuierliches Glukosemessen
DMP: Disease-Management-Programm
ePA: elektronische Patientenakte
HbA1c: glykiertes Hämoglobin
MmD: Menschen mit Diabetes
SDCC: Steno Diabetes Center Copenhagen
T1D: Typ-1-Diabetes
T2D: Typ-2-Diabetes
TBR: Time below Range (Zeit unterhalb des Zielbereichs)
TIR: Time in Range (Zeit im Zielbereich)
Anlass und Fragestellung
Die Versorgung von Menschen mit Diabetes steht in Deutschland vor einer doppelten Herausforderung: Einer wachsenden Zahl von Menschen mit Diabetes stehen knapper werdende personelle Ressourcen, ein Rückgang diabetologischer Expertise in vielen Krankenhäusern, regionale Versorgungsunterschiede und eine zunehmende Komplexität der Therapie gegenüber. Gleichzeitig eröffnen CGM, AID-Systeme, Telemedizin, digitale Schulung und die ePA neue Möglichkeiten, Versorgung ortsunabhängiger, proaktiver und effizienter zu organisieren.
Vor diesem Hintergrund besuchten wir als Mitglieder der Initiative Tec4Care am 26. Juni 2026 das SDCC und konnten mit den führenden Köpfen (Kirsten Nørgaard, Frederik Persson) sprechen. Es gab eine Führung und Gespräche mit weiteren Mitarbeitenden. Wir haben auch mit den beteiligten Softwareunternehmen Trifork und Line Systems gesprochen, um zu verstehen, welche Software-Elemente des dänischen Modells auch für ein deutsches Zielbild nutzbar sein könnten.
Der folgende Text verdichtet die gemachten Beobachtungen im Sinne einer Reflektion auf die deutsche Situation. Aussagen, die unmittelbar aus den Gesprächen und dem Besuch stammen, werden als solche behandelt. Wo möglich wurden sie mit öffentlich zugänglichen Quellen abgeglichen. Nicht abschließend geklärte Punkte – insbesondere Einzelheiten der Krankenhausmitversorgung, die genaue Ausgestaltung der Vergütung und die quantitative Wirkung auf stationäre Aufnahmen – werden ausdrücklich als offene Fragen benannt.
Tab. 1: Was lässt sich auf Deutschland übertragen?
Das Steno-Modell: mehr als ein Diabeteszentrum
Das SDCC erweist sich zunächst als ein beeindruckendes Gebäude: groß, modern, ruhig und konsequent auf die Abläufe einer ambulanten Spezialversorgung ausgerichtet: Check-in-Terminals im Eingangsbereich, Daten-Downloadstationen für alle Technik-Systeme, Räume für Augen- und Fußdiagnostik, Testküchen mit Nutzgarten, Schulungsbereiche, Besprechungs- und Untersuchungsräume sowie qualitätsvoll gestaltete Außenflächen schaffen eine Umgebung, in der Versorgung nicht als Abfolge einzelner Arztkontakte, sondern als organisierter Gesamtprozess sicht- und fühlbar wird.
Die Architektur ist jedoch nur die Hülle, das eigentliche Versorgungsmodell besteht aus fünf eng verbundenen Funktionen:
- spezialisierte ambulante Versorgung von komplexen Diabetesverläufen,
- digitale Integration und standardisierte Auswertung von Gerätedaten,
- interprofessionelle Schulung und Unterstützung im Alltag,
- klinisch ausgerichtete Forschung und kontinuierliche Evaluation sowie
- Innovation und Entwicklung neuer Versorgungsprozesse.
Gerade diese Kombination unterscheidet das SDCC von einer großen Spezialambulanz. Forschung beschäftigt sich mit klinischen Problemen, digitale Lösungen werden im Versorgungsalltag entwickelt und geprüft, Schulung ist Teil der Behandlung und die Behandlung wird anhand populationsbezogener Daten weiterentwickelt.
