Gagnum V, Saeed M, Stene LC, Leivestad T, Joner G, Skrivarhaug T. Oslo, Norwegen; Diabetes Care 2018: 41: 420 – 425

Fragestellung:Die dialysepflichtige Nephropathie (ESRD) ist eine der schwersten Komplikationen des Typ-1-Diabetes. Es wurde versucht die kumulative Inzidenz der ESRD bei Individuen mit in der Kindheit manifestiertem Typ-1-Diabetes und einer Nachverfolgungszeit von bis zu 42 Jahren abzuschätzen.

Studiendesign und Methodik:Die Daten generieren sich aus dem landesweiten, populationsbasiertem Norwegian Childhood Diabetes Registry und schlossen Patienten mit neu-manifestiertem Typ-1-Diabetes (Alter < 15 Jahre) ein, die die Diagnose während des Zeitraums von 1973 – 1982 und 1989 – 2012 erhielten. Die Nachverfolgung fand bis zum Auftreten von ESRD, Tod, Auswanderung oder dem 30. November 2015 statt. Wir schätzten die kumulative Inzidenz der ESRD durch einen Abgleich mit dem Norwegian Renal Registry ab.

Ergebnisse:Von den 7 871 Patienten, die 147 714 nachverfolgte Personenjahre repräsentieren, entwickelten 103 Individuen eine ESRD (1,3 %). Die mittlere Zeitdauer von der Diagnose des Diabetes bis zum Auftreten der ESRD war 25,9 Jahre (Spanne von 12,7 – 39,1). Die kumulative Inzidenz der ESRD war 0,7 % (95 % CI 0,4 – 1,0) bei 20-jähriger Diabetesdauer, 2,9 % (2,3 – 3,7) bei 30-jähriger Diabetesdauer und 5,3 % (4,3 – 6,5) bei 40-jähriger Diabetesdauer. Das Risiko für das Entwickeln einer ESRD war bei Frauen niedriger als bei Männern (Hazard Ratio [HR] 0,61; 95 % CI 0,41 – 0,91) und höher bei Individuen, bei denen der Diabetes im Alter von 10 – 14 Jahren diagnostiziert wurde im Vergleich zu Individuen mit einer Diabetesmanifestation vor dem 10. Lebensjahr (HR 1,29; 1,06 – 1,56). Die Autoren konnten zwischen jenen, bei denen 1973 – 1982 beziehungsweise 1989 – 2012 der Diabetes diagnostiziert wurde, keinen signifikanten Unterschied für das ESRD-Risiko detektieren (HR 0,80; 0,45 – 1,45).

Schlussfolgerung: Sie berichten eine sehr niedrige Inzidenz von ESRD bei Patienten mit in der Kindheit beginnendem Diabetes in Norwegen. Das Risiko war bei Frauen niedriger als bei Männern und niedriger bei Individuen, die den Diabetes in jüngeren Jahren entwickelten.

Kommentar: Diese qualitativ hochwertigen Registerdaten überblicken über eine lange Nachverfolgungszeit eine relativ hohe Zahl von Patienten. Die Autoren spekulieren, dass sowohl unter anderem die frühe Einführung der intensivierten Insulintherapie ICT und der ACE-Inhibitor-Gabe in Norwegen als auch gute Versorgungsstrukturen die niedrige ESRD-Inzidenz mit bedingen. Wie auch in anderen Studien wird ein erhöhtes ESRD-Risiko bei Personen mit Manifestation in der Pubertät beschrieben, ohne dass diese Beobachtung gut erklärt werden kann. Ebenso wie in anderen, neueren Studien zeigt sich, dass inzwischen die höchste Inzidenz an ESRD erst nach 25-29 Jahren Diabetesdauer erreicht wird und die Inzidenzrate dann auf diesem Niveau verbleibt.



Autor: PD Dr. med. Michael Hummel
Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München
Ingolstädter Landstr. 1
85764 Neuherberg
und
Krankenhaus München-Schwabing
Kölner Platz 1
80804 München

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (2) Seite 51-52