Der im Jahr 2025 angekündigte Rückzug der Insulinpumpen-Sparte von Roche verdeutlicht eine relevante Versorgungslücke: Mit den betroffenen Geräten entfällt für blinde und sehbehinderte Menschen eine der wenigen Möglichkeiten, Diabetestherapie unterstützende Technologie mithilfe haptischer und akustischer Signale eigenständig zu steuern.

Vorwort

Moderne Smartphones sind durch TalkBack (Android) und VoiceOver (iOS) für blinde und sehbehinderte Menschen längst eine wichtige Brücke im Alltag. Gleichzeitig zeigen praktische Erfahrungen mit Diabetes-Apps, dass digitale Teilhabe durch unbeschriftete Schaltflächen und fehlende Barrierefreiheit häufig für diese Patientengruppe eingeschränkt wird. Angesichts der medizinischen Notwendigkeit einer sicheren Therapie ist dies ein relevantes Sicherheits- und Versorgungsproblem.

Der vorliegende Kommentar richtet sich an Industrie, Politik, Fachgesellschaften und weitere Akteure der Versorgung. Barrierefreiheit von Diabetestechnologie ist kein optionales Zusatzfeature, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Patientensicherheit und Eigenständigkeit. Ein mit dem Posterpreis der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ausgezeichneter Beitrag zur Nutzung von Diabetestechnologie für blinde und sehbehinderte Menschen weist auf den hohen Bedarf und die vorhandenen Kompetenzen der Betroffenen hin (Umfrage online 2025).

Die folgenden Anforderungen und Empfehlungen sollen dazu beitragen, Barrierefreiheit verbindlich in Produktentwicklung, Zulassung und Versorgungspraxis zu verankern.

Einleitung

Die Digitalisierung der Diabetestherapie bietet ein historisches Potenzial für die Inklusion blinder und sehbehinderter Menschen. Während moderne Hilfsmittel wie Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) und Insulinpumpen theoretisch die vollständige Autonomie ermöglichen, scheitern sie in der Praxis oft an vermeidbaren Barrieren in der Software-Programmierung und im Hardware-Design. Dieser Kommentar definiert die notwendigen Standards, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten, Folgekosten für das Sozialsystem zu senken und eine dem medizinischen Stand entsprechende Versorgung sicherzustellen [diabetesDE 2022, W3C 2024, ETSI/CEN/CENELEC 2025, ISO 2021, EU 2017, EU 2019, UN 2006].

Zielgruppe und medizinische Notwendigkeit

  • Prävalenz: In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen Menschen mit Diabetes, die gleichzeitig von einer Sehbeeinträchtigung betroffen sind. Jährlich erblinden rund 2000 Menschen infolge eines Diabetes mellitus [diabetesDE 2022, diabetesDE 2024, DBSV 2025].
  • Sicherheitsrisiko: Die Unzugänglichkeit von Therapiesystemen führt zum Verlust der Eigenständigkeit. Betroffene sind auf ständige Assistenz angewiesen, um lebensgefährliche Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden [diabetesDE 2022, IEC 2020, ISO 2021, EU 2017].
  • Wirtschaftlichkeit: Barrierefreie Technik verhindert die Notwendigkeit von kostenintensiven 24-Stunden-Assistenzen und senkt das Risiko für teure stationäre Behandlungen infolge von Fehlbedienungen [diabetesDE 2022, WHO 2022].

Technische Kernforderungen: Software und Apps

Barrierefreiheit muss als Qualitätsstandard in der Entwicklung ("Accessibility by Design") verankert werden. Die Nutzung vorhandener Betriebssystem-Standards ist hierbei der effizienteste Weg (Tabelle 1) [W3C 2024, ETSI/CEN/CENELEC 2025, Apple Developer 2025a, Google/Android Developers 2026a, UN 2006].

Tab. 1: Technische Kernanforderungen für Barrierefreiheit in Softwares und Apps.

Technische Kernforderungen: Hardware-Design

Hardware muss das "Hören-Fühlen-Prinzip" verfolgen, um visuelle Defizite auszugleichen [IEC 2020, ISO 2021, EU 2017].