Patientensteuerung: klare Zuständigkeiten statt parallele Versorgung
Das dänische Prinzip
Dänische Bürgerinnen und Bürger sind grundsätzlich bei einer hausärztlichen Praxis eingeschrieben, der Hausarzt ist erste Anlaufstelle und Gatekeeper. Menschen mit einem unkomplizierten Typ-2-Diabetes werden überwiegend in dieser Ebene versorgt. Spezialisierte Zentren wie das SDCC betreuen vor allem Menschen mit Typ-1-Diabetes, Kinder und Jugendliche sowie komplexe oder instabile Verläufe beim Typ-2-Diabetes. Krankenhäuser konzentrieren sich auf hochspezialisierte ambulante Leistungen und stationäre Behandlung.
Dieses System verhindert, dass Spezialressourcen dauerhaft für Fälle gebunden werden, die gut in der Primärversorgung betreut werden können und setzt zugleich voraus, dass Überweisung, Rücküberweisung, Datenzugang und Verantwortlichkeiten eindeutig geregelt sind.
Die Situation in Deutschland
Auch in Deutschland werden 80 % bis 90 % der Menschen mit Diabetes primär hausärztlich betreut und etwa 10 % bis 20 % in diabetologischen Schwerpunktpraxen. Etwa 9 Millionen Menschen leben hier mit einem Diabetes. Anders als in Dänemark existiert jedoch keine bundesweit einheitliche Einschreibung in eine primärärztliche Versorgung und keine durchgängig verbindliche Gatekeeper-Funktion. Die deutsche Versorgungsrealität ist daher stärker durch parallele Zuständigkeiten geprägt: Hausarzt, diabetologische Schwerpunktpraxis, Klinikambulanz, Krankenhaus, Augenarzt, Podologie, Schulungseinrichtung und Hilfsmittelanbieter arbeiten mit unterschiedlichen Datenständen und Vergütungslogiken. Das DMP schafft zwar einen strukturierten Rahmen für Behandlung, Qualitätssicherung, Dokumentation und Schulung, ist aber keine Echtzeit-Versorgungsplattform und organisiert nicht automatisch die Zusammenarbeit zwischen den Sektoren.
Tab. 2: Was finanzierbar sein sollte.
Digitalisierung: von der Datensammlung zur Versorgungssteuerung
Stenopool als spezialisierte Datenebene
In Stenopool werden die Daten verschiedener Diabetesgeräte in einer gemeinsamen klinischen Ansicht gebündelt. Die Ansätze dieser Plattform basieren auf Open-Source-Technologie von Tidepool, eines US-Non-Profit-Unternehmens. Sie wurde aber für die Vorgaben des europäischen Datenschutzes angepasst und in einer kontrollierten, lokalen Serverumgebung implementiert.
Der entscheidende Fortschritt bei Stenopool besteht in der Herstellerunabhängigkeit! In (langwierigen) Verhandlungen mit den jeweiligen Herstellern konnte erreicht werden, dass die Daten von mehr als 30 verschiedenen Produkten direkt in die Datenbank eingelesen werden, was weitgehend im Hintergrund geschieht. Wechseln MmD das CGM- oder Pumpensystem, bleibt die klinische Datenansicht erhalten, die Betreuenden müssen nicht ständig zwischen verschiedenen Softwarelösungen hin- und herspringen. Für das Behandlungsteam gibt es kein Nebeneinander verschiedener Portale, Passwörter, Darstellungslogiken und Downloadverfahren.
Die Daten werden regelmäßig automatisch aus den jeweiligen Clouds übernommen, vor Ort können die Patientinnen und Patienten bei Bedarf die Daten ihrer Produkte manuell herunterladen. Ergänzende medizinische Parameter, etwa Blutdruckwerte oder weitere selbst erhobene Parameter, können in Stenopool einbezogen werden. Die Verknüpfung mit der dänischen elektronischen Patientenakte und anderen Datenbanken ermöglicht die Verbindung von Gerätedaten mit weiteren klinischen Informationen zu dem jeweiligen MmD.
