Diabetes Care 2021: 44: 2225 – 2230.

Ziel: Das Hauptziel der Epidemiology of Diabetes Interventions and Complications (EDIC)-Studie besteht darin, den Nutzen einer früheren bzw. späteren Durchführung einer Intensivtherapie bei Typ-1-Diabetes im Hinblick auf das langfristige Risiko des Fortschreitens einer renalen (mikrovaskulären) und kardiovaskulären (makrovaskulären) Komplikation abzuschätzen.

Studiendesign und Methoden: Cox-Proportional-Hazards-Regressionsmodelle schätzten die 20-jährige kumulative Inzidenz (absolutes Risiko) und das 20-jährige relative Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD) und eine verringerte geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) während der ersten 20 Jahre der EDIC-Nachbeobachtung als Funktion des mittleren HbA1c.

Ergebnisse: Ein hypothetischer Patient, der zu einem früheren Zeitpunkt mit einer 10-jährigen Intensivtherapie und einem mittleren HbA1c-Wert von 7 % (53 mmol/mol) behandelt wurde und anschließend 10 Jahre lang mit einem mittleren HbA1c-Wert von 9 % (75 mmol/mol) behandelt wurde, hätte ein um 33 % geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine um 52 % geringere geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) im Vergleich zu einem Patienten mit einem mittleren HbA1c-Wert von 9 % (75 mmol/mol) in den ersten 10 Jahren und einer späteren Intensivtherapie über 10 Jahre mit einem HbA1c-Wert von 7 % (53 mmol/mol). Obwohl beide Patienten über die 20 Jahre hinweg die gleiche durchschnittliche glykämische Belastung aufwiesen, hatte der Patient mit dem niedrigeren HbA1c-Wert in den ersten 10 Jahren ein geringeres Risiko für das Fortschreiten von Komplikationen über die 20 Jahre hinweg als der Patient mit dem höheren Ausgangswert.

Schlussfolgerungen: Während die Durchführung einer Intensivtherapie bei Typ-1-Diabetes zu jedem Zeitpunkt von Vorteil ist, ist innerhalb des modellierten 20-Jahres-Zeitraums eine frühere im Vergleich zu einer späteren Durchführung mit einer größeren Verringerung des Risikos von Nieren- und Herz-Kreislauf-Komplikationen verbunden.

Kommentar: In der Oktober-Ausgabe von Diabetes Care finden sich 3 lesenswerte, frei verfügbare Artikel und ein Kommentar zu dem Thema Langzeiteffekte von früher Blutglukoseoptimierung. Die Daten der 3 Arbeiten unterstützen die (umstrittene) These des „metabolic memory“ (T1D) bzw. dem „legacy effect“ (T2D) und versuchen hierfür Erklärungen zu geben und zugrundeliegende molekulare Mechanismen aufzuzeigen. Die klinische Botschaft aus den Studien ist klar: Die normnahe Blutglukoseeinstellung in den ersten Jahren der Erkrankung hat eine enorme Bedeutung für die Reduktion der späteren Komplikationsraten.



Autor:
Prof. Dr. med. Michael Hummel

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2021; 21 (6) Seite 43