Jianguang J, Tianhui Ch, Sundquist J, Sundquist K. Lund, Schweden; Diabetes Care 2018; 41: 770 – 774

Zielsetzung: Ziel dieser Studie war es, zu untersuchen, ob eine familiäre Belastung mit Typ-1-Diabetes (T1D) einhergeht mit einer erhöhten Inzidenz eines Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) bei den Nachkommen.

Methode: Die Patienten wurden aus dem nationalen Schwedischen Krankenhausentlassregister sowie aus dem schwedischen Ambulanzregister rekrutiert. Als zweite Datenquelle diente das schwedische Familienregister (Multi-Generation-Register). Für die Berechnung der Hazard Ratio (HR) eines ADHS bei den Nachfahren von Diabetespatienten wurde eine Coxregression verwendet. Zum Vergleich diente die allgemeine Bevölkerung.

Ergebnisse: 15 615 Personen wurden als Nachkommen von Patienten mit Typ-1-Diabetes registriert. Nach Berücksichtigung einiger Confounders zeigten die Nachfahren von Typ-1-Diabetes-Patienten ein signifikant erhöhtes ADHS-Risiko mit einer HR von 1,29 [95 % Konfidenzintervall 1,15 – 1,42]. Ein mütterlicher Typ-1-Diabetes war assoziiert mit einem erhöhten Risiko für ADHS (HR 1,35 [95 % Konfidenzintervall 1,18 – 1,55]) im Vergleich zum väterlichen Typ-1-Diabetes (HR 1,20 [95 % Konfidenzintervall 1,03 – 1,41]). Der Unterschied war allerdings nicht signifikant.

Schlussfolgerung: In dieser retrospektiven Kohortenstudie zeigte sich ein um 29 % erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines ADHS bei Kindern von Eltern mit Typ-1-Diabetes. Der dem zugrunde liegende Mechanismus ist unklar und muss in weiteren Studien untersucht werden.

Kommentar: Eine Stärke dieser ungewöhnlichen und interessanten Studie ist zweifellos die große Zahl der rekrutierten Patienten. Andererseits zählt es zu den Defiziten dieser Erhebung, dass das Spektrum eines ADHS sehr breit ist und variable Muster einschließt. Deshalb müssen diese Ergebnisse auch mit großer Vorsicht und Zurückhaltung interpretiert werden. Der einfache Rückschluss, dass eine chronische Hyperglykämie der Eltern die kindliche Entwicklung negativ beeinflusst, wäre mit Sicherheit voreilig und zu vereinfacht.



Autor: Prof. Dr. med. Andreas Neu
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen
Hoppe-Seyler-Str. 1
72076 Tübingen
Tel.: 07071/29-83810

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2018; 18 (2) Seite 52