Proaktive Triage statt passiver Dokumentation
Stenopool ist nicht nur eine passive Datenbank. Durch permanent im Hintergrund laufende Analysen, z. B. auch von CGM-Profilen, werden die erfassten Daten anhand festgelegter Kriterien kontinuierlich bewertet und bei Bedarf tauchen bei den jeweiligen Patientinnen und Patienten grüne, gelbe oder rote Signale auf. Damit kann das Behandlungsteam erkennen, bei welchem MmD ein direkter Kontakt notwendig ist oder eben auch nicht. Die Versorgung wird so von einem reaktiven Modell – die Patientin oder der Patient meldet sich bei Problemen oder wartet auf den nächsten Termin – zu einem proaktiven Modell, in dem Risiken nicht nur frühzeitig sichtbar werden, sondern per Telemonitoring aktiv angegangen werden.
Der Fokus verschiebt sich dabei von isolierten HbA1c-Werten hin zu CGM-basierten Parametern wie Time in Range (TIR, Zeit im Zielbereich), Time below Range (TBR, Zeit unterhalb des Zielbereichs) und Time above Range (TAR, Zeit oberhalb des Zielbereichs). Der HbA1c-Wert verliert nicht jede Bedeutung, ist aber für die tägliche Steuerung der Patientenbetreuung weniger aussagekräftig als die kontinuierlichen CGM-Daten.
Was Deutschland bereits hat – und was fehlt
Deutschland verfügt mit der ePA inzwischen über eine nationale elektronische Infrastruktur. Seit Oktober 2025 ist die Nutzung der ePA in medizinischen Einrichtungen verpflichtend; die Zahl eingestellter Dokumente und zugreifender Einrichtungen ist seitdem deutlich gestiegen. Die ePA ist damit eine wichtige Grundlage für sektorübergreifende Informationen zu den jeweiligen Patientinnen und Patienten.
Die ePA ersetzt jedoch keine indikationsspezifische Arbeitsplattform, denn sie sammelt Dokumente und strukturierte Informationsobjekte. Eine Diabetesplattform muss hochfrequente Gerätedaten aus AID- und CGM-Systemen normalisieren, visualisieren, regelbasiert bewerten und in Aufgaben für die Behandlungsteams übersetzen. Deutschland braucht kein Konkurrenz- oder Parallel-System zur ePA, sondern eine spezialisierte Diabetesebene (elektronische Diabetesakte, eDA), die interoperabel mit der ePA und den Praxis- und Krankenhausinformationssystemen verknüpft ist.
Technisch ist dies machbar. Die größere Herausforderung liegt in verbindlichen Schnittstellenanforderungen an Hersteller, einer einheitlichen Identitäts- und Berechtigungslogik, der Klärung der medizinischen Verantwortung und einer Finanzierung des laufenden Monitorings.
Telemedizin, Hotline und kontinuierliche Erreichbarkeit
Eine zentrale Serviceleistung des SDCC ist die rund um die Uhr erreichbare Hotline (24/7). Hier werden medizinische, organisatorische und technische Fragen qualifiziert beantwortet. Nach Angaben unserer Gesprächspartner können darüber auch Verbrauchsmaterialien bestellt werden. Für spezielle technische Probleme steht ebenfalls fachkundiges Personal zur Verfügung.
Die Hotline ist kein Zusatzkomfort, sondern ein zentrales Sicherheits- und Betreuungsinstrument. Bei Menschen mit einem insulinbehandelten Diabetes steigt durch technische Störungen oder Infekte das Risiko von Hypoglykämien oder Ketoazidosen rasch an. Ein früher qualifizierter Kontakt über die Hotline vermeidet in Dänemark konkret einen erheblichen Teil von Notaufnahmebesuchen und stationären Aufnahmen. Laut SDCC werden 20 % bis 30 % der Kontakte mit Menschen mit Typ-1-Diabetes telemedizinisch durchgeführt. Eine kontaktunabhängige Pro-Kopf-Vergütung habe insgesamt zu einer Reduktion der Konsultationen im SDCC um 14 % beigetragen. Diese Auswirkungen einer qualifiziert besetzten Hotline sind plausibel, sollten aber für eine deutsche Umsetzung mit klar definierten Endpunkten prospektiv evaluiert werden.