  • Haptisches Feedback: Insulinpens und -pumpen müssen eine spürbare Rastung (Klicken) pro abgegebener Einheit aufweisen [ISO 2021].
  • Taktile Orientierung: Physische Tasten oder Gehäusemarkierungen müssen die blinde Bedienung ermöglichen (keine reinen Touch-Oberflächen ohne taktile Hilfen) [ISO 2021, EU 2017].
  • Akustische Redundanz: Alle Warnsignale (z. B. Hypoglykämie-Alarm, Okklusion, Batterie) müssen über eindeutige, lautstarke akustische Signale verfügen, die nicht allein auf einer Displaymeldung basieren [IEC 2020, EU 2017].

Regulatorischer Rahmen und Umsetzung

Um die Umsetzung flächendeckend zu garantieren, müssen Barrierefreiheitsstandards in die Zulassungsprozesse integriert werden:

  1. Zertifizierung: Die Einhaltung der EN 301 549 (Europäischer Standard für Barrierefreiheit) muss ein Pflichtkriterium für die Listung als digitales Medizinprodukt (z. B. Pumpensteuerungsapp, Digitale Gesundheitsanwendung [DiGA]) sein [ETSI/CEN/CENELEC 2025, EU 2019, BMG 2026, BfArM 2025].
  2. Hilfsmittelverzeichnis: Hier sollten bevorzugt Systeme aufgenommen werden, die nachweislich barrierefrei bedienbar sind [GKV-Spitzenverband 2026].
  3. Schulung: Assistive Technologien sollten in die Ausbildung von Diabetesberatern und Medizinern integriert werden [ISO 2021, UN 2006, WHO 2022].

Fazit

Digitalisierung darf in der Diabetesversorgung keine neuen Hürden schaffen, sondern muss den Zugang zu Information, Behandlung und Unterstützung erleichtern. Digitale Anwendungen sollten so gestaltet sein, dass sie für alle Menschen verständlich, nutzbar und barrierefrei zugänglich sind. Dafür braucht es eine standardgemäße Programmierung, die technische Qualität mit den Bedürfnissen der Betroffenen verbindet. Die Einbeziehung von Betroffenenverbänden ist dabei unverzichtbar, um praxisnahe und inklusive Lösungen zu entwickeln. So kann Digitalisierung zu einer echten Brücke der Teilhabe werden und zu einer modernen, gerechten Diabetesversorgung beitragen [W3C 2024, ETSI/CEN/CENELEC 2025, EU 2019, UN 2006, WHO 2022].

Zur Stärkung der Datengrundlage wird darum gebeten, die Umfrage 2026 an Patientinnen und Patienten weiterzugeben: Hier geht es zur Patienten-Umfrage


