Man lernt ja bekanntlich nie aus. So lernte ich unlängst zu meiner Überraschung, dass Zehenamputationen, wie sie gelegentlich bei unseren Patienten mit Diabetes notwendig sind, von den Krankenkassen seit 2024 nur noch als ambulante OP vergütet werden. Im Gegensatz zu Operationen an Füßen nach Sportunfällen handelt es sich hier aber um ein gänzlich anderes Patientenklientel. Menschen mit diabetischen Füßen haben nicht nur Einschränkungen durch ihre Stoffwechselsituation, eingeschränkte Schmerzwahrnehmung und begleitende lokale Infekte, ihre Wundheilung wird oft durch eine vorbestehende Durchblutungsstörung der Beine erheblich beeinträchtigt.

Die Notwendigkeit stationärer Behandlungen liegt oft in den sozialen Kontexten dieser Patienten, die einer raschen Heilung entgegenstehen. Herr N. beispielsweise kommt öfter mit anderen Schuhen in unsere Fußambulanz, nicht wegen der Mode, sondern weil er ohne Obdach ist und ihm die Schuhe gelegentlich gestohlen werden. Wir kleben mittlerweile den Verband fest an den Fuß, um ihm zumindest ein Minimum an Entlastung beim Gehen zu gewähren.

Herr K. betreut seine schwer kranke Ehefrau, meistert den Haushalt, erledigt Botengänge und fährt sie unablässig zu den Terminen. Einen Antrag für eine Einstufung in einen Pflegegrad hat er gestellt, aber das Verfahren dauert. Zeit zurückzustecken? Fehlanzeige. Der indizierte Total-Contact-Cast zur Entlastung seines rezidivierenden plantaren Ulcus kommt für ihn nicht in Frage, eine Korrektur-OP sowieso nicht.

Frau P. lebt im dritten Stock ohne Aufzug, sie ist alleinstehend und muss den Alltag stemmen. Eine Verhinderungspflege zur Unterstützung bei einfachen Aufgaben wie Einkaufen oder Botengänge kann sie bei fehlendem Pflegegrad nicht beantragen. Für ihre Termine bei uns nimmt sie öffentliche Verkehrsmittel und humpelt vom Bahnhof zu uns. An ein Taxi ist wegen des fehlenden Pflegegrads gar nicht zu denken.

Ich wünsche mir des Öfteren kein Kaltplasma oder VAC-Pumpen in der Fußklinik, sondern einen Sozialarbeiter, denn im Kern ist das ein großer Teil unserer Tätigkeit in diesem speziellen Bereich der Versorgung. Wir organisieren, therapieren und bieten Zuwendung, Zeit. Gerade diese vulnerable Gruppe von Menschen in der ambulanten Taktung eines OP-Zentrums mit der Reduktion auf eine wichtige, aber nicht allein die Prognose bestimmende Maßnahme, zu behandeln erscheint mir ziemlich realitätsfern. Die ersten postoperativen Tage entscheiden auch bei kleinen Eingriffen über den Verlauf. Mittlerweile bin ich geradezu froh, wenn Menschen mit solchen Eingriffen in einem Heim untergebracht sind, da zumindest in einigen Fällen die Basisversorgung eines Verbandswechsels gegeben ist. Denn überhaupt einen Pflegedienst in ländlichen Regionen aufzutreiben, der am Wochenende bei Wind und Wetter rausfährt, kann eine Herausforderung sein.

Wie können wir den Anforderungen dieser speziellen Gruppe von Personen mit Einschränkungen gerecht werden? Hier haben die diabetologischen Fachabteilungen mit Fußambulanzen an Kliniken sicher eine besonders wichtige Rolle zu spielen, da sie einerseits die fachgerechte Behandlung und die sozialmedizinischen Aspekte sicherstellen können, um die ambulante Versorgung vorzubereiten. Hierzu wird dringend die Einführung einer eigenen Leistungsgruppe "Diabetisches Fußsyndrom" in die Logik des DRG-Systems notwendig sein, um den erhöhten Aufwand in irgendeiner Form abzubilden.

Ambulante Zentren können sich fachlich enger interdisziplinär vernetzen, um die Länge des diagnostischen Prozesses abzukürzen. Nicht die Tenotomie durch Internisten, sondern die Einbindung eines Chirurgen in eine Fußsprechstunde unter einem Dach sollte das Ziel sein. Kooperationen sollten nicht nur wohlfeile Papiertiger für Zertifizierungen, sondern echte strukturelle Fortschritte im Sinne der Patienten und der Behandler sein.

Wir müssen unsere gemeinsame Rolle als regionale Versorger des diabetischen Fußsyndroms aktiv annehmen und gestalten. Wir sollten nicht auf die kaufmännischen Leiter von Kliniken, die Gremien der Kassenärztlichen Vereinigung oder den Gesetzgeber warten. Wir müssen uns selbst so organisieren, dass die "Patientenreise" über aktive Prävention, frühzeitige Erfassung von Fußläsionen, fachgerechte zeitnahe Beurteilung, adäquate ambulante oder stationäre Therapie bis hin zu postoperativen Rehabilitationen und häuslicher Pflege aus einem Guss gedacht wird. Sektoren dürfen dabei keine Rolle mehr spielen.

Dem Thema Fuß widmen wir den aktuellen Schwerpunkt und zukünftig eine fortlaufende Fortbildungsreihe.


Autor:
© privat
Dr. Bernd Liesenfeld
Chefredakteur


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (2) Seite x-x