Für Deutschland wäre eine bundesweite 24/7-Hotline in dieser Betreuungstiefe und -güte aus dem Stand weder personell noch finanziell realistisch. Umsetzbar hingegen wäre ein gestuftes Modell: regionale Erreichbarkeit während erweiterter Zeiten, nachts und an Wochenenden eine gebündelte überregionale Bereitschaft sowie klar definierte Eskalationswege zu Rettungsdienst und Krankenhaus. Nebenbei bemerkt gibt es andere Indikationsbereiche, in denen solche Hotlines sehr erfolgreich etabliert wurden.
Interprofessionelle Versorgung und Schulung
Das SDCC beschäftigt mehr als 500 Mitarbeitende in vier Abteilungen, darin eingeschlossen sind sämtliche Forschenden, Lehrkräfte, Verwaltungsmitarbeitenden und weitere Beschäftigte. In der klinischen Abteilung arbeiten etwa 170 Personen: aktuell 22 Endokrinologinnen und Endokrinologen, sechs Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie vier Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Die meisten Endokrinologinnen und Endokrinologen arbeiten in Teilzeit, damit ihnen Zeit für Forschungstätigkeiten bleibt.
Eine vollzeitbeschäftigte Fachärztin beziehungsweise ein vollzeitbeschäftigter Facharzt betreut zwischen 600 und 1200 Patientinnen und Patienten, was sich vermutlich nicht wesentlich von der Situation in Deutschland unterscheidet. Derzeit geht die Zahl der Behandlungskontakte pro Patientin beziehungsweise Patient und Jahr von etwa 3,3 auf ca. 1,5 zurück, wobei es große Unterschiede zwischen diesen gibt.
Das Steno-Modell nutzt die ärztliche Arbeitszeit dort, wo sie medizinisch erforderlich ist. Schulung, Geräteeinweisung, Datenreview, Adhärenz-Unterstützung und viele Verlaufskontrollen werden von entsprechend qualifiziertem nichtärztlichen Fachpersonal eigenständig oder delegiert übernommen.
Die dänischen Diabetespflegefachkräfte verfügen über eine strukturierte, stärker akademisch und diplomorientiert angelegte Aus- und Weiterbildung. Deutschland verfügt mit Diabetesberatenden sowie Diabetesassistentinnen und -assistenten ebenfalls über erfahrene Berufsgruppen, deren Kompetenzen jedoch nicht als eigenständig vergütete Leistungen abgebildet werden. Der Engpass liegt damit hier weniger im Fehlen von Qualifikation als in uneinheitlicher Anerkennung, begrenzter Delegationsfähigkeit und fehlender Finanzierung außerhalb klassischer Schulungsleistungen.
Digitale Schulungen werden nicht als Ersatz für persönliche Betreuung verstanden, aber sie können standardisierte Grundlagen orts- und zeitunabhängig vermitteln, während individuelle Therapieentscheidungen, psychosoziale Fragen und komplexe Technologieprobleme persönlich oder synchron telemedizinisch bearbeitet werden.
Vorstationäre Versorgung und die Schnittstelle zum Krankenhaus
Das Steno-Modell ist in hohem Maße vorstationär. Durch engmaschige ambulante Betreuung, Telemonitoring und schnelle Unterstützung werden akute Entgleisungen verhindert und komplexe Situationen früh abgefangen. Dänemark weist im internationalen Vergleich eine stärker konzentrierte Krankenhausstruktur auf als Deutschland.
Die beim Besuch von den Kollegen formulierte Aussage, Dänemark habe weniger als die Hälfte der stationären Fälle mit Hauptdiagnose Diabetes im Vergleich zu Deutschland, könnte allerdings auch durch eine Reihe von relevanten Unterschieden bei der Kodierung, aber auch durch Bevölkerungsstruktur, Falldefinition und Statistik bedingt sein. Solche Faktoren können direkte Ländervergleiche in einem erheblichen Ausmaß verzerren.
Unklar blieb, wie vollständig das SDCC in jedem Krankenhaus auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes als Nebendiagnose einwirkt. Nach dem gewonnenen Eindruck kann das ambulante Monitoring während eines Krankenhausaufenthalts fortbestehen. Zu klären sind jedoch die operative Verantwortung, der Zugriff des Krankenhauspersonals auf die Daten, die Nutzung von Pumpen und CGM-Systemen während diagnostischer Schritte und Operationen sowie die Rückkopplung nach der Entlassung der Patientinnen und Patienten.
