Bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung des Diabetes (EASD) wurden neueste, bisher unveröffentlichte Daten aus der Studie Reversal of Type 2 Diabetes upon Normalisation of Energy Intake in the Non-obese (ReTUNE) vorgestellt. Die Studie wurde gefördert von Diabetes UK und untersuchte, ob auch normalgewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes durch eine Gewichtsreduktion eine Remission erreichen können. Gegenstand der Untersuchung war zudem die Frage, ob das intra-organische Fett auch bei normalgewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes erhöht ist und wie sich diese Werte nach einer durch Gewichtsabnahme induzierten Remission verändern.

Neue Forschungsergebnisse, die auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) vorgestellt wurden, zeigen, dass entgegen der landläufigen Meinung auch normalgewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes ihre Krankheit durch eine erhebliche Gewichtsabnahme umkehren können. „Das Ergebnis zeigt eindeutig, dass eine Gewichtsabnahme bei Typ-2-Diabetes von Vorteil sein kann, selbst bei normalgewichtigen Personen,“ sagte Professor Roy Taylor von der Universität Newcastle, Newcastle, Vereinigtes Königreich, der die Studie leitete.

In der Studie erreichten acht der 12 Teilnehmer eine Remission, nachdem sie 10 – 15 % ihres Körpergewichts verloren hatten, obwohl ihr BMI im Bereich des Normalgewichts lag.

Der Fettgehalt in der Leber und der Bauchspeicheldrüse ging deutlich zurück, und die Aktivität der insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse wurde wiederhergestellt. Diese Studie stütze auch die Idee, dass jeder von uns eine „persönliche Fettschwelle“ hat – ein Maß an Körperfett, mit dem wir umgehen können – und dass wir, wenn wir dieses Maß überschreiten, einen Typ-2-Diabetes entwickeln, selbst wenn wir noch normalgewichtig sind, kommentierte Prof. Taylor die Ergebnisse.

Normalgewichtige im Abnehmprogramm

Für die Studie nahmen zwölf normalgewichtige Männer und Frauen mit Typ-2-Diabetes (durchschnittlicher BMI von 24,5 kg/m²) zwei Wochen lang an einem Abnehmprogramm teil, bei dem sie täglich 800 Kalorien (aus kalorienarmen Suppen und Shakes) zu sich nahmen. Anschließend erhielten sie vier bis sechs Wochen lang Unterstützung, um ihr neues Gewicht zu halten. Sie absolvierten bis zu drei Runden dieses Diät-/Gewichtserhaltungszyklus, bis sie 10 – 15 % ihres Körpergewichts verloren hatten. Die Teilnehmer unterzogen sich zu Beginn der Studie und nach jeder Diät- und Gewichtserhaltungsrunde einer Reihe von Tests. Ihre Ergebnisse am Ende der Studie wurden mit denen einer Kontrollgruppe verglichen –­ Menschen ohne Diabetes, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und BMI identisch waren. Diabetesremission durch Gewichtsabnahme auch bei Normalgewichtigen Das Durchschnittsgewicht sank um 8,2 kg, von 69 kg auf 61,8 kg – eine Verringerung um 11,9 %. Der Gesamtkörperfettanteil sank von 33,1 % auf 27,4 %. Im Vergleich dazu lag der Wert bei den Kontrollpersonen bei 25,4 %. Bisherige Forschungen hätten gezeigt, dass eine Gewichtsabnahme von 10 – 15 % bei übergewichtigen oder fettleibigen Menschen mit Typ-2-Diabetes zu einer Remission führen könne. Ärzte neigten jedoch zu der Annahme, dass Typ-2-Diabetes bei Menschen, die nicht übergewichtig sind, eine andere Ursache habe – demnach werde normalgewichtigen Menschen im Gegensatz zu Übergewichtigen in der Regel nicht geraten, Gewicht zu verlieren, bevor sie Diabetesmedikamente und Insulin erhalten, führte Prof. Taylor aus.

Er erklärte: „Wir haben gezeigt, dass normalgewichtige Menschen eine sehr gute Chance haben, ihren Diabetes loszuwerden, wenn sie 10 – 15 % ihres Gewichts verlieren.“

Diese neuen Ergebnisse stammen aus der Reversal of Type 2 Diabetes upon Normalisation of Energy Intake in the Non-obese (ReTUNE)-Studie, in der untersucht wird, ob eine Gewichtsabnahme auch bei normalgewichtigen Menschen die Krankheit umkehren kann.

Der Schlüssel: hepatischer Lipoproteinexport

Dr. Ahmad Al-Mrabeh, Erstautor und Mitautor der Studie, fügte hinzu: „Wir haben bereits gezeigt, dass ein Prozess namens hepatischer Lipoproteinexport der Schlüssel ist.“ Er erklärte: „Überschüssiges Fett wird normalerweise in den subkutanen Fettbereichen unter unserer Haut gespeichert. Wenn diese Speicher jedoch voll sind oder nicht mehr richtig funktionieren, gelangt das überschüssige Fett in den Blutkreislauf, bevor es in der Leber gespeichert und durch Lipoproteine in andere Gewebe exportiert wird.

