Menting J, Tack CJ, van Bon AC, Jansen HJ, van den Bergh JP, Mol MJTM, Goedendorp MM, Donders R, Knoop H; Amsterdam, Niederlande; Lancet Diabetes Endocrinol 2017; 5: 448 – 456

Einführung: Fatigue (chronische Erschöpfung) tritt bei Typ-1-Diabetes auf und bleibt langfristig bestehen. Bis heute fehlen dafür evidenzbasierte Behandlungskonzepte. Die Autoren machten sich zur Aufgabe, die Effektivität einer kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) zur Reduktion der Schwere der Erschöpfung bei Patienten mit Typ-1-Diabetes zu evaluieren.

Methodik: Es wurde eine multizentrische randomisierte kontrollierte Studie an einer Universitätsklinik und vier großen Ausbildungskliniken in den Niederlanden durchgeführt. Dazu wurden Patienten im Alter zwischen 18 und 70 Jahren mit mindestens einem Jahr Typ-1-Diabetesdauer und mindestens 6 Monaten Fatigue rekrutiert. Die Patienten wurden zufällig (1 : 1) einer CBT-Gruppe oder einer Warteliste zugewiesen. Dazu wurde eine computerbasierte Blockrandomisierung durchgeführt, die nach der Form der Rekrutierung stratifiziert wurde. Die CBT-Intervention (Dia-Fit) wurde über 5 Monate angeboten. Sie umfasste persönliche Sitzungen und webbasierte Angebote. Das Hauptergebnis bezog sich auf die Ausprägung der Erschöpfung fünf Monate nach der Randomisierung, d. h. direkt nach der Intervention oder zum Schluss der Wartezeit. Dazu wurde die Subskala „Ausprägung der Erschöpfung“ der CIS (Checklist Individual Strength) eingesetzt. Sekundäre Ergebnisse bezogen sich auf funktionale Beeinträchtigungen (Gesamtwert des „Sickness Impact Profile-8“), Qualität der Stoffwechseleinstellung (HbA1c) und die Glukosevariabilität. Es wurde eine Intention-to-treat-Analyse durchgeführt.

Ergebnisse: Zwischen dem 6. Februar 2014 und dem 24. März 2016 wurden 120 in Frage kommende Patienten zufällig entweder der CBT-Gruppe (n = 60) oder der Wartekontrollgruppe (n = 60) zugewiesen. Alle diese Patienten gingen in die Intention-to-treat-Analyse ein. Gegenüber den Patienten der Wartegruppe wiesen die Patienten der CBT-Gruppe nach fünf Monaten signifikant geringere Erschöpfungswerte (mittlere Differenz 13,8; 95 % CI 10,0 – 17,5; p < 0,0001) und signifikant niedrigere Werte bezogen auf funktionale Beeinträchtigungen auf (mittlere Differenz 513; 95 % CI 340 – 686; p < 0,0001). Das mittlere HbA1c und die Glukosevariabilität veränderten sich nicht, es ergaben sich hierbei keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Fünf Patienten der CBT-Gruppe und sieben Patienten der Wartegruppe berichteten von unerwünschten Ereignissen; keines der Ereignisse stand jedoch in Zusammenhang mit der Studienteilnahme.

Schlussfolgerung: Obwohl die Ergebnisse in größeren und längeren Studien bestätigt werden sollten, legen sie nahe, dass die kognitive Verhaltenstherapie die Ausprägung der Erschöpfung und funktionale Beeinträchtigungen bei Typ-1-Diabetes effektiv reduzieren kann.

Kommentar: Das anspruchsvolle Studiendesign und die differenzierten psychologischen Hilfen für überforderte Patienten mit Typ-1-Diabetes sind hier hervorzuheben. Die positiven psychischen Effekte sind ein erster Schritt, jedoch bleibt die Qualität der Stoffwechseleinstellung weiterhin unzureichend. Hier wäre kritisch zu überlegen, ob über psychotherapeutische Ansätze hinaus nicht auch einfachere Formen der Insulintherapie zu besserer Adhärenz, stabileren Stoffwechselwerten und weniger Belastung beitragen könnten.



Autorin: Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange
Diplom-Psychologin, Fachpsychologin Diabetes DDG
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2017; 17 (3) Seite 49