Gerade hier liegt eine zentrale Aufgabe für Deutschland. Ein erheblicher Anteil der stationär betreuten Personen hat Diabetes als Nebendiagnose, ohne dass durchgehend diabetologische Expertise in den Abteilungen verfügbar ist. Regionale Diabeteszentren sollten daher auch Krankenhäuser telemedizinisch und konsiliarisch unterstützen, Standards bereitstellen und Entlassungen in die ambulante Versorgung koordinieren.
Forschung, Innovation und Governance
Das SDCC verbindet Versorgung und Forschung institutionell. Klinische Fragestellungen können systematisch untersucht werden; umgekehrt fließen Erkenntnisse schneller in die Versorgung zurück. Die digitale Plattform schafft dafür eine wertvolle, standardisierte Datenbasis.
Für Deutschland wäre eine begleitende Versorgungsforschung unverzichtbar. Eine neue Struktur darf nicht allein an Prozesszahlen wie Kontakten oder hochgeladenen Datensätzen gemessen werden. Relevant sind klinische Ergebnisse, Lebensqualität, Versorgungsgerechtigkeit, vermeidbare Notfälle, Krankenhausaufnahmen, Arbeitsbelastung, Kosten und die Rücküberweisung in die Primärversorgung.
Wünschenswert wäre ein unabhängiges wissenschaftliches Begleitprogramm, idealerweise mit universitärer Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie, Diabetesfachgesellschaften und Patientenvertretung. Governance und Evaluation müssen so gestaltet sein, dass Förderer und Hersteller keinen Einfluss auf Therapieentscheidungen, Dateninterpretation oder Publikationsergebnisse nehmen.
Finanzierung des Steno-Modells
Der Aufbau der Steno-Zentren (es gibt sechs solcher Zentren in Dänemark) wurde wesentlich durch die Novo Nordisk Foundation ermöglicht. Die Stiftung finanziert die Erstellung der Gebäude, Forschungsinfrastruktur, Digitalisierung, Präventions- und Bildungsprogramme. Der laufende Versorgungsbetrieb wird dagegen von den dänischen Regionen getragen. Diese Trennung ist für die Übertragbarkeit entscheidend: Philanthropische Mittel können Innovation ermöglichen, dürfen aber nicht die dauerhafte Regelversorgung ersetzen.
Die beim Besuch beschriebene kontaktunabhängige Pro-Kopf-Pauschale setzt einen starken Anreiz, die notwendige Versorgung mit möglichst wenigen vermeidbaren Kontakten zu organisieren, ohne Verzicht auf eine hohe Güte und Sicherheit. Sie honoriert telefonische und digitale Betreuung, wenn diese einen Präsenztermin ersetzt oder eine Komplikation verhindert. Eine reine Einzelleistungsvergütung belohnt dagegen tendenziell den Kontakt, nicht zwingend das Ergebnis.
Ein realistisches deutsches Zielbild
Eine deutsche Reaktion sollte nicht die Etablierung eines einzelnen nationalen Zentrums sein, sondern ein Netz regionaler digital-ambulanter-stationärer Diabeteszentren. Dabei sollte der stationäre Sektor zukünftig miteinbezogen werden, um
- eine sektorenübergreifende Versorgung zu gewährleisten,
- eine qualitätsgesicherte zentralisierte stationäre Behandlung bei Haupt- ebenso wie bei Nebendiagnose Diabetes mellitus bezahlbar sicherzustellen und
- die vorhandenen diabetologischen Kapazitäten im ärztlichen und nichtärztlichen Bereich zu bündeln und gemeinsam eine rund-um-die-Uhr digital-ambulant-stationäre Versorgung zu ermöglichen.
Solche "DAS-Zentren" (Digital-Ambulant-Stationär) können sich mit denjenigen diabetologischen Schwerpunktpraxen entwickeln, die jetzt schon ein hohes Interesse und eine hohe Bereitschaft für digitale Versorgungskonzepte, virtuelle Schulungen, Einsatz von Diabetes-Technologie, konsiliarische und telemedizinische Unterstützung von regionalen Krankenhäusern und Übernahme von Steuerungsfunktionen für die Region zeigen.
