Wessells H, Braffett BH, Holt SK, Jacobson AM, Kusek JW, Cowie C, Dunn RL, Sarma AV, DCCT/EDIC Study Group. Washington, USA; Diabetes Care 2018; 41: 2170 – 2177

Fragestellung: Typ-1-Diabetes wurde mit hohen Raten von Harnwegserkrankungen und sexuellen Problemen in Verbindung gebracht, aber die kumulative Belastung und die Überschneidungen dieser Komplikationen sind unbekannt. Wir versuchten die Prävalenz urologischer Komplikationen bei Personen mit Typ-1-Diabetes, Assoziationen mit klinischen und Diabetes-bezogenen Faktoren sowie die Häufigkeit des Auftretens, der Persistenz und der Remission zu bestimmen.

Studiendesign und Methoden: Diese ergänzende longitudinale Studie bei Teilnehmern des Diabetes Control and Complications Trial (DCCT) und der nachfolgenden Beobachtungs-Studie Epidemiology of Diabetes Interventions and Complications (EDIC) (652 Frauen und 713 Männer) wurde 2003 und 2010/2011 durchgeführt. Harninkontinenz, Symptome der unteren Harnwege, Harnwegsinfektionen, weibliche sexuelle Dysfunktionen, erektile Dysfunktion, verringerte männliche Libido und Orgasmusstörungen wurden mit validierten Instrumenten gemessen. Die Assoziation von Komplikationen mit demografischen und klinischen Parametern wurde durch logistische Regression bestimmt.

Ergebnisse: Von den sexuell aktiven Frauen, die 2010/2011 an der Untersuchung teilnahmen, berichteten 35 % keine Komplikationen, 39 % hatten eine, 19 % zwei, 5 % drei und 2 % vier Komplikationen. Bei Männern hatten 31 % keine Komplikationen, 36 % hatten eine, 22 % zwei, 9 % drei und 3 % vier Komplikationen. Sexuelle Dysfunktionen waren am häufigsten (bei 42 % der Frauen und 45 % der Männer), gefolgt von Harninkontinenz bei Frauen (31 %) und geringer Libido bei Männern (40 %). Urologische Komplikationen waren mit dem Alter, BMI und HbA1c assoziiert. Die Remissionsraten lagen über das 7-jährige Intervall zwischen den Erhebungen bei 4 bis 12 %.

Schlussfolgerungen: Urologische Komplikationen sind bei Personen mit Typ-1-Diabetes häufig und treten oft in Kombination auf. Die niedrigen Remissionsraten zeigen einen Bedarf für zukünftige Studien zur Reduktion des Auftretens beziehungsweise der Ausprägung der urologischen Komplikationen bei Diabetes auf.

Kommentar: Im Rahmen des DMP screenen wir nach Retinopathie, Neuropathie und Albuminurie, aber die geschilderten urologischen Komplikationen dürften von den wenigsten Diabetologen regelmäßig und systematisch überprüft werden. Angesichts der Häufigkeit – circa
zwei Drittel der Patienten hatten im Beobachtungszeitraum zumindest ein urologisches Ereignis – und der relativ geringen Remissionsraten sowie der Beeinträchtigung der individuellen Lebensqualität wäre dies aber wohl sinnvoll, insbesondere da die Zahlen für Retinopathie, Neuropathie und Nephropathie rückläufig sind. Außerdem bestehen über die Verbesserung des BMI und des HbA1c auch Möglichkeiten die Ereignisraten zu reduzieren.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (5) Seite 52