→Literatur
Apple Developer: Human Interface Guidelines – Accessibility. Stand 09.06.2025a. https://developer.apple.com/design/human-interface-guidelines/accessibility
Apple Developer: Human Interface Guidelines - Dynamic Type/Typography. Stand 16.12.2025b. https://developer.apple.com/design/human-interface-guidelines/typography
Apple Developer: Human Interface Guidelines - VoiceOver Evaluation Criteria. https://developer.apple.com/help/app-store-connect/manage-app-accessibility/voiceover-evaluation-criteria (letzter Zugriff: 17.06.2026)
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Wissenswertes zu DiGA und DiGA-Leitfaden (Stand 10.12.2025, Version 3.6), u. a. Prüfung von Produkteigenschaften und Interoperabilität. www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/Aufgaben/DiGA-und-DiPA/DiGA/Wissenswertes/_node.html
Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung (DiGAV), insbesondere § 5 Abs. 6, § 8 Abs. 3, § 21 Abs. 5 und Anlage 2. Stand 27.01.2026. www.gesetze-im-internet.de/digav
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Zahlen & Fakten; ergänzend: Sehen und Sehverlust in Deutschland 2025. www.dbsv.org/zahlen-fakten.html (letzter Zugriff: 31.05.2026)
diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe/Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Die therapeutische Versorgung von Menschen mit Diabetes mellitus und Seheinschränkung: Stand und Handlungsbedarf. Stand: 30.03.2022. www.diabetesde.org/system/files/documents/faktenblatt_diabetes_und_seheinschraenkung.pdf
diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe. Diabetes in Zahlen. Stand 2024. www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen (letzter Zugriff: 31.05.2026)
ETSI/CEN/CENELEC: EN 301 549 – Accessibility requirements for ICT products and services; maßgeblicher europäischer Standard für barrierefreie IKT. Stand 06/2025. www.etsi.org/deliver/etsi_en/301500_301599/301575/01.02.01_60/en_301575v010201p.pdf
Europäische Union (EU)/Deutschland. Richtlinie (EU) 2019/882 über Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen (European Accessibility Act) und Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Stand 17.04.2019. Englisch: https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2019/882/oj; Deutsch: www.gesetze-im-internet.de/bfsg
Europäische Union (EU): Verordnung (EU) 2017/745 über Medizinprodukte (MDR), insbesondere Anhang I zu Risiko, ergonomischen Merkmalen, Gebrauchstauglichkeit und Anwendergruppen. Stand 05.04.2017. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2017/745/oj
GKV-Spitzenverband: Hilfsmittelverzeichnis, Funktion und Anforderungen an Produktgruppen/Qualitätsmerkmale. Stand 2026. https://hilfsmittel.gkv-spitzenverband.de/home
Google/Android Developers: Principles for improving app accessibility. Stand 11.06.2026a. https://developer.android.com/guide/topics/ui/accessibility/principles?hl=de
Google/Android Developers: Semantics in Jetpack Compose. Stand 12.06.2026b. https://developer.android.com/develop/ui/compose/accessibility/semantics?hl=de
International Electrotechnical Commission (IEC): IEC 62366-1:2015+AMD1:2020 CSV, Medical devices - Part 1: Application of usability engineering to medical devices. Stand 17.06.2020. https://webstore.iec.ch/en/publication/67220
International Organization for Standardization (ISO): ISO 11608-7:2016, Needle-based injection systems for medical use - Part 7: Accessibility for persons with visual impairment. Stand 2021. www.iso.org/standard/62507.html
Vereinte Nationen (UN). UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). 2006. insbesondere Art. 4 Abs. 3 zur aktiven Einbeziehung repräsentativer Organisationen und Art. 9 zur Zugänglichkeit. Dokumentiert beim Deutschen Institut für Menschenrechte. Art. 4: www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/datenbanken/datenbank-fuer-menschenrechte-und-behinderung/detail/artikel-4-un-brk Art. 9: www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/datenbanken/datenbank-fuer-menschenrechte-und-behinderung/detail/artikel-9-un-brk
Weltgesundheitsorganisation (WHO)/UNICEF: Global report on assistive technology. Geneva: WHO/UNICEF. 2022. www.who.int/publications/i/item/9789240049451
World Wide Web Consortium (W3C). Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2. W3C Recommendation. Stand 12.12.2024. www.w3.org/TR/WCAG22

Korrespondenzadresse:
© DDG/Deckbar
Dr. Sandra Schlüter
Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft
Lise-Meitner-Straße 8/2, 89081 Ulm

Weitere Autoren:
C. Berndt-Zipfel, D. Drossel, G. Freckmann, T. Wiesner



Interessenkonflikt:
CBZ ist Diabetologin in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis Bosenheim, Bad Kreuznach. CBZ erhielt in den letzten drei Jahren Vortrags-/Beratungshonorare von Dexcom, Lilly, Novo Nordisk, VitalAire. DD hat keinerlei Interessenkonflikte. GF ist Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des IfDT (Institut für Diabetes-Technologie Ulm GmbH, Ulm), welches klinische Studien zu Medizinprodukten für die Diabetestherapie auf eigene Initiative oder für verschiedene Firmen durchführt. GF/IfDT erhielt in den letzten drei Jahren Vortrags-/Beratungshonorare oder Forschungsunterstützung von Abbott, Ascensia, Bionime, Boydsense, Dexcom, Glucoset, Insulet, I-Sens, Lilly, Menarini, Perfood, Pharmasens, Roche, Sinocare, Vertex, Ypsomed. TW erhielt Vortragshonorare von Abbott, Bayer, Berlin-Chemie, Boehringer Ingelheim, Dexcom, GSK, Eli Lilly, Novo Nordisk, Sanofi Aventis; Beratungshonorare von Abbott, Boehringer Ingelheim, Dexcom, Novo Nordisk, Sanofi Aventis. TW ist Mitglied des Vorstandes der Deutschen Diabetesgesellschaft und des Berufsverbandes BVND (Bundesverband Niedergelassener Diabetologen). SS ist wissenschaftlich beratend tätig für Dexcom, Diabeloop, Glooko, Minimed, Roche und hielt Vorträge für Abbott, Ascensia, AstraZeneca, Berlin-Chemie, Dexcom, Diabeloop, Glooko, Insulet, Lilly, Menarini, Minimed, Novo Nordisk, Roche, Sanofi, ViCentra.


Erschienen in: Diabetes, Stoffwechsel und Herz, 2026; 35 (4) Seite 233-235