Funktionen eines regionalen Zentrums
Ein solches regionales Zentrum sollte dabei die folgenden Funktionen erfüllen:
- dauerhafte spezialisierte Versorgung der meisten Menschen mit T1D und anderer hochkomplexer Verläufe,
- zeitlich begrenzte Mitbetreuung instabiler oder technologieintensiver Verläufe von Menschen mit Typ-2-Diabetes mit anschließender Rücküberweisung,
- Betrieb oder Nutzung einer gemeinsamen Diabetesdatenplattform mit standardisierter Triage,
- telemedizinische Beratung und erweiterte Erreichbarkeit,
- Schulung, Technologieeinführung und psychosoziale Unterstützung,
- konsiliarische und telemedizinische Unterstützung regionaler Krankenhäuser,
- Qualitätssicherung, Registerführung und Versorgungsforschung sowie
- Fortbildung und Unterstützung hausärztlicher Praxen und kleinerer diabetologischer Einheiten.
Versorgungsebenen
Ein Zielbild der DAS-Zentren umfasst drei miteinander verbundene Ebenen:
- Ebene 1 – Primärversorgung und diabetologische Schwerpunktpraxen: hausärztliche Betreuung unkomplizierter Verläufe bei Menschen mit Typ-2-Diabetes, reguläre DMP-Versorgung, wohnortnahe Basisdiagnostik und stabile Langzeitbetreuung
- Ebene 2 – Krankenhäuser mit Diabetes als Nebendiagnose: standardisierte Behandlungspfade, digitale Konsile, Technikregeln, Entlassmanagement und Zugang zu regionaler diabetologischer Expertise
- Ebene 3 – Stationäre Hauptbehandlung: Spezialversorgung, Datenintegration, Telemonitoring, 24/7- beziehungsweise erweiterte Erreichbarkeit, Schulung, Forschung und Koordination
Finanzierungsoptionen für Deutschland
Anschub und Infrastruktur
Für Aufbau, Softwareentwicklung, Schnittstellen, Schulungsplattformen und Evaluation kommen zeitlich begrenzte Investitionsquellen in Betracht:
- Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses für neue Versorgungsformen und Versorgungsforschung,
- Länder- und Krankenhaus-Transformationsmittel, soweit regionale Krankenhausstrukturen und sektorenübergreifende Versorgung betroffen sind,
- Stiftungen und gemeinnützige Förderer für Gebäude, Forschung, digitale Infrastruktur und Qualifikation,
- europäische Programme für Interoperabilität, Gesundheitsdatenräume und regionale Versorgung sowie
- Industriekooperationen für klar abgegrenzte Entwicklungsleistungen unter unabhängiger Governance.
Finanzierung der Versorgung
Die dauerhafte Versorgung von Menschen mit Diabetes darf selbstverständlich nicht von Stiftungen oder Projektmitteln abhängen. Als Vergütungsmodell empfiehlt sich eine risikoadjustierte Jahres- oder Quartalspauschale pro eingeschriebene Person. Sie sollte folgende Komponenten enthalten:
- eine Basispause für Versorgungsverantwortung, Datenmanagement und Erreichbarkeit,
- Risikozuschläge für hohe Therapiekomplexität, Schwangerschaft, Kinder, schwere Hypoglykämien oder wiederholte Entgleisungen,
- zeitlich begrenzte Intensivpauschalen für Technologieeinführung oder Stabilisierung,
- gesonderte Vergütung hochaufwendiger diagnostischer und therapeutischer Leistungen sowie
- einen Qualitätsanteil, der nicht an möglichst niedrige Kosten allein, sondern an Ergebnisqualität und Patientensicherheit gekoppelt ist.
Eine reine Einsparbeteiligung wäre problematisch, da sie Unterversorgung begünstigen könnte. Ebenso ungeeignet wäre eine Pauschale ohne Risikoadjustierung, da Zentren sonst einen Anreiz hätten, komplexe Patientinnen und Patienten zu vermeiden.
