Wissenschaftsfreiheit in Gefahr: Beim ADA-Kongress 2025 wurden renommierte Diabetologen ausgeschlossen, weil sie ein kritisches Editorial verteilen wollten. Auch in Deutschland drohen politische Eingriffe in Forschung und Lehre.

Stellen Sie sich einmal vor: Ein Polizeieinsatz beim Diabeteskongress 2027. Zu Beginn der Tagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft 2027 in Berlin werden Prof. Gallwitz als Chefredakteur der DDG-Zeitschrift "Diabetes und Stoffwechsel", der ehemalige DDG-Präsident Prof. Fritsche und drei weitere Diabetolog:innen mit Duldung der Präsidentin der DDG vom Sicherheitsdienst des Kongresses aus dem Gebäude geführt, die Kongressausweise konfisziert, der weitere Zutritt zur Veranstaltung untersagt und geplante Vorträge abgesetzt. Alles nur, weil sie ein kritisches Editorial ihrer Zeitschrift zur zunehmend schwierigen Lage der Diabetologie in Deutschland durch die aktuellen Gesetzesreformen verteilen würden. Das gibts doch gar nicht, werden Sie sagen, und schon gar nicht bei uns in Deutschland.

Nun, beim diesjährigen Kongress der amerikanischen Diabetes Gesellschaft (ADA) in New Orleans ist genau das aber so passiert. Die betroffenen Personen waren bekannte Vertreter der amerikanischen Diabetologie. Wie wir alle wissen, stehen Wissenschaft, Forschung und Lehre spätestens seit der Corona-Krise weltweit massiv unter Druck. Fachwissen und Erfahrung in der Medizin werden zunehmend in Frage gestellt, selbsternannte Experten verschaffen sich zunehmend Gehör. Jeder kennt dieses Phänomen aus seiner täglichen Arbeit mit Patienten und Fachkollegen, wenn lange bestehende Glaubenssätze nur schrittweise, langsam oder auch gar nicht beeinflusst werden können. Einige Patienten suchen sogar Hilfe bei alternativen Therapieangeboten im In- und Ausland und scheuen keine Kosten ihre Überzeugungen bestätigt zu finden. Bislang war das ein Randphänomen, aber mit der neuen Regierung in den USA haben "alternative" Denkweisen Rückhalt auf höchster politischer Ebene gefunden und bedrohen die zukünftige Behandlung von Menschen mit Diabetes mellitus weltweit.

Im Kern geht es darum, dass die amerikanische Regierung die Vergabe von Forschungsgeldern nach politischen Kriterien bestimmen möchte. Dies hat bereits jetzt zu massiven Kürzungen (40%) geführt, die den Transfer neuer Diagnostik und Therapie aller medizinischen Fachgebiete betreffen, auch der Diabetologie. Kooperationen mit Institutionen in Europa und weltweit sind hiervon besonders betroffen, da rein nationale, kurzfristige Interessen künftig dominieren sollen.

Eben dagegen protestierten namhafte amerikanische Diabetologen durch Verteilung eines flammenden Editorials (Kahn et al, Diabetes Care, 49(6): 901-905) auf dem diesjährigen Diabeteskongress in New Orleans, mit den geschilderten Konsequenzen.

Und in Deutschland ? Es lohnt sich, einen Blick in das gesundheitspolitische Programm eines als gesichert rechtsextrem eingestuften Landesverbandes einer Partei, die sich im September in Sachen-Anhalt zur Wahl stellt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Konferenz der Hochschulrektoren (HRK) schlagen bereits Alarm: Diese Partei will politisch missliebige Forschungszweige abschaffen. Konkret sollen Mittel gekürzt, Professuren nicht mehr besetzt und Abstimmungen in föderalen Gremien blockiert werden. Praktisches Beispiel: Taucht der Begriff "Gender" in einem Antrag auf, dürfte er mit ziemlicher Sicherheit abgelehnt werden. Geschlechtsspezifische Unterschiede des Glukosestoffwechsels, die bislang zuwenig beforscht wurden, fallen somit schon mal aus der Förderung. Die international anerkannten Abschlüsse Bachelor/Master sollen wieder abgeschafft und durch die alten Diplome ersetzt werden, die niemand weltweit kennt. Es steht die Unabhängigkeit von Universitäten und Forschungseinrichtungen auch mit diabetologischer Ausrichtung auf dem Spiel. Erkennen Sie das Muster? Fortschritt in der Medizin gedeiht aber nur durch offenen Austausch ohne Denkverbote.

Übrigens zeigten viele amerikanische Diabetolog:innen und Berater:innen Haltung. So traten kurz nach dem Vorfall die gewählte Präsidentin der ADA für 2027, Jennifer Green, und der Programmdirektor des Kongresses zurück. Viele Diabetolog:innen verließen die Veranstaltung, leere Säle verliehen Ihrem Ärger Ausdruck. Eine Petition des "Vaters" der DCCT-Studie, David Nathan, die den Rauswurf kritisiert, fand bereits wenige Tage nach dem Kongress mehr als 7 000 Unterzeichner.

Freiheit in Forschung und Lehre und der wichtige Wissenstransfer in den Praxisalltag dürfen nicht dem Wolf im Schafspelz zum Opfer fallen. Es liegt an uns, das zu verhindern.


Autor:
© privat
Dr. Bernd Liesenfeld
Chefredakteur


Erschienen in: Diabetes-Forum, 2026; 38 (4) Seite 5