Wir haben gezeigt, dass dieser Prozess die Fettansammlung in der Bauchspeicheldrüse antreibt, von der man annimmt, dass sie die insulinproduzierenden Zellen schädigt und Typ-2-Diabetes verursacht.“

„Eine Gewichtsabnahme durch Kalorienrestriktion ist ein wirksames Mittel, um eine Remission von Typ-2-Diabetes zu erreichen, und es ist bemerkenswert, dass die Remission in dieser nicht fettleibigen Gruppe bei 67 % liegt“, erläuterte Al-Mrabeh, der kürzlich von der Universität Newcastle an die Universität Edinburgh gewechselt ist. Allerdings sei dieser Ansatz für viele Menschen, auch für solche mit normalem BMI, eine Herausforderung. Prof. Taylor ergänzte:

„Als Faustregel gilt, dass Ihr Taillenumfang heute derselbe sein sollte wie mit 21 Jahren. Wenn Sie jetzt nicht mehr in die gleiche Hosengröße hineinpassen, tragen Sie zu viel Fett mit sich herum und haben daher ein Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, auch wenn Sie nicht übergewichtig sind.“

Scheinbar gesunde Leberfettwerte können Typ-2-Diabetes auslösen

Die jüngste Studie von Professor Roy Taylor und Kollegen von der Universität Newcastle untersuchte, ob das intra-organische Fett auch bei normalgewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes erhöht ist und wie sich die Werte des intra-organischen Fetts nach einer durch Gewichtsabnahme induzierten Remission veränderten.

Die Studie verwendete Daten aus zwei BMI-Kategorien. Die erste bestand aus 56 Teilnehmern der DiRECT-Studie. Sie hatten einen durchschnittlichen BMI von 35,1 kg/m²und ein Durchschnittsalter von 53 Jahren. Die zweite Kohorte setzte sich aus 15 Teilnehmern der Studie Reversal of Type 2 Diabetes upon Normalisation of Energy Intake in the Non-obese (ReTUNE) zusammen. Die Teilnehmer hatten einen durchschnittlichen BMI von 24,3 kg/m² und ein Durchschnittsalter von 58 Jahren. Beide Kohorten nahmen an dem Gewichtsmanagementprogramm teil, das die Einnahme von 800 Kalorien pro Tag beinhaltete, gefolgt von einer Unterstützung bei der Aufrechterhaltung des neuen Gewichts.

Mit Hilfe von Scans wurde der Fettgehalt in Leber und Bauchspeicheldrüse vor und nach der Gewichtsabnahme gemessen. Schließlich wurden die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe verglichen – Menschen ohne Diabetes, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und BMI identisch waren. Das Leber- und Bauchspeicheldrüsenfett war bei den Diabetikern unabhängig von ihrem BMI höher als bei den Kontrollpersonen und sank mit der Gewichtsabnahme.

Bei den DiRECT-Teilnehmern verringerte sich das Leberfett drastisch, und zwar von durchschnittlich 16 % auf 3 %. Bei den übergewichtigen Kontrollpersonen lag der Wert bei 5,5 %. Bei den ReTUNE-Teilnehmern sank das Leberfett von 4,7 % auf 1,4 %. Bei den normalgewichtigen Kontrollpersonen lag der Wert bei 1,9 %. Die Werte für das Fett in der Bauchspeicheldrüse sanken bei den DiRECT-Teilnehmern von 8,5 % auf 7,6 % (Kontrolle: 6,8 %) und bei den ReTUNE-Teilnehmern von 5 % auf 4,5 % (Kontrolle: 3,4 %). In der DiRECT-Studie erreichten 60 % der Teilnehmer und in der ReTUNE-Studie 67 % der Teilnehmer eine Remission ihres Typ-2-Diabetes. Remission wurde definiert als ein HbA1c-Wert von weniger als 48 mmol/mol und das Absetzen aller Medikamente.



Literatur:
Pressemitteilung von der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD)
Fazit
  • Auch normalgewichtige Menschen mit Typ-2-Diabetes können durch eine Gewichtsabnahme von 10 – 15 % eine Remission erreichen.
  • Das Leber- und Bauchspeicheldrüsenfett war bei den Diabetikern unabhängig von ihrem BMI höher als bei den Kontrollpersonen und sank mit der Gewichtsabnahme
  • Der hepatische Lipoproteinexport treibt die Fettansammlung in der Bauchspeicheldrüse an, von der man annimmt, dass sie die insulinproduzierenden Zellen schädigt und Typ-2-Diabetes verursacht.

Autorin und Korrespondenzadresse:
Ingeborg Fischer-Ghavami
Kirchheim-Verlag


Conflict of Interest:
Die Autorin hat keinen Interessenkonflikt.



Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2021; 21 (6) Seite 24-28