Umsetzungsvorschlag in drei Phasen
Vorgeschlagen wird ein dreiphasiges Umsetzungskonzept.
Phase 1: standardisieren und erproben (0 – 2 Jahre)
- Definition einer bundesweit konsentierten Zielpopulation und klarer Ein- und Rücküberweisungskriterien
- Auswahl von fünf bis zehn Pilotregionen mit vorhandener diabetologischer und stationärer Expertise
- Einführen einer herstellerunabhängigen Diabetesdatenplattform mit ePA-Anbindung
- Aufbau einer werktäglich erweiterten Hotline und strukturierter Teletriage
Phase 2: regional skalieren (2 – 5 Jahre)
- Ausweitung auf ein bundesweites Netz regionaler Zentren
- Überregionale Bündelung von Nacht- und Wochenenddiensten
- Verbindliche Kooperation mit Krankenhäusern, Schwerpunktpraxen und hausärztlichen Netzen
- Einheitliche Qualifikations- und Delegationsmodelle für Diabetesberaterinnen und -berater sowie spezialisierte Pflegefachpersonen
- Überführung erfolgreicher digitaler Schulungs- und Monitoringbausteine in DMP und Regelversorgung
Phase 3: Regelversorgung und Populationsverantwortung (ab 5 Jahren)
- bundesweit einheitlicher Rechts- und Vergütungsrahmen für regionale Diabeteszentren
- risikoadjustierte kontaktunabhängige Vergütung mit Qualitätskomponente
- vollständige Interoperabilität zwischen Diabetesplattform, ePA, Praxis- und Krankenhausinformationssystemen
- kontinuierliches nationales Benchmarking und öffentlich nachvollziehbare Qualitätsberichte
Messbare Ziele
Die Umsetzung sollte von Beginn an an überprüfbare Ziele gebunden werden. Geeignete Endpunkte sind:
- CGM-basierte Ergebnisparameter wie TIR und TBR sowie schwere Hypoglykämien und Ketoazidosen,
- diabetesbezogene Notaufnahmebesuche und vermeidbare Krankenhausaufnahmen,
- Wartezeiten, Erreichbarkeit und Anteil erfolgreich telemedizinisch gelöster Anliegen,
- Patientenzufriedenheit, Belastung durch die Therapie und digitale Teilhabe,
- Arbeitsbelastung und Zufriedenheit der beteiligten Berufsgruppen,
- Anteil zeitlich begrenzter mitbetreuter und erfolgreich rücküberwiesener T2D-Patientinnen und Patienten,
- Kosten pro betreute Person sowie sektorübergreifende Gesamtkosten und
- regionale Unterschiede bei Zugang und Ergebnisqualität.
Risiken und Grenzen
Bei der Umsetzung sollten die folgenden Risiken und Grenzen beachtet und möglichst vermieden werden.
- Digitalisierung ohne Prozessreform: Eine Plattform allein verbessert keine Versorgung. Ohne klare Zuständigkeiten, Arbeitszeit und Vergütung erzeugt sie zusätzliche Datenlast.
- Überwachung statt Unterstützung: Telemonitoring muss transparent, freiwillig und risikoadaptiert erfolgen. Nicht jeder auffällige Wert erfordert einen Kontakt.
- Digitale Ungleichheit: Menschen mit geringer Gesundheits- oder Digitalkompetenz benötigen alternative Zugänge und persönliche Unterstützung.
- Abhängigkeit von einzelnen Anbietern: Offene Standards, Datenportabilität und öffentliche beziehungsweise gemeinnützige Steuerung sind notwendig.
- Unzureichende Risikoadjustierung: Pauschalen dürfen komplexe Patientinnen und Patienten nicht unattraktiv machen.
- Unklare Haftung: Für automatische Signale und nicht bearbeitete Warnungen müssen Verantwortungsbereiche und Reaktionszeiten definiert werden.
- Projektitis: Pilotprojekte brauchen von Anfang an einen realistischen Pfad in die Regelversorgung.
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Erschienen in: Diabetes, Stoffwechsel und Herz, 2026; 35 (5) Seite 270-276
